Freitag, 3. Mai 2019

Vom kleinen A ins große B

Ich nehme einen Regionalzug früher, damit ich am Frankfurter Hauptbahnhof Zeit für das Mittagessen in der Markthalle habe. Idee: ein Dialog von Pizza und Spießbratenbrötchen an Gerstensaft. Der Zug hat eine Viertelstunde Verspätung und die Markthalle wird gerade renoviert. Enttäuscht nehme ich eines dieser ewig gleichen Bahnhofsbrötchen, die vermutlich zentral für ganz Deutschland vom VEB Bahnhofsbrötchen Magdeburg, ehemals Mitropa, hergestellt werden. Getröstet werde ich durch eine Mail, in der die Bahn sich entschuldigt, dass mein Zug Verspätung hat und ich meinen Anschlusszug leider nicht mehr erreichen werde. Pech gehabt, ich rechne mit eurem neapolitanischen Schlendrian.
Auf dem Bahnsteig fällt mir siedend heiß ein, dass ich zwar die Fahrkarte dabei habe, nicht aber die Reservierung. Und das mir, dem Controll-Freak, der immer drei Päckchen Taschentücher in der Jacke hat und alle zehn Minuten nach Brieftasche, Hausschlüssel und Fahrkarte greift! Alptraumhaft erscheint vor meinem inneren Auge eine vierstündige Obdachlosenorgie auf dem Gang, wahlweise der ruinöse Aufenthalt im Bistro, wo ich immer an meinem abgestandenen Wasser nippe, wenn mich der verächtliche, strafende Blick des Kellners trifft. Dann heißt es am Gleis, man solle in den Abschnitten D-F einsteigen. Ich laufe an Wagen vorbei, an denen die Vorhänge zugezogen sind. Ein Geheimtransport? Agentenaustausch auf offener Strecke? Im Abschnitt D ist Schluss. Dort ist die 1. Klasse. Ratlos steige ich ein und laufe zur 2. Klasse durch. Kein Platz ist reserviert, ein Lob dem Bahn-Chaos. Zum Glück ist ohnehin nicht viel los. Ich setze mich allein an einen Vierer-Tisch. Erst in Erfurt setzt sich ein Mann auf den Platz gegenüber.
Im Zug nach Berlin fällt mir auf, dass die Geschäftsleute nicht nur ein Notebook, sondern auch zwei Smartphones auf dem Tisch platzieren. Das Zweitphone als Statussymbol. Ein Mann, der links von mir am Nachbartisch sitzt, muss am Telefon die Beschwerde eines Immobilienbesitzers aus München abbügeln. Es geht um ein Bürohochhaus, in dem seine Firma offenbar das Facility Management übernommen hat. Er spricht sanft, beschwichtigend, mit dem Vokabular eines Sozialpädagogen. Man müsse sich zusammensetzen, Gespräche führen, X und Y mit dazu nehmen. Weichgespülter Kapitalismus im 21. Jahrhundert.
Als der Zug auf die Minute pünktlich im Berliner Hauptbahnhof einfährt, klatschen alle Passagiere spontan Applaus. Wo ist die Presse, wenn wirklich mal was passiert?
In der S-Bahn ab Berlin-Südkreuz steht mir gegenüber ein älterer Flaschensammler, der orientalische Melodien summt und in einer fremden Sprache Selbstgespräche führt. Ich tippe auf Balkan oder Kaukasus. Nach drei Monaten im Hunsrück fällt mir die Armut in Berlin auf. Solche Menschen sieht man auf dem Land nicht.
Auf dem U-Bahnsteig spricht mich ein junger Mann mit kurzem Haar in gebrochenem Englisch an. Er zeigt mir eine BVG-Zeitkarte, die er gefunden hat. Ob sie noch gültig sei, fragt er mich. Sie ist vom März, jetzt ist bereits April. Er grinst und erklärt mir, er bräuchte sowieso keine Karte, er führe immer schwarz. „Fuck the police“. Ich tippe auf Ukraine oder Polen.
Ich steige aus der U-Bahn. In meinem Kiez ist Frühling. Bestimmt zwanzig Grad – und das Anfang April. Die Parkbänke und die Tische vor den Restaurants sind voller Menschen, ich sehe Leute, die Eis essen. Ich bringe meinen Rucksack in die Wohnung und gehe in ein griechisches Restaurant, das in meiner Abwesenheit direkt um die Ecke neu eröffnet hat. Die Kritiken auf Google sind geradezu enthusiastisch. Tatsächlich gibt es schon zur Begrüßung einen Ouzo aufs Haus. Der Kellner empfiehlt mir unaufgefordert die große Grillplatte. Ich weiß selbst, dass ich eine Kleinigkeit zu viel wiege und recht groß gewachsen bin. Ich bestelle eine Lammkeule mit Reisnudeln, die mit Käse überbacken sind. Das Gericht kommt zügig, die Kritharaki sind jedoch nicht überbacken. Ich sage nichts. Das ist Berlin. Sie Stadt macht aus edlen Griechen wahnwitzige Chaoten. Sie könnten auch bei der Bahn arbeiten. Juwetzi ohne Käse. Auf einem normalen Teller statt in einer Auflaufform. Dafür gibt es zur Rechnung einen zweiten Ouzo. Natürlich werde ich wieder kommen.
Nachtrag vom 1. Mai: Ich war jetzt vier Wochen in Berlin und muss feststellen, dass ich als einfacher Junge vom Land den Verlockungen der Großstadt nicht gewachsen bin. Das Einkaufszentrum ist nur hundert Meter von meiner Wohnung entfernt, in der anderen Richtung ist ein Späti, vielleicht vierzig Meter weit weg. Da kann ich bis nachts um drei in Hausschuhen hingehen – und das mache ich auch inzwischen. Vorgestern sogar in Jogginghosen. Kontrollverlust. Im Hunsrück wirst du sozial geächtet, wenn du im Schlabberlook und in Schlappen das Haus verlässt. Dazu kommt, dass ich nach sechs Jahren Internetabstinenz bei meinen Berlinbesuchen jetzt wieder online bin. Und schon bin ich in meinen alten Lebensstil als Vollzeitberliner, der ich von 1991 bis 2013 gewesen bin, zurück gerutscht. Ich habe jetzt wieder die Auswahl zwischen etwa 250 Lieferdiensten wie z.B. den „Partybrenner“, der sich auf Alkoholika, Tabakwaren und Kartoffelchips spezialisiert hat. Warum abends ein Brot essen, wenn es auch ein Burger oder eine Pizza sein kann? Vietnamesen und Inder mit Turban haben sich bei mir vier Wochen lang die Klinke in die Hand gegeben. Ich muss wieder nach Schweppenhausen!
Nachtrag vom 2. Mai: Ich komme mit einer Stunde Verspätung in Bingen an, weil auf dem Gleis vor Erfurt ein Schaf gestanden hat und die Bundespolizei anrücken musste, um es zu verjagen. Kara Ben Nemsi ist aus dem Orient zurückgekehrt.

Fischer Z – The Perfect Day. https://music.youtube.com/watch?v=xX8mkGqILB8&list=RDAMVMxX8mkGqILB8

6 Kommentare:

  1. Wann reisen Sie wieder nach Franken ?
    Werde die Arbeit niederlegen und Sie Groupiegleich verfolgen.

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    1. Leider fahre ich nicht mehr nach Franken, weil ich wegen meiner Gicht kein Bier trinken darf. Gelegentlich mal ein Glas, aber in Franken waren es regelmäßig fünf Liter - über den Tag verteilt natürlich. Schweinefleisch ist auch verboten, keine Würste, kein Krustenbraten und der heilige St. Schäufele hat mich persönlich exkommuniziert. Aber vielen Dank für das schöne Angebot. Mir hat beim Essen und Trinken schon immer der Applaus gefehlt.

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  2. Stimmt das mit dem Schaf? Ich kann es kaum glauben, hätte man doch mit einer Handvoll Futter vom Gleis locken können. Die Beschreibung Deiner Reise gefällt mir, bei dem Telefonat hätte ich dem Mann gesagt, ich käme auch gerne dazu, ich kenne mich ja jetzt aus.

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    1. Wir hatten früher selbst Schafe. Mit einer Handvoll getrockneter Maiskörner kannst du sie leicht in die gewünschte Richtung bewegen. Mais ist für Schafe wie Bonbons für Kinder ;o)

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  3. DANKE ... DANKE...DANKE ...was für eine herrliche FRÜHSTÜCKS-Lektüre... wunderbar !!!

    WILLKOMMEN zurück, im OUTLAND - HUNSRÜCK , wo die WELT noch in Ordnung scheint (ړײ)
    am heutigen "Ohne-Hose-Tag" 2019 in der Welt ... und lass Frischluft um DICH sein (ړײ)

    *freudigfröhlicheWEgrüßedalass...winkewunke*

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    1. Man muss nur dreimal die Absätze der roten Schuhe gegeneinander schlagen und rufen "There is no place like home" :o)

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