Mittwoch, 15. Mai 2019

Odessa

Im Zug war es mir gar nicht aufgefallen, aber als ich in meiner Heimatstadt ausstieg, blies mich der Sturm fast vom Bahnsteig. Der Wind heulte um das Bahnhofsgebäude, dass man in der Zwischenzeit offenbar neu gestrichen hatte. Aus orange-rot war eine Farbe geworden, die an Wüstensand erinnerte.
Ich kämpfte mich über den Vorplatz, eine vorüber fliegende Plastiktüte klammerte sich an mein Schienbein und ließ sich nur widerwillig abschütteln. Da, wo früher meine Stammkneipe gewesen war, prangte nun eine Leuchtreklame. Odessa. Offenbar hatte das Lokal einen neuen Pächter gefunden. Ich trat ein, froh den orkanartigen Böen entgangen zu sein.
Bis auf den Barkeeper war niemand zu sehen. Ich stellte mich an den Tresen, er blickte mich mit einem spöttisch gehobenen Mundwinkel an und stellte das Glas beiseite, das er gerade poliert hatte.
„Nicht viel los heute“, sagte ich. Belanglosigkeiten sind die ideale Eröffnung für ein Gespräch.
„Sie sind der erste Gast“, antwortete er. „Ich hatte nicht erwartet, bei diesem Sturm jemanden begrüßen zu dürfen.“
„Wie haben Sie es denn hierher geschafft?“ fragte ich ihn.
„Ich wohne hier“. Er blickte kurz zur Decke, um den Standort seiner Wohnung näher zu definieren.
„Kann ich einen Grappa haben?“
„Kommt sofort.“
Er nahm einen schmalen gläsernen Kelch aus dem Regal und goss behutsam ein. Dann stellte er das Glas auf den Tresen. „Wohl bekomms!“
Ich trank den ersten Schluck. Wärme breite sich in meinem Hals und in meiner Brust aus.
Er wischte an einigen unsichtbaren Flecken auf der Arbeitsplatte herum. „Was hat Sie denn in diese kleine Stadt verschlagen?“
Ich lächelte. „Ich bin hier geboren. Vor zwanzig Jahren bin ich von hier weggezogen. Nach Berlin.“
„Hat es Ihnen hier nicht mehr gefallen?“
Ich trank das Glas leer und schob es zu ihm hinüber. Er verstand und holte die Flasche. „Doch. Ich habe gerne hier gelebt. Aber ich wollte sehen, ob es woanders nicht besser ist. Man hat ja nur dieses eine Leben und ich wollte mir etwas Neues suchen.“
Er stellte den Grappa auf einen Bierdeckel und machte mit einem Kugelschreiber zwei Striche. „Haben Sie es gefunden?“
„Ja. Aber nach einer Weile hatte ich genug von Berlin und bin nach Italien gezogen. Nach Triest.“
Er nickte, aber ich wusste, dass er mich nicht verstanden hatte. „Nach zwanzig Jahren bin ich wieder zurück“, sprach ich weiter. „Eigentlich hatte ich gehofft, hier in meiner alten Stammkneipe Freunde zu treffen. Freunde von früher.“
„Ich habe das Lokal vor zwölf Jahren übernommen“, sagte er. „Von den alten Stammgästen ist keiner mehr gekommen. Keine Ahnung, wo diese Leute sich heute treffen.“
„Bei diesem Wetter sind die Jungs bestimmt alle zu Hause“. Ich leerte den zweiten Grappa. „Wieso haben Sie das Lokal ‚Odessa‘ genannt?“
„Ich komme aus der Ukraine. Ich bin Ende der Neunziger nach Deutschland gekommen. Eine Weile habe ich als Kellner gearbeitet, jetzt habe ich mein eigenes Geschäft.“
„Was trinkt man in Odessa?“
„Wodka.“
„Trinken Sie einen mit?“
„Natürlich.“
„Zwei Gläser von Ihrem besten Wodka. Ich heiße Thomas.“
„Viktor“.
Propaganda - Frozen Faces. https://www.youtube.com/watch?v=40r6r-pJ3UQ

Kommentare:

  1. Stephan Sulke: Der Mann aus Russland
    https://www.youtube.com/watch?v=PfnYfg3e6go

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  2. ... multikulti
    und ein Glas, im stehen... guten Tag, FREUNDE (ړײ)

    https://www.youtube.com/watch?v=ksbFgJfsRhw *singUNDträller*

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  3. Wieso habe ich jetzt Ultravox im Ohr, nur dass statt "Vienna" das Wort "Odessa" gesungen wird?!

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    1. Viel schlimmer: Ich habe "Weil du ein zärtlicher Mann bist" von Hanne Haller im Ohr, weil Torsten Sträther es in einer Sendung erwähnt hat und ich es dummerweise angeklickt habe ;o)))

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    2. Das ist in der Tat schlimmer.

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  4. Odessa ist auch ein Akronym für "Organisation der ehemaligen SS-Angehörigen"!

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    1. Eigentlich ist der Titel ja eine Anspielung auf das Album "Odessa" von den Bee Gees und im Subtext geht es selbstverständlich um Putins Expansionspolitik.

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