Donnerstag, 13. Juni 2019

2121

Ein schöner neuer Tag beginnt. Es dauert einige Minuten, bis der Klang des Windspiels mich weckt. Es wird von Minute zu Minute ein wenig lauter. Es ist kein echtes Windspiel, der Klang kommt aus den Lautsprechern, die in der Decke integriert sind. Heute rieche ich Waldluft. Der Duft wird von der Klimaanlage jeden Tag neu ausgewählt. Natürlich könnte ich auch eine andere Duftnote wählen, aber er gefällt mir.
Gegenüber meinem Bett sind die Küchenzeile und eine Sitzgruppe. Ich nehme mir eine Papaya und eine Mango zum Frühstück aus dem Kühlschrank, dazu trinke ich Mandelmilch. Auf dem großen Panoramabildschirm sehe ich mir Phantasielandschaften an, den Ton habe ich abgeschaltet. Viertel vor neun verlasse ich mein Apartment in Block C.
In den Boden des Verbindungsgangs zu Block A sind Laufbänder eingelassen. Es gibt sie in zwei Geschwindigkeiten. Wer es eilig hat, kann vom langsameren auf das schnellere Band wechseln. Diese Laufbänder verbinden alle Teile der Weißen Stadt miteinander. Ich lasse mir Zeit. Vom zentralen Block A ist es nicht mehr weit zu meinem Arbeitsplatz.
Punkt neun komme ich an. Ich arbeite im Botanischen Garten III. Ich führe Schulklassen durch unseren wunderbaren Garten, der unter einem gigantischen Kuppeldach aus Plexiglas liegt. Man kann den hellblauen Himmel sehen. Der Blick auf die Welt außerhalb der Stadt ist durch die üppige Vegetation verstellt. Aber es gäbe ohnehin nichts mehr zu sehen. Eine trostlose Einöde, verkrustete ockerfarbene Erde, wasserloses Land.
Die Schülerinnen und Schüler sind zwischen drei und zehn Jahre alt. Ich erkläre ihnen die Funktion der einzelnen Pflanzen, die ganz Kleinen dürfen auch die Blätter berühren. Sie hören aufmerksam meinen Erklärungen zu und haben nur wenige Fragen. Jede Führung dauert eine Stunde. Um 13 Uhr, nach vier Stunden, habe ich Feierabend und gehe in eines der Restaurants im Zentrum der Weißen Stadt, um etwas zu essen. Ein köstlicher Kartoffelauflauf, der mit veganem Käse überbacken wurde.
Jeden Tag habe ich von 14 bis 16 Uhr Konsumzeit. Ich nehme einen Fahrstuhl zur Mall in den obersten drei Etagen von Block A. In zwei Stunden gebe ich hundert Kreditpunkte aus. Das ist die Empfehlung. Man muss nicht jeden Tag hundert Punkte ausgeben, aber am Ende des Monats sollte man die dreitausend Kreditpunkte vom Konto gelöscht haben. Ausnahmen, beispielsweise größere Anschaffungen wie ein neues Smartphone, müssen beantragt werden. Wer die Kreditpunkte nicht ausgibt, bekommt sie gestrichen. Dann werden Waren im Wert dieser Kreditpunkte vernichtet, das wäre also zugleich unökonomisch und unökologisch. Verschwendung von Nahrungsmitteln und Bekleidung wird in der Weißen Stadt nicht gerne gesehen. Wer über eine Krankmeldung verfügt, darf in seinem Apartment online konsumieren.
Ich bin immer wieder erstaunt über die Fülle der Waren und Dienstleistungen in der Mall. Jede Woche gibt es eine neue Mode und für die Fans alter Muster gibt es die Retro-Shops. Ich lasse mir heute die Fingernägel maniküren und lackieren, ich kaufe ein Brot mit gemahlenen Haselnüssen und gönne mir drei Flaschen von einem neuen Craftbier mit Schokoladengeschmack. Ich trage gut sichtbar ein grünes Abzeichen an meiner Jacke. Daran können andere Menschen erkennen, dass ich zur zweithöchsten Gehaltsgruppe gehöre. Über mir sind die Roten und unter mir die Blauen. Ganz unten sind die Grauen, sie tragen keine Abzeichen, weil sie gegen die Regeln verstoßen haben. Sie müssen die niedrigsten Arbeiten verrichten, zum Beispiel Altenpflege.
Am Abend gehe ich ins Casino. Zur Förderung des Soziallebens ist es verboten, allein Computerspiele zu machen oder Filme zu sehen. An runden Tischen sitzen jeweils fünf Menschen und spielen auf ihrem Monitor ein Spiel. Hier treffe ich meine Kollegen aus dem Botanischen Garten, alte Schulfreunde und Nachbarn. Ab zehn Uhr darf man sich in sein Apartment zurückziehen. Um halb eins schaltet sich die Unterhaltungselektronik in den Apartments automatisch ab, damit wir es nicht übertreiben. Und so endet ein schöner Tag in unserer Stadt.
Commodores – Brick House. https://www.youtube.com/watch?v=nAXeCNAbAMU

Kommentare:

  1. Per Anhalter durch die Galaxis...

    Jäte-deinen-Garten-Tag 2019
    13. Juni 2019 in der Welt

    ...und der Tag könnte 42 Stunden haben, im botanischen Garten!

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  2. atom bomb cola, eigentlich der Hammer.

    Und der Mensch zum Affen retardiert, an der Hand der wirklich Schuldigen....der Frauen ??
    Ho Ho....manches mal komme ich mit tatsächlich so vor.
    Und der wirkliche Blicker ist dieses Etwas zwischen Affe und Mensch, herrlich !
    Danke Cola.

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  3. Requiem auf Michael Bishop?

    Oder ein deja vu meiner Zukunft. Wenn zwei, wieso gerade du den Gärtnerposten bekommen wirst, liegt im Nebel

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    1. Bis 2121 habe ich ja noch etwas Zeit für eine Berufsausbildung - falls der Ich-Erzähler überhaupt Gärtner sein muss, wenn er Schülern einen Garten zeigt. Führungen in Kunstmuseen beispielsweise werden nicht nur von Künstlern angeboten :o)

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