Montag, 26. August 2019

Die Zukunft Berlins – 1989

„Dreißig Jahre Einheit haben die Deutschen weiter voneinander entfernt als vierzig Jahre Teilung.“ (Andy Bonetti)
„Gewiss war das wuchernde, lärmende, ausgekochte, unverfrorene Berlin der zwanziger Jahre die absolute Antithese zu allem, was die Deutschen in der Provinz für deutsch hielten - ein furchterregender Moloch zwischen Moskau und New York.“
„Nach der Öffnung der Mauer haben die grauen Massen aus dem Umland West-Berlin überschwemmt.“
„Auch Konrad Adenauer versäumte nicht, seine Aversion gegen die gottlose Riesenstadt mit einem Vermerk über ihre geographische Gebundenheit publik zu machen. Der Sitz einer künftigen deutschen Regierung, so ließ er sich auf einer Wahlveranstaltung im Herbst 1946 vernehmen, müsse im Westen sein - dort sei ‚altes deutsches Kulturland und kein Kolonialland‘.“
„Der Stadthistoriker Dieter Hoffmann-Axthelm sieht die Stadt künftig als großes Armenkaufhaus. (…) Er erwartet ein bis zwei Millionen neue Einwohner – ‚aus allen Ländern des Ostens, auch die Russen werden kommen, das ist klar‘.“
„Berlin-Berlin wächst wieder zu Berlin zusammen, zur Metropole von morgen, zumindest zur Kernstadt eines bärenstarken Lebens- und Wirtschaftsraumes mit fünf Millionen Einwohnern.“
„West-Berliner Wanderer an Ost-Berliner Seeufern, Ost-Berliner Kids in West-Berliner Diskotheken, West-Berliner Makler auf Ost-Berliner Kundenfang - diese Zukunft hat schon begonnen. Mehr scheint nun sehr wohl möglich: ein gesamtberliner Flughafen, ein gesamtberliner Olympia, ein gesamtberliner Smog-Alarmplan.“
„Ein Faltblatt des DDR-Reisebüros (Motto: "Auf gute Nachbarschaft") mit den S- und U-Bahn-Linien beider Stadthälften ist in Vorbereitung, noch vor Jahresende soll die erste Gesamt-Berliner Karte in der DDR erscheinen. Die Presseämter der beiden Stadtverwaltungen wollen von Jahresbeginn an täglich Informationen per Kurier austauschen.“
„‘Das alte Herz Berlins wird wieder schlagen wie früher‘, frohlockte Momper. (…) Kollege Krack schwärmt, Berlin könne zu einer ‚Drehscheibe in der systemübergreifenden Kooperation der Gesellschaftsordnungen, zu einer Säule des künftigen Hauses Europa werden‘.“
„Die bundesdeutsche Staatslinie darf zwar aufgrund der alliierten Bestimmungen noch nicht in die ehemalige Reichshauptstadt fliegen. Doch Lufthansa-Planer rechnen damit, dass die Grenzöffnung der Stadt einen gewaltigen Zuwachs im Luftverkehr bescheren wird. Für das nächste Jahrtausend müsste daher schon jetzt ein neuer Großflughafen geplant werden.“
„Nachdem die Mauer gefallen ist, sind auch der Phantasie keine Grenzen mehr gesetzt. Manche, vor allem aus dem rechten politischen Spektrum, sehen jedoch auch schon wieder Glanz und Gloria früherer Zeiten heraufziehen. Die Kapitale an der Spree, 74 Jahre lang Regierungssitz erst des Kaiserreichs, dann der Weimarer Republik und schließlich der Nazis, könne nun, da die Einheit der Nation näher rücke, wieder zu Hauptstadtwürden gelangen.“
„‘Vergesst Bonn‘, empfahl die Bild-Zeitung (…). Darüber prangte eine Schlagzeile aus schwarzrotgoldenen Lettern: ‚Berlin wieder Hauptstadt!‘“
Alle Zitate aus SPIEGEL 52/1989

P.S.: Noch ein Schmankerl zum Schluss. „Die beiden deutschen Staaten, wie auch immer vereinigt, werden die stärkste Wirtschaftsmacht der EG sein. Sie werden sich nicht daran hindern lassen, ihren östlichen Landesteil mittels des verruchten, derzeit ja auch tatsächlich verkommenden, Kapitalismus zu kolonisieren, solange dazu noch Zeit ist.“ (Rudolf Augstein im SPIEGEL 46/1989 vom 13.11.1989).
ELO – Turn to Stone. https://www.youtube.com/watch?v=BDhJU_cNCZE

5 Kommentare:

  1. Tag des Toilettenpapiers 2019
    26. August 2019 in der Welt

    ... (ړײ) *weissteBescheid*

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  2. Provinz Ei und so weiter26. August 2019 um 10:11

    Ha, Berlin, blödes Drecklock.
    "Klamotten und Designer,
    Alles hohl und hundsgemein,
    Auf Bennetton und Lagerfeld fall ich nicht rein,
    Da bleib ich kühl, kein Gefühl.
    Nur deine blauen Augen
    Machen mich so sentimental"
    Wer das kennt hat auch schon einen 5er vorne dran.
    Die Leute aus großen Städten verändern sich persönlich gnadenlos.
    Sie sprechen anders, gehen anders, sind tatsächlich kälter und härter, halten aber körperlich nichts aus, z.B. ne Wanderung oder so. Also eigenlich gar nicht härter.
    Es sind meiner Meinung nach die größten Pfeifen, die nur durch ihrer Umgebung, Stadt, ständig so tun müssen, als seien Sie die Allergrößten. Ach irgendwie furchtbar, oder ?
    Hör ma uff.

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    1. Seit ich wieder zurück auf dem Land bin, sehe ich die Stadtmenschen durch meine alte Brille. Ich kann es gar nicht glauben, dass ich auch mal so gewesen bin. Es liegt auch an den Berufen der Stadtmenschen, die tägliche Heuchelei im Büro, die ständige Schauspielerei. Ich kenne hier im Dorf Handwerker, Arbeiter und Weinbauern. Da kannst du dir die Show am Arbeitsplatz oder in der Kneipe sparen. Man kennt sich. Hat auch seine Vorteile ;o)

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    2. Handfestes gibt es auch in jeder Stadt. Geht aber oft in den Heeren von Büroschauspielern und Versicherungsbeamten unter.

      Was sollen die wiederum anderes machen als Selbstvermarktung? Der Job austauschbar, persönliches Leistung meist nicht messbar und dann stehen die häufig unter Rationalisierungsdruck.

      Dazu noch ein riesiger künstlicher Arbeitsmarkt, staatsfinanziert weil Branchen die keiner braucht auch auf dem Land keiner braucht und auch sonst keiner weiß wohin mit den vielen Menschen.

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    3. Na ja, einen gewissen Wettbewerb gibt es auf dem Land durchaus auch.
      Nur ist er wesentlich physischer und gefährlicher.
      Wer fährt am schnellsten Motorrad, Ski oder macht mit dem Gleitschirm die waghalsigsten Manöver oder klettert den höchsten Schwierigkeitsgrat und macht die schwierigsten Touren oder schießt die Tore in der Kreisklasse.
      Hier gibt es parallelen. Aber ehrlicher.

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