Sonntag, 16. Juni 2019

Berlin in den neunziger Jahren

Es gab ein paar Orte, in denen sich in den neunziger Jahren das Berlin manifestierte, das ich als junger Mensch zum Lebensmittelpunkt gewählt hatte. Dazu gehörte das Tacheles, eine aufgegebene Ruine, in der sich junge Künstler eingenistet hatten. Ein unwirklicher Ort mit einer Beleuchtung, die eher an eine Opiumhöhle erinnerte, voller Menschen und fröhlichem Lärm, Kunst in jeder Ecke und an jeder Wand. Das genaue Gegenteil zu einem Museum, das grell erleuchtet, totenstill und perfekt organisiert ist. Ein Ort der leblosen Kunstverwaltung, in der sich das bürgerliche Publikum sichtlich geborgen fühlt. Das Tacheles lebte, man hörte das Herz der Kunst pochen. Auf der Brache hinter dem Haus lagen oder standen Skulpturen, ich wusste gar nicht, was hier fertig oder halbfertig oder einfach nur Schrott war. Auf dem Bürgersteig standen die grell geschminkten Nutten. Tacheles bei Nacht, das war für einen Berlin-Novizen eine Mutprobe.
Oder die Volksbühne, wo Theater gebrüllt und erlitten wurde. Regisseure und Schauspieler, die vor Kraft kaum laufen konnten. Die Eintrittskarten waren billig, das Publikum jung. Pensionierte Theaterabonnenten aus der westdeutschen Provinz verließen regelmäßig entrüstet die Aufführungen, wir lachten nur und wollten mehr. Die besetzten Häuser im Prenzlauer Berg, meine Kreuzberger Stammkneipen „Kloster“ und „Intertank“. Im Rückblick waren die Neunziger in Berlin eine ebenso intensive Erfahrung, wie es die Zwanziger und die Sechziger/Siebziger gewesen sein müssen. Vorbei. Es gibt diese Orte nicht mehr. Entweder wurden sie geschlossen wie das Tacheles, erst saniert und dann gentrifiziert wie der Prenzlauer Berg oder sie existieren nur noch dem Namen nach wie die Volksbühne. Berlin ist heute nur noch die Kulisse für meine Erinnerungen an die Neunziger. Wird es zu meinen Lebzeiten noch einmal ein solches Jahrzehnt geben?
Rainbow – All Night Long. https://www.youtube.com/watch?v=EjDTq25XsH8

Kommentare:

  1. Das Jahrzehnt davor -von Ost-Berlin kann ich nicht sprechen- war auch nicht ohne. ;-)

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    1. Ich bin erst 1991 nach Berlin gezogen, in den achtziger Jahren war ich nur zu Besuch bei Freunden im Wrangelkiez.

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  2. Ich war zum letzten "revolutionären 1. Mai" in der Gegend und musste feststellen, dass das Intertank seine spektakuläre Cocktailkarte beim Besitzerwechsel vor einigen Jahren in den Keller verbannt hat. Der "Dr. Brinkmann Spezial" war legendär! Eine verflüssigte Schwarzwälder Kirschtorte mit Bums. So sad...

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    1. War der Intertank früher nicht sowieso im Keller? Kann mich leider nur noch dunkel erinnern. Kenne auch nur das Self-Service-Beck's aus der Flasche und Whisky.

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  3. Der Spaziergang auf dem Gelände und im Haus war für mich eine Entdeckungsreise, sehr viel mehr als im Museum. Genau wie Du schreibst, ich spürte, da war Platz für alles und jeden/jede. Als die Strukturen kommen sollten zerbröselte alles, es ging wohl um Geld. Als Besucherin vom Land bekam ich nicht die Feinheiten des Streites mit. Schade um ein Stück Anarchie, oder was auch immer.

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  4. Live Ticker ...gerade - im ZDF - der Fernsehgarten der 90ern ;)))

    https://www.youtube.com/watch?v=zDEDWW7uh6Y

    *zum heutigen Fresh Veggies Day 2019
    - am 16. Juni 2019 in der Welt - eine Runde Smoothies ausgeb und mit den HITS - von damals - mit sing und trällernd hüftewackel*

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    1. Fernsehgarten? Engelchen, guck doch mal aus dem Fenster.

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    2. UND ... DU,
      sitzt
      - im Garten -
      am Laptop ?!?

      *augenroll*

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    3. Ich komme gerade aus dem Garten. Habe die Hecke geschnitten. Warum gibt es dafür noch keine App?

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