Dienstag, 9. Juli 2019

Der schwarze Regenbogen

Rainer Pawelka hatte es geschafft. Glücklich, aber nicht unverdient, saß er im Regionalexpress, der ihn nach Hause bringen sollte. Die Weihnachtsfeier im Büro lag hinter ihm. Er war satt und zufrieden, bald würde er einige Tage frei haben. Am Buffet hatte er nichts ausgelassen. Pawelka besaß die unerschöpfliche Fähigkeit zur Aufnahme großer Mengen von Riesling und Grauburgunder.
Der Zug setzte sich ruckend in Bewegung. Er verließ den Hauptbahnhof und bald glitt die Landschaft an seinen müden Augen vorüber. Kleine Lichter in der Ferne, Abenddämmerung, dazu das monotone und betäubende Geräusch aller Bahnreisen. Ihm gegenüber saß ein dicker Mann in einem dunklen Anzug. Seine kleinen, listigen Augen lugten aus dem rosigen Speck hervor, als seien sie hinter Schießscharten verborgen. Daneben eine junge Frau, die auf ihr Smartphone starrte. Blass und schön wie eine Perle.
Als Pawelka aufwachte, war er allein. Draußen war es finster geworden und selbst die Zugbeleuchtung wirkte schwächer als bei Abfahrt des Zuges. Er sah auf seine Uhr. Er hatte drei Stunden geschlafen. Seine Heimatstadt lag längst hinter ihm. Wo war er? Soweit war er noch nie gefahren. Dann hörte er die Durchsage aus den Lautsprechern: „In wenigen Minuten erreichen wir die Endstation. Bitte alle aussteigen.“ Hoffentlich gab es noch einen Zug zurück, dachte er. Der viele Alkohol hatte ihn erschöpft und er wollte nur noch nach Hause.
Als er ausstieg, stand ein einziger Mann auf dem Bahnsteig. Er trug einen Anzug, schwarze Handschuhe und eine Mütze. Pawelka ging in Richtung Fahrplan, als der Mann ihn ansprach. „Ihre Limousine wartet schon.“ Limousine? Würde die Bahn ihn etwa mit einem Chauffeur zurückbringen? „Da muss ein Missverständnis vorliegen“, antwortete er. „Nein, alles ist vorbereitet. Bitte folgen Sie mir.“
Vor dem Bahnhofsgebäude stand ein schwarzer Rolls-Royce. Der Chauffeur hielt ihm die Tür auf und Pawelka stieg ein. Sie fuhren eine Weile durch die fremde Stadt, der Chauffeur sprach kein Wort. Dann hielten sie vor einem prächtigen Gebäude. Der Chauffeur öffnete ihm die Tür. Pawelka stand auf dem Bürgersteig und las die Leuchtbuchstaben auf der Fassade: GRAND HOTEL. Ein elegant gekleideter älterer Herr kam auf ihn zu. „Schön, dass Sie endlich da sind. Wir haben für Sie die Präsidentensuite reservieren lassen. Kommen Sie bitte mit mir.“ Das kann nicht wahr sein, dachte Pawelka. Ist die Deutsche Bahn jetzt endgültig durchgedreht? Er betrat das Foyer, das voller Menschen war. Alle drehten sich nach ihm um, die Gespräche verstummten. „Hier entlang“, sagte der ältere Herr.
Pawelka betrat einen Saal. Er war voller Menschen, die bei seinem Anblick Beifall klatschten. Er wurde auf eine Bühne geführt, auf dem ein Rednerpult stand. Der ältere Herr wandte sich an das Publikum. „Meine Damen und Herren! Es freut mich, Andy Bonetti in unserer schönen Stadt begrüßen zu dürfen und heiße ihn im Namen aller Bürgerinnen und Bürger herzlich willkommen.“ Applaus. „Er wird heute weltexklusiv aus seinem neuen Roman ‚Der schwarze Regenbogen‘ vorlesen.“
Alle Menschen im Saal standen auf und klatschten minutenlang. Dutzende von Reportern hatten sich vor der Bühne versammelt, die Blitzlichtorgie nahm kein Ende. Fans drängelten sich nach vorne, um ein Autogramm zu bekommen. Wildfremde Menschen umarmten sich auf den Straßen. Pawelka trat ans Rednerpult, wo ein schmales Buch lag. Er schlug es auf und begann zu lesen.
Nina Hagen - African Reggae. https://www.youtube.com/watch?v=yVxc_9CpFvY

2 Kommentare:

  1. ... danach tanzten ALLE -> Rock 'n' Roll am 9. Juli 2019 in der Welt ♫ schallalala ♪ ♫ ♫ *headbanging*

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  2. Eine tolle Geschichte, hat aber auch etwas von einem Alptraum. Ich wollte einmal von Südfrankreich nach Straßburg und wachte im Saarland auf. Hatte den Umstieg verschlafen, fuhr dann im Bogen über Nancy zurück- und nie eine Kontrolle!

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