Donnerstag, 23. Mai 2019

Das einfühlsame Außenseiterdrama der Woche

Rückblickend fällt mir die Einschätzung nicht leicht. Schließlich kenne ich Ralf schon seit dem Studium. Hatte der Unfall ihn verändert? Oder war durch den Unfall etwas an die Oberfläche gekommen, dass sich bereits seit langer Zeit in ihm entwickelt hatte? Kann ein Mensch durch ein einzelnes Ereignis vollkommen verändert werden oder wird durch die Begegnung mit dem Tod eine bestehende Entwicklung nur beschleunigt? Es ist schwer zu sagen, aber nach dem Unfall war alles anders.
Ralf war ein ruhiger Mann Mitte vierzig, der als Buchhändler mit seinem Teilzeitjob ein bescheidenes Auskommen fand. Er war gar nicht der Typ, der ein Risiko einging. Eigentlich hatte er sogar Höhenangst. Wie konnte es also überhaupt zu dem Unfall kommen? Wo ist der eigentliche Ursprung dieser Geschichte? Möglicherweise muss ich mit meiner Erzählung bei seinem Mietvertrag beginnen. Ralf wohnte in Berlin-Friedenau und hatte dort eine Zwei-Zimmer-Wohnung, in der er schon seit zwanzig Jahren wohnte. Er zahlte knapp vierhundert Euro Miete warm. Ein Schnäppchen.
Dann ging alles ganz schnell. Luxussanierung. Der Vermieter kündigte seinen Mietvertrag. Neun Monate Frist. Ralf begann, drei Monate vor Ablauf der Frist, nach einer neuen Wohnung zu suchen. Er fand nichts in Friedenau, er fand nichts in Schöneberg, er fand nichts in Wilmersdorf, er fand nichts in Steglitz. Eigentlich fand er gar nichts in Berlin, das er sich leisten konnte. Also fragte er Freunde und Kollegen. Seine Freunde waren alle entweder verheiratet oder lebten in Ein-Zimmer-Apartments. Schließlich, zwei Wochen vor Ablauf der Frist, erbarmte sich Frank.
Frank hatte mit zwei Kollegen eine Altbauwohnung in Charlottenburg gemietet, die sie beruflich für ihr Beratungsunternehmen benutzten. Sie berieten Leute, die beim Berliner Senat Projektmittel im Bereich Kultur und Soziales beantragen wollten. Neben den drei Büros und der Kaffeeküche gab es noch ein kleines Zimmer mit Fenster zum Hinterhof. Hier durfte Ralf vorübergehend einziehen, bis er eine eigene Bleibe gefunden hatte. Das Problem: Von neun bis achtzehn Uhr musste er die Wohnung verlassen, am Wochenende konnte er den ganzen Tag bleiben.
Punkt neun verließ er jeden Tag das Haus. In der Buchhandlung arbeitete er von zehn bis vierzehn Uhr. Dann aß er in einem chinesischen, indischen oder vietnamesischen Lokal mit günstigem Lunchangebot zu Mittag und vertrieb sich den Rest des Nachmittags die Zeit mit Spaziergängen. Bei schlechtem Wetter ging er in die Bibliotheken und Museen. An einem verregneten Nachmittag lernte er in der Neuen Nationalgalerie Ricarda Leimsieder kennen. Lange standen sie nebeneinander vor einem Gemälde von Jackson Pollock. Dann exhumierte Ralf einen letzten Rest von Selbstachtung und sprach sie an.
Ricarda hatte zwei Leidenschaften. Sie fertigte Smartphone-Hüllen aus handgesponnener Alpakawolle, die sie in den Kneipen im Prenzlauer Berg an wohlhabende Grünwähler verkaufte. Und Heißluftballons. Nach einigen Treffen in Kreuzberger Cafés hatte sie Ralf vom Fliegen begeistert und er willigte auf ihre Frage nach einem gemeinsamen Ausflug in die Berliner Luft ein. Ich bin nicht dabei gewesen, ich kenne den Unfall nur aus seinen Schilderungen, aber ich nehme an, dass Alkohol und Übermut eine gewisse Rolle bei den folgenden Ereignissen gespielt haben.
Jedenfalls stürzte Ralf aus dem Korb unter dem Heißluftballon und flog der Stadt entgegen. Nach Auskunft von Ricarda habe er dabei noch hektische und verzweifelte Armbewegungen gemacht, so als wolle er mit einer Art Flügelschlagen seinen Fall bremsen. Er schlug, mit den Füßen zuerst, ins Dach einer Lagerhalle in Moabit ein. Zu seinem Glück landete er auf einem Trampolin, prallte wie ein Gummiball ab und wurde quer durch die Halle geschleudert, bis er schließlich auf einem Stapel Matratzen liegen blieb. Wie durch ein Wunder war er nahezu unverletzt. Bis auf ein paar Prellungen, Schürfwunden und eine leichte Gehirnerschütterung war ihm nichts passiert.
Als er wieder zu sich kam, hatte er sich verändert. Ralf gab seinen Job in der Buchhandlung auf und wurde Schriftsteller. Unter geschickter Ausnutzung von Ricardas Schuldgefühlen gelang es ihm, in ihrer Wohnung in Pankow einzuziehen. Als wir uns eines Abends in einer Bar trafen, erzählte er mir, er habe in den zehn Sekunden des freien Falles, den sicheren Tod vor Augen, unglaublich viele neue Gedanken gehabt. Einen klaren Rückblick auf sein bisheriges Leben und eine Vision von der Schönheit dieser Welt. Von den einfachen und wichtigen Dingen. Er habe plötzlich verstanden, sagte er bei einem Glas Rotwein.
Unter allen Gefallenen ist er der am tiefsten gefallene und so taucht Ralf Sonnenberg mit der Eleganz eines Turmspringers in sein neues Leben ein. Er schreibt jeden Tag wie besessen und im Herbst erscheint sein erster Roman „Das Schweigen der Nachmittage“. Aus dem ehemaligen Buchhändler ist ein aufmerksamer Beobachter und kluger Erzähler geworden.
Martin Böttcher - Old Shatterhand-Melodie. https://www.youtube.com/watch?v=ie03flpiQHo

Die Physiotherapie nach dem Unfall war natürlich kein Zuckerschlecken.

12 Kommentare:

  1. Ja das Leben geht manchmal seltsame Wege um zum Ziel zu kommen. Wenn das Hirn dermaßen durchgerüttelt wird wie bei diesem Sturz, wird ein spannender Roman zu erwarten sein. Ich bestelle das Buch gerne. Aber wie geht Ricarda mit der Situation um?

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    1. Ricarda schreibt gerade selbst ein Buch. Titel "Über den Wolken". Ich soll dich herzlich von ihr grüßen.

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  2. Ungewollt tragisch-KOMISCH, wie´s Leben eben SO ist + mit´m gewünschten HAPPY END ... ?!?

    Werde auch mal einen Heißluftballon besteigen und werde berichten ...(ړײ) *vielleicht...daAusgangUNKLAR*

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  3. knapp 500 m sollten es schon gewesen sein bei 10 Sekunden freiem Fall...

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    1. Richtig. Hab's gerade mal nachgerechnet. In knapp zehn Sekunden läuft Usain Bolt sogar die hundert Meter. Wird geändert. Danke!

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    2. Bonetti kann die Raumzeit krümmen, wie er will.

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    3. Man darf natürlich nicht Ralfs Armbewegungen vergessen. Der König der Lüfte :o)

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    4. Genau. Möglicherweise trug er auch Antigravitationssneaker...

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    5. Zwischenstopp in Dorothees Flugtaxi nicht ausgeschlossen.

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    6. Die geile Sau.

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    7. @anonym: Die kann auch anders :
      https://file.army/i/snyjuL

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