Samstag, 18. Mai 2019

Schreie und Flüstern


Blogstuff 304
„SPIEGEL: Herr Professor, vor zwei Wochen schien die Welt noch in Ordnung …“ – Adorno: Mir nicht.“ (DER SPIEGEL 19/1969)
In Bayern wird jetzt die beste „Tafel“ prämiert. Finde ich gut. Man muss sich nur mal auf den Gedanken einlassen. Warum nicht die „Tafeln“ wissenschaftlich evaluieren? Wenn wir die beste „Tafel“ gefunden haben, ist die Benchmark gesetzt. Dann kann McKinsey die anderen „Tafeln“ in Sachen Effizienz, Kundenbindung und Marketing beraten. Nächster Halt: European Tafel Contest. Wo kann ich meine Küchenabfälle spenden, Dschöhmeni?
Früher haben viele Leute den Ist-Zustand ihres Lebens mit einer gesunden Prise Fatalismus begründet. Ich fahre einen Nissan Micra, weil es damals das billigste Auto auf dem Hof des Gebrauchtwagenhändlers war. Ich wohne in Reinickendorf, weil ich da eine Wohnung gekriegt habe. Ich fahre Taxi, weil ich mein Philosophiestudium nie abgeschlossen habe und so weiter. Ist eben so. Keine große Geschichte. Heute wird ja der Ist-Zustand gerne mit ökologischen Girlanden geschmückt. Es ist ökologisch viel günstiger, den alten Micra zu fahren. So ein E-Auto verbraucht ja in der Herstellung unheimlich viel Energie und produziert dabei CO2. Und erst die Batterien. Der Strom für die Kiste kommt ja teilweise aus Kohle- und Atomkraftwerken. Ich benutze keine Flugzeuge wegen Klimawandel und so. Als Taxifahrer hätte ich zwar sowieso kein Geld für teure Reisen, aber so klingt es besser. Ich esse immer noch Fleisch, weil die ökologische Landwirtschaft schließlich ohne den natürlichen Dünger der Rindviecher und Schweine gar nicht auskommt. Außerdem fördert der Veganismus doch irgendwie den Einsatz von Glyphosat, oder? Plötzlich klingt der Ist-Zustand meines Alltags wie die Verwirklichung einer verantwortungsvollen und umweltgerechten Lebensphilosophie.
Große Obdachlosenparade in der U 8 zwischen Wedding und Neukölln. Im Minutentakt bekommt man einen Becher vor die Nase gehalten. Bis eine Bettlerin ausrastet und anfängt, uns anzuschreien. Wie ungerecht wir alle wären. Natürlich hätte sie einen an der Waffel, ruft, sie, aber sie wüsste es wenigstens. Dann zockelt sie mit ihrem Becher nochmal an uns allen vorbei. Ich bin erleichtert, als sie aussteigt. Ich werde nicht gerne mit meiner Ignoranz konfrontiert.
Die Medien sind voller Nachrichten, obwohl nichts passiert. Bei Licht betrachtet, leben wir nachrichtenarmen Zeiten. Was war 2019 bisher los? Der Brexit ist verschoben worden, die Untersuchung gegen den US-Präsidenten ist ergebnislos im Sande verlaufen und in Paris braucht eine alte Kirche ein neues Dach. Bruno Ganz und Karl Lagerfeld sind tot. Bisher ist nichts geschehen, was einmal in den Geschichtsbüchern stehen wird. Aber wir sind schon wieder völlig ausgepumpt vor lauter Hysterie und apokalyptischem Gezeter.
„Ich kann nur versuchen, rücksichtslos zu analysieren, was ist. Dabei wird mir vorgeworfen: Wenn du schon Kritik übst, dann bist du auch verpflichtet zu sagen, wie man"s besser machen soll. Und das allerdings halte ich für ein bürgerliches Vorurteil. Es hat sich unzählige Male in der Geschichte ereignet, dass gerade Werke, die rein theoretische Absichten verfolgen, das Bewusstsein und damit auch die gesellschaftliche Realität verändert haben.“ (Adorno im gleichen Interview, s.o.)
Little Eva - The Locomotion. https://www.youtube.com/watch?v=lNNW0SPkChI

Alle reden über das Wetter.

5 Kommentare:

  1. Da fällt mir Karl Marx ein, war auch eine Theorie, die die Welt veränderte. Wie kommen wir eigentlich dazu, von Theorethikern Handlungsanweisungen zu erwarten, sind doch nur Vorschläge.
    Die Verantwortung ist bei uns.
    Die Tafeln in Kathegorien einzuteilen finde ich pervers, passt aber zu dem fast allumfassenden Bedürfnis nach einsortieren, bewerten...

    AntwortenLöschen
  2. Kein Ian Curtis-Soundtrack heute? Hätte doch auch gepasst und ich hatte eigentlich damit gerechnet.

    AntwortenLöschen
  3. Zumal "Schreie und Flüstern" und "Sex, Lies und Videotapes" so schöne versteckte Hinweise auf die Nachfolgeband geben ;)

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Den Todestag habe ich völlig verschwitzt. Heute überschlagen sich ja die Ereignisse: Strache, Bundesliga-Entscheidung, ESC, Vollmond ...

      Löschen
    2. Bundesliga und ESC interessieren mich nicht, deshalb kriege ich jetzt nur am Rande mit, dass das heute ist. Strache ist natürlich eine andere Hausnummer. Ich hatte gedacht, weil "Cries & Whispers" und "Power, Corruption and Lies" ja New Order-Titel sind und deine heutigen Beitragstitel da andocken, daher dachte ich, ich scrolle runter und finde einen JD-Soundtrack.

      Löschen