Dienstag, 21. Mai 2019

„Niki, wo hast’n dein rechtes Ohr gelassen?“

Sommer 1984. Vier Jungs, ein alter Opel und ein Kofferraum voller Dosenbier. Natürlich wird es ein Abenteuer. Brands Hatch, England. Ein riesiger Zeltplatz voller Fans aus ganz Europa. Flaggen aller Nationen und Formel 1-Teams. Und wir mittendrin. Die Stehplatzkarte kostet zehn Pfund, das waren damals noch vierzig Mark. Um Mitternacht setzen wir uns mit unseren Campingstühlen in die Schlange, die sich am Eingang gebildet hat. Erst am nächsten Tag um 14 Uhr beginnt das Rennen. Ich bin Lauda-Fan. Einer der anderen Jungs ist Piquet-Fan und ruft „Niki, wo hast’n dein rechtes Ohr gelassen?“, um mich zu ärgern. Lauda gewinnt das Rennen. Als alle Rennwagen über die Ziellinie gefahren sind, stürmen die Zuschauer die Strecke. Nach der Siegerehrung sind wir noch hinter der Boxengasse unterwegs, wo die Trucks der Teams stehen. Da kommt Niki Lauda ganz allein an uns vorbeispaziert! Ich gebe ihm die Hand und gratuliere zum Sieg. In diesem Jahr wird er zum letzten Mal Weltmeister.
1974. Keine Ahnung, wie es losging. Aber in diesem Jahr fing ich an, mich für die Formel 1 zu interessieren. Deutschland hatte im Motorsport keine nennenswerten Fahrer und keine Teams zu bieten. Erst 1994 sollte der erste Deutsche eine Weltmeisterschaft gewinnen. Ich wurde Lauda-Fan. Als Lauda beim Rennen auf dem Nürburgring 1976 schwer verletzt wird, liege ich selbst gerade wegen einer Blinddarmentzündung im Krankenhaus. Ich bin zehn Jahre alt und es wird mir ganz praktisch bewusst, wie schnell es vorbei sein kann. Hätte man mich nicht schnell operiert, wäre es zu spät gewesen. Mein Onkel und mein Urgroßvater sind auf diese Weise gestorben. Nie war ich meinem Kindheitsidol so nahe. 1985 habe ich ihn zum letzten Mal gesehen. Der Grand Prix in Zandvoort. Sein letzter Sieg in der Formel 1. Ich war dabei. Jetzt hat es den alten Mann endgültig aus der Kurve getragen. Er hat 171 Rennen überlebt. In einer Zeit, in der es regelmäßig Tote und Verletzte in diesem Sport gab. Fahrer, Streckenposten, Journalisten, Zuschauer. Ich sage nur: Gilles Villeneuve. Jochen Rindt. Ronnie Peterson. Im Himmel seht ihr euch alle wieder.

Großer Preis der Niederlande 1985. Vorne Lauda, dahinter Senna.

7 Kommentare:

  1. Da kommen Erinnerungen an den alten Nürnburgring hoch: Im strömenden Regen am Brünnchen stehen,
    Autogrammjagd als Teenager am Hotel in Daun, Begeisterung für Motorradrennen, Graham Hill...
    Ich verstehe das nur vor dem Hintergrund, dass damit etwas der vermeidlich "großen Welt" in die Eifel kam. Leider habe ich alle Autogramme vor Jahren verloren, waren und sind mir nicht wichtig. Ich hätte sie verschenkt!

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    1. Er sah aus wie Darth Vader ohne Maske, vom Leben gezeichnet, und hat mir trotzdem besser gefallen als die ganzen aalglatten Jüngelchen, die heute in der Formel Langeweile unterwegs sind.

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  2. Leider hat es für die Hauptrolle in "Keinohrhasen" nicht gereicht.

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    1. Das ist genau Nikis Humor. Er nannte seinen Unfall 1976 "Barbecue", über seine aktive Zeit sagte er, dass er damals ein Arschloch gewesen sei. Heutige Formel 1-Autos könne jeder Affe fahren und bei seinem Rücktritt 1979 sagte er, er hätte keine Lust mehr, im Kreis zu fahren. Immer Klartext, Diplomatie war ihm fremd. Er sagte mal, er hätte keine Freunde und die Meinung anderer Leute sei ihm egal. Genau deswegen war er einer der beliebtesten Leute in der Rennsportszene. Über Hamilton muss man keinen Film drehen, über Leute wie Senna und Lauda gibt es bereits gute Streifen.

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  3. "Diese kleine Welt der Zirkusaffen."

    (Lauda über die Formel 1)

    *♥R.I.P*

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  4. Niki Lauda war ein lebensfroher Mensch mit Humor, der auch zu Scherzen aufgelegt war. Im Jahr 2013 gab er der 'Süddeutschen Zeitung' ein Interview, gemeinsam mit Schauspieler Daniel Brühl, der Lauda in "Rush" verkörperte. Darin erzählte Lauda von einem Streich auf dem Nürburgring.

    Er war Gast in einer US-amerikanischen Morningshow und ging mit der Reporterin zur Unfallstelle auf der Nordschleife: "So eine Frau, groß, blond, alles dran, wollte mich an der Unfallstelle interviewen. Die hatten sich alle gesagt: 'Ui, der wird sicher weinen, das wird ein ganz großer emotionaler Moment!'"

    "Ich hab mir aber vom Hotelbuffet ein Kipferl mitgenommen und das vorher ins Gras gelegt. Die fängt an: 'Mister Lauda, how is it to be here ...' Sag ich: 'Just a moment!' und geh ein paar Schritte ins Gras. Fragt sie: 'What are you doing?' Sag ich: 'Oh look, here's my ear!' Die war fertig. Die hat die Fassung verloren. Die mussten alles noch mal drehen." Auch das war Niki Lauda.

    https://www.motorsport-total.com/formel-1/news/formel-1-live-ticker-reaktionen-auf-den-tod-von-niki-lauda-19052103

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  5. Jetzt erwarte ich, dass dieser dämliche Ballermannsong mit seiner Mutter aus Pietätsgründen 10 Jahre nicht gespielt wird. Mindestens!

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