Donnerstag, 9. Mai 2019

Das Tier in uns

„Welche Rolle wir in der Gesellschaft spielen, hängt davon ab, welche Rollen wir spielen.“ (Andy Bonetti)
Individualisierung und Egozentrismus sind die Wasserzeichen unserer Gesellschaft. Das Ich steht im Mittelpunkt. Dabei wird das Wir häufig unterschätzt, dem wir als soziale Tiere nicht entkommen können. Mia san mia, sagt der Bayer ganz richtig. Wir sind wir. Und ihr seid die Anderen. Um eine Gruppe zu bilden, brauchen wir die Grenzlinie zwischen Innen und Außen, die es uns ermöglicht, die Position eines Menschen präzise zu definieren. Du bist Bayer, ich bin Sachse. Sie ist Akademikerin, er ist kein Akademiker. Migrationshintergrund: ja oder nein. Es gibt keine dritte Möglichkeit. Der Wechsel von einer Gruppe in die andere Gruppe wird dem Einzelnen nicht leicht gemacht. Jeder, der schon einmal den Arbeitsplatz oder den Wohnort gewechselt hat, wird diese Erfahrung gemacht haben.
Die persönliche Identität bildet sich erst über die Zugehörigkeit zur Gruppe. Das fängt auf der einfachsten Ebene an. Man ist Mitglied einer Familie. Dann geht es auf die nächste Ebene: man definiert sich über Geographie („Heimat“, Nation), die Arbeit (Beruf, Betrieb), die Freizeit (z.B. Fußballfan, Gamer, Radfahrer), das Weltbild (z.B. Christ) und den Lebenswandel (z.B. Veganer). Im Zuge der Entpolitisierung der vergangenen Jahrzehnte sind die politischen, aber auch die ökonomischen Zuordnungen in den Hintergrund getreten. Noch in den siebziger und achtziger Jahren definierte man sich als links oder als konservativ. Man gehörte zur Arbeiterklasse oder zum Bürgertum. Darüber wird in den Öffentlichkeit kaum noch gesprochen. An ihre Stelle stehen andere Zuordnungen: das eigene Geschlecht, die eigene Nationalität, die eigene sexuelle Orientierung, die eigene Kultur usw. Das nennt man allgemein Identitätspolitik.
Ich weiß nicht, ob es in der DNS des Homo sapiens verankert ist, aber wir bilden immer wieder neue Gruppen. Auch in der Politik. Nehmen Sie die politische Linke. Es ist ihnen eine große Freude, sich immer wieder zu spalten und neue Gruppen zu bilden. Genüsslich definiert man dann, was die Gruppe von anderen Gruppen unterscheidet, und wer zu Gruppe gehören darf und wer nicht. In der brüchigen Internetwelt genügt es, einen falschen Satz zu schreiben, nur ein einziges Mal eine abweichende Meinung zu vertreten, und man wird aus der Gruppe verstoßen. Die Gruppenbildung liegt uns offenbar buchstäblich im Blut. In der entpolitisierten Gesellschaft wird Identitätspolitik zum Kern der Politik. Man definiert sich als Frau, als Homosexueller, als Behinderter usw. und wählt sich auf diese Weise eine klare Gruppenzugehörigkeit und vertritt spezifische Interessen. Ab diesem Punkt ist es ganz einfach: Wer nicht zur Gruppe gehört, ist die Konkurrenz. Mia san mia. Auch im Rollstuhl.
Zwischen Eigennutz und Gemeinwohl passt immer noch ein riesiges Spektrum an Lobbyismus – auch wenn eine Feministin diesen Begriff meidet wie die Pest. Deswegen sollte es uns auch nicht wundern, dass es dreißig Jahre nach der Maueröffnung immer noch Ossis und Wessis gibt. Das wird sich auch niemals ändern. Es gibt ja auch immer noch Bayern und Saupreißn. Kölner und Düsseldorfer. Man grenzt sich voneinander ab, um sich selbst definieren zu können. Es gehört zur Folklore dazu, dass sich Schalke- und Dortmund-Fans nicht leiden können. Das ist ein Gruppenbildungsprozess, der sich immer wieder erneuert und der sich auch politisch nicht abstellen lässt. Aber kluge Politik kann verhindern, dass Gewalt zwischen Gruppen entsteht. Das ist ganz einfach: Gib den unterschiedlichen Gruppen ein gemeinsames Ziel und gibt ihnen die Möglichkeit, sich gegenseitig kennenzulernen.
Die alten Ägypter haben zum Beispiel regelmäßig Pyramiden bauen lassen. Man hätte nicht unbedingt wieder eine neue Pyramide gebraucht, aber der gesellschaftliche Effekt der Großbaustelle ist genial. Hier treffen sich Menschen aus dem ganzen Reich und arbeiten gemeinsam an einem Projekt. Der Nubier lernt den Phönizier kennen und stellt fest, dass der Typ eigentlich ganz in Ordnung ist. Natürlich bleibt der Nubier Nubier und der Phönizier Phönizier, aber sie kennen sich jetzt wenigstens persönlich. Mit der Chinesischen Mauer hat das auch funktioniert. In Europa war, angefangen vom Römischen Imperium, die Armee lange Zeit der Schmelztiegel der Nation. Heute sind es die Hochschulen, wo sich junge Menschen mit den unterschiedlichsten Identitäten treffen und kennenlernen können.
Gruppenbildungsprozesse können wir jedes Jahr aufs Neue beobachten. Denken Sie an #metoo oder „Fridays for Future“. In der jüngeren Vergangenheit waren es Occupy oder Attac, in meiner Jugend die Friedensbewegung oder die Anti-Atomkraft-Bewegung. Jeder von uns gehört Dutzenden von Gruppen an. Manche spielen ihre Rollen in diesen verschiedenen Gruppen und bilden ihre Identität aus der Vielzahl der Zugehörigkeiten, manche konzentrieren sich auf eine einzige Rolle. Letztere nennt man Fanatiker. Sie nehmen eine einzelne Gruppenzugehörigkeit so tödlich ernst, dass sie nicht mehr in die Gesellschaft zu integrieren sind. Nazis zum Beispiel. Oder Investmentbanker. Ob es uns gefällt oder nicht: Wir müssen mit all diesen Gruppen ebenso leben wie mit dem Massenphänomen des Egoismus. Das Tier in uns sagt Ich und Wir. Überwinden können wir den aktuellen Stillstand nur, wenn wir das Wir größer denken - zum Beispiel im Umweltschutz.
Pink Floyd. Us and Them. https://music.youtube.com/watch?v=h90j3lOXNvU&list=RDAMVMh90j3lOXNvU

12 Kommentare:

  1. Dieser Beitrag spricht mich sehr an. Bin ich doch ein Mensch, der immer wieder "zwischen den Stühlen" sitzt. Nach der Definition anderer, meine Definition sagt mir, ich bin Teil der Gruppe. Woran liegt es? Warum muss ich mir sagen lassen, mein Leben falsch gelebt zu haben, falsche Schwerpunkte gesetzt zu haben, nur weil eine Frau sich darüber ärgert, dass ich mir Freiheiten nehme, die angeblich nicht richtig(?) zu "uns" passen?
    Ich möchte in donnerndes Gelächter ausbrechen wenn ich sehe, wo Menschen willkürliche Grenzen ziehen. Die unüberwindbaren scheinenden Grenzen austesten, das wäre sinnvoll.

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    1. Am schlimmsten sind die Gruppen, in die wir von anderen gesteckt werden. Nennt man auch Schubladen. Wozu Erwartungen erfüllen, die nichts anderes sind als Klischees?

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  2. ICH

    ›Ichlose‹ schlucken, verdauen, kauen, husten, tasten, wandeln [im Somnambulismus!], und fast jeder Greis wird ein des zu höchst erworbenen Vermögens auch wieder verlustig gehender, armer Zellautomat, hilflos, wie er vor der Geburt seines Bewußtseins von sich selber gewesen ist.

    Carl Ludwig Schleich

    (1859 - 1922)

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  3. Ich vertrete die steile These, wohlwissend das dies alles totaler Blödsinn sein kann, daß wir 60er von unseren Eltern noch diesen Gemeinschaftssinn der Nazis mitbekommen haben.
    Wenigstens meine Eltern wurden ja im Dogma von ein Volk ein Reich ein Führer erzogen.
    ( Hallo, das soll keine Verherrlichung sein, ja ? )
    Einer ist keiner, alle sind alles.
    Glaube das haben wir unbewusst, auch von den Eltern unbewusst, mitbekommen.
    Weil wir waren noch zu Solidarität, zu gemeinsamen Aktionen, ( z.B. selbstverwaltetes Jugendzentrum ) fähig.
    Mach das mal mit den Projektkindern heutiger Prägung.
    Wie, umsonst arbeiten ?? Aufräumen ?
    Aber "die Mächtigen" wollen ja nur kleine, unbedeutende Einzelkämpfer, die hat man besser im Griff. Divide et impera.

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  4. ...wenn wir das Wir größer denken

    Der Ansatz dürfte nicht zielführend sein, einfach mal mit der Dunbar-Zahl befassen.
    Kein noch so toller Einfall sprengt die Ketten der kognitiven Grenzen des Menschen. Bei allem was über die Größe eines kleinen Dorfes hinaus geht findet man unendlich viele verschiedene Meinungen zum gleichen Thema.
    Als älteste Stadtgründung gilt Jericho (etwa 10.000 vor, mit ca 3000 Einwohnern um 8.500 vor).
    Davor lebte der Mensch etwa 2,5 Millionen Jahre zuerst in Sippen und dann in Stämmen mit vermutlich nie mehr als 100 Personen.
    Es kommt ja nicht von ungefähr, dass sämtliche Manipulationstechniken größerer Menschenansammlungen bereits im alten Griechenland bekannt waren und über die Jahrhunderte nur verfeinert wurden.
    Der Drang des Menschen zur immer größeren Horde ist evolutionär inkompatibel zu seinen kognitiven Fähigkeiten und hält die Amygdala unter Dauerstress. Zur Vereinfachung wurde die Gruppe, Kategorie, Schublade entwickelt, einzig zur Vereinfachung der Freund/Feind Erkennung.
    Das ist ein Ritt auf der Rasierklinge.

    Gaya, die ach so gute "Mutter Natur", interessiert das einen Rotz, da läuft nur ein spannendes DNA Experiment. Wachsen die kognitiven Fähigkeiten und passen sich der gigantisch gewordenen Horde an oder rottet sich die Spezies aus?

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    1. Ich habe das eher themenbezogen und temporär gemeint. Eine gemeinsame Anstrengung wie z.B. den Klimawandel stoppen. Das ist kein Widerspruch zu den vielen Kleingruppen. Konkurrierende Fußballfans schließen sich ja auch alle zwei Jahren zusammen, wenn es um die Fußball-WM oder -EM geht. Aber "Fridays for Future" setzt leider auf die Konfliktlinie Alt vs. Jung und setzt nur bei individuellen Verhaltensänderungen an, statt bei kollektiven Maßnahmen (Kerosinsteuer, CO2-Steuer usw.).

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  5. Kerosinsteuer und Co2 Steuer trifft garantiert nicht die Verursacher, sondern immer nur den Verbraucher und zwar die am unteren Ende.
    Oben sieht die Sache so aus:
    "Weltweit werden jährlich Emissionsrechte für 144 Milliarden Dollar umgesetzt. 90 Prozent des Börsenhandels kontrolliert die US-Terminbörse ICE über ihre Tochterunternehmen European Climate Exchange in London und Chicago Climate Exchange."
    Aus handelsblatt.com Anlagestrategien

    Die Idee hinter dem Gedanken der CO2 Steuer ist der, wie im Kapitalismus üblich, die Verursacher zu schonen und die Unbeteiligten zu schröpfen. Welcher Hartzie, welcher Aufstocker, welcher Grundrente Bezieher in diesem Land fliegt denn über Sylvester nach Kalifornien zum Eisessen? Wer von denen hat ein Auto? Aber alle würden CO2 Steuer als erhöhte Transportkosten nach dem Mehrwertsteuerprinzip zahlen. Die würden dann auch die Flugkosten in genau dem Mass erhöhen, dass die All-in-Ballermänner sich das zukünftig nicht mehr leisten könnten, die will auf Malle eh keiner mehr.
    Kerosinsteuer, dass ich nicht lache. Wird nicht kommen, denn träfe man ja die Volksgruppe mit den durchschnittlich meisten 6 Zylindern und Karibikurlauben pro Jahr, die "grüne" Elite.
    Nein, die brauchen ihr Geld um weiterhin auf Unterschichtskosten Windparks und Solarfarmen zu bauen, damit man guten Gewissens mit Zweit-Tesla zur Arbeit, mit E-Bike zum Sport und mit E-Scooter zur Schule kommt.

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    1. Akzeptiert. Was schlägst du vor?

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    2. Nach meinem gestrigen TV- Konsum(SWR 3) über die Lücken in der Gesetzgebung mit den Mehrwertsteuer- Rückerstattungen schlage ich vor, binnen 4 Wochen ein Gesetz zu verabschieden, um diese Schröpfung der Allgemeinheit zu stoppen. Zur Not kann Berlin von Frankreich oder Niederlande abschreiben, da gibt es dieses Schlupfloch nicht mehr.
      Es geht um viele Milliarden, unglaublich.
      Achtung: NIE mehr würde ich einer Bank Steuergelder geben. Was ist eigentlich mit den Bad-Banks von 2008 passiert?

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  6. Dezentralisieren bis die Schwarte kracht. Es gibt im Jahre 2019 nämlich nur noch genau zwei Punkte die für EIN Kraftwerk sprechen, das eine Großstadt versorgt. Gewinnstreben und Machterhalt. Solange es läuft landet das Moos beim Kapital, und wird der Bürger renitent reicht ein Knopfdruck um 250.000 von Kommunikation und Versorgung abzuschneiden.
    Blockheizkraftwerke die mit Geothermie, außer den Investions- und Wartungskosten, zum Nulltarif gefahren werden können, Biomasse- Heizkraftwerke, in denen der Bürger wortwörtlich aus "Scheisse Gold macht", Stadtgärten nach dem Vorbild Singapurs.
    Geothermie ist per se CO2 frei und Biomasse aufkommensneutral.
    Und das Individuelle Autofahren begrenze ich nicht über "Fake-emissionsfreie-Elektroautos", sondern über eine Rohstoffsteuer beim Produzenten und eine Gewichtssteuer beim Konsumenten.
    Obendrauf kommt eine literabhängige Kraftstoffsteuer.
    Und da mogelt nicht die Autoindustrie irgendwelche Werte zusammen nach ARDZDFUSA Test sondern die wird an der Zapfsäule entrichtet, nach Gesamttankvolumen.
    Bis 10 Liter sind es 1,50 € pro Liter, dann wird alle 10 Liter wird verdoppelt. Ähnliches für E-Autos.
    Grundlage wird der Messerschmidt Kabinenroller von 1953 mit einem Leergewicht ohne Fahrer 220 kg, einem Einzylindermotor mit 173 cm³ Hubraum und 9 PS Leistung, Das reichte für eine Höchstgeschwindigkeit von 80 km/h. Zur Erinnerung: Die Durchschnittsgeschwindigkeit von PKW in Berlin liegt bei 24,9 km/h.
    Beim Gewicht gebe ich noch 180 kg drauf für moderne Sicherheitssysteme, macht also 400 kg.
    Kfz Steuer 10 € pro 100 kg.

    Du kaufst dir einen 2 Tonnen Porsche Cayenne?
    Oh, da sind aber für die ersten 100 kg über 400 kg jeweils 20 € Kfz Steuer fällig, für die von 500 -700 nehm ich 30 € und dann wird jede jede 100 kg verdoppelt.
    Da reagiert Porsche und baut alles aus GFK und Supi Dupi Zauberwerkstoffe. Kein Problem, der erhöhte Energiebedarf bei der GfK Produktion im Unterschied zu Stahl oder Alu wird in vollem Umfang an den Kunden weiter gegeben, ebenso wie die Entsorgungskosten von GfK als Sondermüll.
    Dann kostet der "kleinste" Cayenne eben nicht mehr 90.000 sondern eher 290.000 €.
    Gleiches gilt natürlich immer für Stromäquivalente, nur da wird es noch heftiger, wegen Lithium und so.
    Der Standard Cayenne kostet dann pro kompletter Tankfüllung 3.825 € Kraftstoffsteuer und 35.041 € Kfz Steuer.
    Beim Sprit, dass gebe ich zu, kann man tricksen und austesten wie weit man mit jeweils 10 oder 20 Liter kommt.
    In irgendeiner Zeitung hab ich mal gelesen, dass der Cayenne pro 5 min Vollgas 17 Liter verbrennt.

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    1. Sehr gut. Das sind konkrete Vorschläge. Die schädlichsten Formen der Mobilität höher besteuern. Da passt doch auch die Kerosinsteuer bzw. eine nach Distanz gestaffelte Flugsteuer, um Fernreisen zu reduzieren.

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  7. Lötzinn !
    Wenn Mobilität, Reisen u.s.w. alles teurer gemacht wird, entsteht ja erst recht eine Kaste der Leute, die das können, finanziell, und die anderen sind die kleinen A..
    Was wir derzeit haben ist ja eigentlich genau das, was man sich seit Jahrhunderten erträumte. Mehr oder weniger gleiche Möglichkeiten für alle Schichten.
    Jeder kann nach Rio, nur kann dann halt nicht jeder an der Copa Cabahna im 3 Sterne Schuppen essen. Ist zu verschmerzen.
    Sollen jetzt also die Mehrheit wieder bluten ? Wie immer ?
    Klar, die Mehrheit ist ja auch verantwortlich für die derzeitige Situation.
    Alle haben einen jenseits Ranzen vom Fleisch fressen und Auto fahren.
    Gerade die unteren Schichten !
    Die Oberen haben dann schon wieder mehr Diszplin und achten auf sich. (Nur am Rande)
    Also was wollt ihr ?
    Mit diktatorischen Mitteln wird es nicht zu machen sein. Denkt euch was besseres aus.

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