Donnerstag, 27. Juni 2019

Silver Memories

Eine der frühesten Erinnerungen an meine Kindheit ist ein Unfall. Ich rolle auf meinem Dreirad den Hof hinunter und knalle gegen das geschlossene Eisentor. Ich hatte es nie gelernt, das Dreirad richtig zu fahren. Ich stieß mich einfach mit den Füßen ab oder ließ mich rollen, daher wusste ich auch nicht, wie man bremst. Keine Ahnung, wie lange ich bewusstlos war. Irgendwann kam mein Opa in den Hof und fand mich. Die Kopfwunde wurde im Krankenhaus genäht. Meine Eltern waren damals mit meiner Schwester in den Urlaub gefahren, mich hatte man bei den Großeltern geparkt. Ein Alkoholiker und eine Gehörlose. Als man 2013 meine Rübe mit einem Kernspintomographen untersucht hat, fand man auf den Bildern noch Spuren des Einschlags.
Ich war vier Jahre alt, als mich ein größerer Junge vom Beckenrand des Freibads in Ingelheim ins Wasser stieß. Da ich nicht schwimmen konnte, sank ich auf den Beckenboden. Ein Jahr lang bekam ich Schreikrämpfe, wenn ich nur das Geräusch des Wasserhahns hörte. Meine Mutter überraschte mich morgens im Schlaf mit einem nassen Waschlappen, den sie mir ins Gesicht klatschte, um wenigstens für ein Minimum an Hygiene zu sorgen.
Ein Jahr Kindergarten. Ich heulte und schrie wie am Spieß, wenn ich dorthin musste. Zu zweit hat man mich ins Spielzimmer getragen. Ziemlich oft flog ich raus und stand allein auf dem leeren Flur. Ich war jedes Mal froh, wenn die vier Stunden um waren. Die Schule hat mir auch nie gefallen.
Als ich sechs Jahre alt war, hat sich zum ersten Mal die Polizei mit mir befasst. Wir waren im Sommerurlaub an der Ostsee. In der kleinen Pension hatten wir zwei Doppelzimmer, die nebeneinander lagen. In einem schliefen mein Vater und ich, im anderen seine neue Freundin und deren Tochter. Meine Eltern hatten sich scheiden lassen. Eines Abends gingen mein Vater und „Tante Sigrid“ essen und sperrten uns Kinder in die beiden Zimmer ein. Als sie weg waren, öffneten wir die Fenster und unterhielten uns, während wir auf dem Fensterbrett lehnten. Wir wurden immer lauter und riefen den Passanten irgendwelche Frechheiten zu, bis jemand die Polizei rief. Als unsere Eltern zurückkamen, gab es natürlich ein Donnerwetter.
Helikoptereltern? Der Himmel über meiner Kindheit ist leer gewesen. Ich fuhr allein zum Fußballtraining oder zu Freunden, selbst wenn sie im Nachbarort lebten. Mein Vater hat mich nie Fußball spielen sehen, obwohl ich bis zum Ende der A-Jugend im Verein gespielt habe. Nach der Klassenfahrt wurden die anderen Kinder am Bahnhof abgeholt, ich ging allein nach Hause. Bei der Vergabe der Abiturzeugnisse war niemand von meiner Familie anwesend, obwohl es ein Samstagvormittag war. Es gab noch nicht mal ein Familienessen, als ich meinen Magister geschafft hatte oder den Doktortitel tragen durfte.
Bis zu meinem achtzehnten Geburtstag bin ich nur vier Mal geflogen. 1976 Mallorca hin und zurück und 1982 Teneriffa hin und zurück. Schade, dass die Umweltbilanz damals noch kein Thema war.
Meine Mutter hat mein Kinderzimmer nach meinem Auszug komplett geleert. Ich habe bis heute nur meine Tagebücher und Texte, Fotoalben und Zeugnisse. Meinen Lieblingsteddy hat sie während eines Spaziergangs in eine Mülltonne geworfen, weil er ihr schmuddelig vorkam. Da war ich drei oder vier Jahre alt. Als ich im Alter von elf oder zwölf nach Hause kam, fand ich einen Teil meiner Spielsachen auf dem Sperrmüll. Die Nachbarskinder balgten sich um die besten Sachen.
Andererseits: Können Donald Trump oder Paris Hilton solche Stories erzählen?
Genesis – A Winter’s Tale. https://www.youtube.com/watch?v=AEBmgvJ-zOI

7 Kommentare:

  1. Genau so war es, bei uns allen, vielleicht nicht ganz so traumatisch mit fast ertrinken, ich konnte irgendwie gleich Schwimmen, aber wir waren irgendwie lästig.
    Wir liefen so nebenher, wir waren halt da. Fertig.
    Wenn ich zu meinem Vater sagte, also ich geht jetzt da oder da hin, im Winter, hieß es nur " is recht".
    Da sprang keiner auf und meinte ob er mich fahren sollte.
    Wäre ja auch maximal peinlich gewesen, mit der Karre der Alten vor den Club gefahren zu werden. Aber hallo ! So man überhaupt ein Auto hatte !
    Ne Ne, war schon alles OK so. Frage mich, wie das mit den Typen heute so weiter geht.
    Kriegen eine Karre gezahlt, neues Teil, Flugreise nach dem Abi, lebten vorher schon in der Einliegerwohnung mit eigenem Klo und Bad, mein Gott war das ein Akt mit der Freundin, wenn man die Bude mit den Geschwistern teilen mußte....
    Ich muß echt lachen.

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    1. Man ist früh selbstständig geworden, das finde ich auch gut. Die Kinder von Helikoptereltern werden spät bis gar nicht erwachsen. Der hypersensible Narzissmus der Nachwuchsgeneration kann einem schon auf den Nerv gehen. Bei uns hätte sich niemand für die Nummer "Prinz oder Prinzessin auf der Erbse" interessiert.

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  2. Dieser Post läßt mich betroffen dasitzen, es gibt halt keine Prüfungen für Eltern. Und ich denke auch, diese Elterngeneration hatte auch Probleme. Sie waren anders als die heutigen, vielleicht sind Menschen einfach so fehlbar. Ich sollte z.B. vom Hasenbraten essen- es war mein Schmusehasen. Wie anders können wir mit dem Erlebten umgehen, als nach vorne schauen. Es war Mist und ist vorbei.

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    1. Meine Eltern sind richtig beschissen aufgewachsen. Mein Vater noch im Dritten Reich mit reichlich Prügel. Meine Mutter mit Flucht und Lager. Es klingt nach dem Text merkwürdig, aber ich denke gerne an meine Kindheit zurück. Noch heute verstehe ich mich gut mit meinem Vater. Es sind ja auch die Silver Memories, nicht die Golden Memories ;o)

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  3. UNsere beiden, geliebten Stallhasen wurden, von der Tante gegessen,
    und WIR habe sie - jahrelang - im Tierpark gesucht ...
    da hätten, die Eltern sie - gut - untergebracht ;)))

    *KINDHEITSerinnerungenvomFEINSTEN...undSCHÖNwarse...mitbarfußlaufenamAsphlatklebenbleibenundKranewassertrinken...gegendenDurstundZuckerbrotmalzwischendurch*

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  4. Richtig, die Eltern, zumindest der Generation 50/60er, waren Kriegsteilnehmer, mit Flucht, Bombennächten, Lager und Hunger, um nur ein paar Dinger zu nennen, ( die Mütter ), die Väter noch mit Krieg führen, wenigstens Flackhelfer, wenn Sie noch jünger waren, da hat es auch bum gemacht, oder zum Schluß noch Schützengräben schaufeln am Westwall.
    Deren Väter wiederum waren im ersten Weltkrieg noch dabei, also auch im höchsten Maße traumatisiert. Jedenfalls mein Opa. (Verdun) Also eine komplett verrückte Gesellschaft, durch und durch geprägt von Gewalt und Härte, natürlich auch wärend der Erziehung.
    Das da der Umgang miteinander etwas derber ist erscheint logisch.
    Die Eltern heute sind derart weichgespühlt, es ist putzig. Natürlich total schön für die Kinder, aber nicht förderlich für das weitere Leben. Irgendwie.....

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  5. Trauma ist immer, kommt man nicht drum rum. Besser beim halbersaufen als irgendwas mit Wattebäuschen.

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