Samstag, 8. Juni 2019

Rotes Gold – Sind Tampons Luxus?

Es ist der neue Nebenkriegsschauplatz für Leute, die bei der Hitze keinen Bock auf Klima oder soziale Ungleichheit haben, sondern lieber ein Thema diskutieren möchten, das extrem schlicht ist: Warum zahlt man für Hygieneartikel eigentlich den normalen Mehrwertsteuersatz, vom Damenstammtisch gerade zur „Luxussteuer“ gehypet?
1968. Die Studentinnen und Studenten gehen auf die Barrikaden. Enteignet Springer. Verbrennt die BHs. Bildet Banden. Im Schatten dieser Entwicklung zieht die Bundesregierung, übrigens damals schon eine Koalition aus CDU/CSU und SPD, einen folgenschweren Coup durch: die Mehrwertsteuer wird eingeführt. Bei allem, was verkauft wird, hält Vati Staat künftig sein Händchen auf. Die Händler werden gezwungen, als Steuereintreiber zu arbeiten. Fünf Prozent auf Dinge des täglichen Bedarfs, zehn Prozent auf alles andere.
Heute sind es 19 (Normsatz) bzw. 7 Prozent (ermäßigter Satz) und die Aufteilung der Produkte und Dienstleistungen auf diese beiden Kategorien ist einfach nur crazy. Milch kostet 7 Prozent, Sojamilch 19 Prozent. Tiernahrung 7 Prozent, Babynahrung 19 Prozent. Äpfel 7 Prozent, Apfelsaft 19 Prozent. Halten Sie Gemälde und Reitpferde für Luxus? Nicht der Gesetzgeber. Black Beauty oder einen Picasso gibt’s für 7 Prozent. Burger im Fastfood-Restaurant essen – 19 Prozent, to go – 7 Prozent. Wachteleier und Trüffel – 7 Prozent, Süßkartoffeln – 19 Prozent. Hotelübernachtung und Taxifahrt – 7 Prozent, Bierchen trinken – 19 Prozent.
Sie haben jetzt das Bedürfnis, irre zu lachen? Nur zu. Willkommen in der Hölle der Steuergesetzgebung. Wer nach dem Sinn dieser Regelung fragt, kommt darin um. Zurück zum Tampon. Es stellt sich die alte Frage: Lohnt es sich, für diese Sache in den Krieg zu ziehen? Selbst wenn der Gesetzgeber den Mehrwertsteuersatz senkt, muss der Handel diese Senkung nicht komplett an die Kundin weitergeben. Aber nehmen wir mal an, er tut es. Wie viel Geld spart man im Jahr, wenn der Stückpreis pro Tampon, sagen wir mal, von 12 auf 11 Cent sinkt? Grob gerechnet verbraucht eine Frau etwa 10.000 Tampons im Leben. Dann reden wir über einen Hundert-Euro-Schein als Ersparnis – verteilt über Jahrzehnte der Menstruation. Der Kampf für gleiche Löhne erscheint mir, rein ökonomisch betrachtet, viel sinnvoller. Aber wir sind in Deutschland. Da geht es natürlich grundsätzlich „ums Prinzip“.
P.S.: Die Debatte über die Besteuerung von Hygieneartikeln ist übrigens keine deutsche Erfindung. Sie ist aus dem fernen Australien zu uns gekommen. Auch nicht erst seit einer SPON-Kolumne oder der neuesten Folge von Pussyterror am Donnerstag. Guckst du hier: https://www.deutschlandfunkkultur.de/debatte-um-tampon-steuer-ungerecht-weil-maenner-nicht.976.de.html?dram:article_id=438934
P.P.S.: Fun Fact For Fans: Für eine Fahrt mit der Bahn zahlen wir 19 Prozent und für einen Flug … Trommelwirbel … Tusch … null Prozent. Kerosinsteuer gibt’s ja sowieso keine. Umweltfeindliches Verhalten wird von der Regierung Merkel immer noch subventioniert. Auch dafür ein kleines Dankeschön.
Beginner – Liebeslied. https://www.youtube.com/watch?v=k8gNzJcpHW0

6 Kommentare:

  1. https://www.youtube.com/watch?v=lfhzUSplklA
    Hier der Text zum mitsingen:

    Steuerfreie Verpflegungspauschale,
    musse nixe bezahlte,
    Einkünfte aus selbständiger Arbeit,
    ob in Voll- oder Teilzeit.

    Kostet dich was?
    Macht keinen Spaß!

    Schönes Pfingst - WE ( steuerfrei ...vieleicht ) wünsch ♥ (ړײ) ✿

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Danke, dir und allen anderen wünsche ich auch schöne Pfingsten. Bei mir stürmt es allerdings.

      Löschen
  2. Hilfe, mir wird schwindlig! Ich hatte diese Tatsachen erfolgreich wieder verdrängt, und Du holst sie hervor. Wie bescheuert ist das alles, und läuft, und läuft, und läuft...
    Die Diäten übrigens nicht, da sind Änderungen möglich, oder bei Vorschriften.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Selbstverständlich sollten alle Hygieneartikel nur mit 7% MWSt belegt werden.

      Löschen
    2. Bierchen trinken auch.

      Löschen
  3. Im Lande der DIN Normen wäre eine sinnvolle Klassifizierung wohl kein Problem.

    Die "wirre" Gesetzgebung ist aber imo gewollt. Damit wird vom Raubzug an den Konsumenten abgelenkt. Es ist auch die Voraussetzung um die Steuerberater und Anwälte ein schönes Einkommen auf Kosten anderer zu verschaffen.

    Wie sagte Seehofer erst gestern so trefflich: "Gesetze sollen! kompliziert sein". Lediglich seine Begründung adressiert TV- und Politlobotomierte

    AntwortenLöschen