Mittwoch, 12. Juni 2019

Vergessen, vorbei und Uwe

„Gegen Abend. Ich höre dem Regen auf den Fensterscheiben zu. Ein Telefon klingelt, aber ich bleibe einfach sitzen.“ (Johnny Malta: Während ich schlief – Liebesroman für Männer, die sonst nie weinen)
Ein Gesicht wie eine gescheiterte Hodensackstraffung, dazu der würzige Duft ungeduschten Fleisches, das war Joachim Bohnenkraut. Ein leichenblasser Stubenhocker und Bücherwurm, ein bärtiges Nichts, das sich offenbar ausschließlich von einer Gemüsejauche ernährte, die er Smoothie nannte.
Sein Gegenspieler war wie eine Sonnenfinsternis. Man musste Glück haben, wenn man ihn mal bei Tageslicht sehen wollte. Und wenn man ihn getroffen hatte, würde man es lange nicht vergessen. Langzeitarbeitslosigkeit, Alkohol und Gleichgültigkeit hatten dieses Gesicht geformt: Rocco Bandowski. Ein tätowierter Buddha im Unterhemd. Sein schlechter Ruf reichte im Westen bis Braunschweig und im Süden bis Cottbus. Er trug dunkelbraune Après-Baustelle-Boots von Gianni Deichmann.
Die Begegnung der beiden Männer am Nachmittag des 9. Juni in der U8 konnte nicht gutgehen. Wir wussten es alle. Rocco war in der Pankstraße zugestiegen, Joachim am Kotti. Niemand weiß mehr, wohin sie wollten. Und so nahm das Drama seinen Lauf. War es das vor Ironie triefende Modern Talking-Shirt von Joachim, das den Konflikt schließlich offen ausbrechen ließ? Das verwaschene Hertha-Trikot von Rocco? Ging es um Liebe, ging es um Geld? Was können wir dem Polizeibericht entnehmen?
Jeder erzählt dir, Berlin hätte sich verändert, und fängt an, von irgendwelchen Baustellen zu erzählen. Oder es wären andere Zeiten. Aber es sind die Menschen, die sich verändert haben. Wir wissen so wenig über diese Stadt, über die biochemischen Prozesse in ihrem Inneren. Niemand erzählt die kleinen Geschichten.
The Flowerpot Men – Let’s Go To San Francisco. https://www.youtube.com/watch?v=NToAKYKnBzo

Kommentare:

  1. Es hat sich tatsächlch einiges verändert, schleichend.
    Gestern einen Tatort von 2002 gesehen.
    Das die Handys keine Fotofunktion hatten war nur ein Detail, die Kommisarin mußte noch einen richtigen Fotoapparat verwenden, schon digital, trotzdem.
    Nein, man hat irgendwie anders geredet und sich anders verhalten, nur ein wenig, kaum wahrnehmbar, trotzdem. Und wenn man einen Schimanski aus den 80ern sieht denkt man, das war vor 100 Jahren.

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  2. ... gar nicht an die nächsten Hundert Jahre denken möchte/will/tute

    https://www.youtube.com/watch?v=RP21evYWHmo

    *tuuuut*

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  3. Wenn ich denen begegne schaue ich neutral und weg. Zwei Alphatierchen ohne Perspektive, auch tolle Shirts oder eine Tätowierung retten nichts.

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    1. Neutrales Wegschauen könnte als Provokation verstanden werden.

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  4. Drum Radfahren, oder Taxi, so man es sich leisten kann.
    Wenn ich schon mal öffentlich verkehren muß mach ich das nur sehr ungern, bei aller Sympatie für den ÖPNV.
    Das letzte mal war das so:
    Eine Türkin laberte die ganzen 30 min. am Stück mit Anatolien oder Duisburg Marxloh.
    Das kann nerven, egal ob Türkisch oder Schriftdeutsch, weil ein anderer die Fahrgäste via Handy mit seinen Probleme mit dem Netzanschluß unterhielt. Bzw. die Hotline.
    Einer stank nach Knoblauch, ein anderer hatte gerade eine Line Coks hochgezogen und mußte die ganze Zeit die Nase hochziehen. dann noch 2 Cyborgs mit Ohrenstöpsel.
    Sigidi Sigidi Sigidi....
    Wenn man das nicht gewohnt ist hat man schnell keinen Bock mehr.
    Uha....anstrengend.

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