Donnerstag, 11. Juli 2019

Nebel, Steine, Regen

Stonehenge. Ich habe mal eine Woche Urlaub im Südwesten Englands gemacht. Habe ich mir nicht angeguckt. Ein Steinkreis. Na und? Den sehe ich mir dreißig Sekunden lang an und dann wird mir langweilig. Was machen die Touristen da? „Oh, ein Steinkreis. Den gibt’s schon sehr lange. Den haben Menschen gebaut. Ohne Bagger und ohne Baugenehmigung. Wie beeindruckend.“ Es ist ein verdammter Steinkreis, mehr nicht! Hätten die Leute damals schon anständige Uhren gehabt, hätten sie sich dieses Teil sparen können. Und überhaupt: wie unpraktisch. Da muss ich jedes Mal nach Stonehenge reisen, wenn ich wissen will, wie spät es ist. Echt jetzt?! Die Wahrheit ist doch: Die Leute hatten vor fünftausend Jahren ein primitives und langweiliges Leben. Zum Glück sind sie früh gestorben.
An was erinnere ich mich spontan, wenn ich an die Reise im Sommer 1997 denke, die glücklicherweise wenige Tage vor Prinzessin Dianas Tod endete, als ganz Britannien in Trauer versank? Die ist zunächst die Anfahrt mit dem Zug durch den Tunnel unter dem Meer. Le Shuttle. Hatte ich mich spektakulär vorgestellt. So ein Jules Verne-Moment, den man nie vergisst. Was ich nicht bedacht hatte: Im Tunnel sind alle Tunnel gleich. Ob über dir das St. Gotthard-Massiv ist oder der Ärmelkanal. Es war eine Enttäuschung. Aber ich hatte es gemacht. Immerhin. Ich kann mich an Rye erinnern, dass ich nur sehen wollte, weil es ein Lied von Queen gibt: „The Seven Seas of Rye.“ Das Lied ist besser.
Am schönsten fand ich es in Porlock Weir und in Mousehole, winzige Häfen, die eine wohltuende Ruhe ausstrahlen. In Mousehole sah ich in der Abenddämmerung eine junge Frau aus dem Haus treten, deren Gesicht völlig deformiert war. Vielleicht eine Zangengeburt? Elefantenmensch nix dagegen. Die Augen nicht nur nebeneinander, sondern auch übereinander. Frankenstein-Stirnmassiv. Bin ich erschrocken! Gothic Horror. Hat sie gewartet, bis die Sonne untergegangen war, um es in dieser abgelegenen Seitengasse zu wagen, das Haus zu verlassen?
In Plymouth habe ich mir eine Regenjacke gekauft, weil ich nur mit einer Jeansjacke bekleidet losgefahren war. Schon am nächsten Tag brach der Griff des Reißverschlusses während einer Wanderung im Dartmoor Nationalpark ab und meine praktisch veranlagte Reisebegleiterin reparierte das Malheur, während ich noch die Fäuste zum Himmel erhoben hatte und den Verkäufer verfluchte, mit einem Haargummi, der auch heute noch, 22 Jahre später, mit Ruhe und Zuversicht seinen Dienst versieht.
Ich erinnere mich an das Bed & Breakfast am Meer, wo der Nebel so stark war, dass man noch nicht einmal das Ende des Gartens sehen konnte. Die Socken, die ich mit Rei in der Tube im Handwaschbecken gewaschen und auf einer Stuhllehne drapiert hatte, wurden tagelang nicht trocken. In Helston gab es einen preisgekrönten Fish & Chips-Laden, auf Regalen standen riesige Pokale für gewonnene Weltmeisterschaften und Landesmeisterschaften. Die Schlange ging bis auf die Straße und das Essen schmeckte köstlich. Die Felsen an der Steilküste. Das Ehepaar, dass im Nieselregen auf der Terrasse eines Restaurants eine Mahlzeit zu sich nahm, sich angeregt unterhielt und das Wetter einfach ignorierte.
Ich erinnere mich an entspannte Fahrten über schmale Landstraßen. Nachdem ich mich bereits in Brighton klugerweise auf meine Brille gesetzt hatte, die ich selbstverständlich auf dem Fahrersitz abgelegt hatte, wie es jeder Optiker empfehlen würde, hatte ich als Beifahrer alle Zeit der Welt, um die liebliche Landschaft zu bewundern. Zur Illustration ein Beispiel: In einer Kurve lag ein Autowrack, daneben torkelte ein blutüberströmter Mann an der Böschung. Zwanzig Meter weiter standen ein paar Jugendliche und lachten über die entsetzten Gesichter der Vorbeifahrenden. Humor nach meinem Geschmack.
Heute verreise ich nicht mehr. Ich habe meine Erinnerungen. Notizen. Landkarten. Bilder aus dem Internet, weil ich meine Reisezeit nicht mit Fotografieren verschwendet habe.
Billy Cobham – Stratus. https://www.youtube.com/watch?v=b1rX9E8NuRw

7 Kommentare:

  1. Danke für den Reisebericht, unsere Enkelin will unbedingt mit uns nach England. Wir werden wohl irgendwann kurz an die Südküste fahren, mit dem Zug.
    Schön ist dass Du die Notizen und Karten verwahrt hast, sie sind für mich viel interessanter als tausendfach abgelichtete Denkmäler. Stonehenge gefällt mir nicht wegen der Steine, sondern wegen der Ideen, die Auslöser des Bauens waren. Die Menschen haben über sich hinaus gedacht, ist nicht selbstverständlich.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. "Die Menschen haben über sich hinaus gedacht."

      Wenn das die Leute begeistern würde, hätte dieses Blog mehr Leser :o)

      Löschen
    2. Spricht gegen die Leute.

      Löschen
    3. Was ist Masse gegen Qualität? Lieber Matthias, Deine Argumentation ist kleinlich :o), freue Dich einfach über treue Leserinnen und Leser, wenn Du die Masse erreichen willst, solltest Du BLÖD- Kommentare bei denen schreiben. Oder Fußballberichte...

      Löschen
    4. Danke! Ich habe immerhin mehr Follower als Jesus :o)))

      Ich schreibe wie andere vermutlich stricken oder jäten. Ich kann einfach nicht anders.

      Löschen
  2. Der griechische Mathematiker und Physiker Archimedes (um 287 - 212 v. Chr.) war einer der größten Mathematiker aller Zeiten. Der Legende nach war er eines Tages damit beschäftigt, geometrische Figuren in den Sand zu zeichnen, als die Römer anrückten, um ihn festzunehmen. Archimedes war jedoch so sehr in seine Aufgabe versunken, dass er barsch mit dem Satz reagierte: "Störe meine Kreise nicht." Dies machte einen der Soldaten so zornig, dass er den alten Mann erschlug.


    „Wir würden gar vieles besser kennen, wenn wir es
    nicht zu genau erkennen wollten.“

    Johann Wolfgang von Goethe

    Komisch, ich sehe überhaupt nix mehr, was weiter als 25 cm weg ist ;)))
    ... soviel zur Altersweitsichtigkeit !?!

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. @angelnette: Du bist kurzsichtig, nicht weitsichtig. Kann sein , dass die KUrzsichtigkeit im Alter besser wird, weil die Brechkraft der Linse geringer wird.

      Löschen