Montag, 1. April 2019

Sandra

Sie war zehn Jahre alt und gerade aufs Gymnasium gekommen, als ihre Eltern glaubten, sie sei alt genug für die Wahrheit. Sandra habe eine seltene Erbkrankheit, einen genetischen Defekt, der in ihrer Familie immer wieder zu Todesfällen geführt hatte. Der Großvater, die Tante, eine Cousine. Vermutlich würde sie nicht lange leben. Daher solle sie das Leben genießen und würde von ihren Eltern auch keinen Druck in Sachen Schule, Ausbildung und Beruf bekommen.
Zunächst war Sandra erschrocken. Sie erzählte ihren Freundinnen nichts von ihrer Krankheit, aber sie sah die unbeschwerten Mädchen nun mit ganz anderen Augen. Sie hatten eine Zukunft. Ihr Leben würde nicht mehr lange dauern. Allerdings konnte ihr niemand, weder ihre Eltern noch ein Arzt, sagen, wie lange sie noch leben durfte. Das dauerte einige Wochen. Aber dann war sie plötzlich erleichtert. So als habe man ihr eine Last von den Schultern genommen.
In der Schule ließen ihre Leistungen in den Fächern nach, die sie nicht interessierten: Mathematik, Physik, Chemie, Religion und Sport. Sie hörte mit dem Klavierunterricht auf und ging auch nicht mehr zur Tanzgruppe des örtlichen Sportvereins. Als die Demonstrationen von „Fridays for Future“ anfingen, ging sie trotzdem in die Schule. Sie hatte keine Zukunft, für die sie auf die Straße gehen konnte. Zusammen mit der Kunstlehrerin und den beiden Söhnen des CDU-Bürgermeisters sah sie sich Filme über Frida Kahlo oder Salvatore Dali an. Sie begann, sich für Literatur und Philosophie zu interessieren.
Mit achtzehn verliebte sie sich in einen Studenten, mit dem sie nach Venedig und Florenz fuhr. Zuvor hatte sie während der elften Klasse das Gymnasium ohne Angabe von Gründen verlassen. Sandra reiste mit Elias jahrelang durch ganz Europa. Sie war glücklich. Eines Tages erzählte sie ihm von ihrer unheilbaren Krankheit und davon, dass sie nicht wisse, wie lange sie noch zu leben habe. Kinder wollte sie keine, denn sie wollte ihren genetischen Schaden nicht vererben. Als Elias mit dem Studium fertig war und eine Praxis als Hausarzt eröffnet hatte, verließ er sie. Einige Jahre später war er verheiratet und hatte zwei Kinder.
Als Sandra dreißig Jahre alt war, starb ihr Vater an der unheilbaren Krankheit. Wenig später starb ihre Mutter an Krebs. Da ihre Eltern als Laborleiter und Verwaltungsangestellte gut verdient hatten, konnten sie ihrem einzigen Kind ein schönes Erbe hinterlassen. Sandra lebte sorgenfrei in den Tag hinein. Sie begann, zu malen und zu schreiben. Sie reiste mit ihren Freundinnen nach Japan und Kanada, nach Chile und Neuseeland. Sie versuchte, jeden Tag alles zu genießen, was ihr das Leben zu bieten hatte.
Heute ist sie achtzig Jahre alt geworden. Sie weiß immer noch nicht, wie viel Zeit ihr noch bleibt.
Klaus Nomi - After the Fall. https://www.youtube.com/watch?v=NlSxhjCS5ac

3 Kommentare:

  1. Was für ein verschwendetes Leben!

    Sandra hätte überall die Erste sein können, wenn die Eltern ihr Maul gehalten hätten.

    So hat sie nur peripher am Markt teilnehmen können. Entsetzlich.

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  2. Auf Melmac,der Heimat von ALF, werden alle 650 Jahre alt. Ein Jahr vorher werden die Kreditkarten gesperrt.
    Vor der Beerdigung kommt ein Anhänger an den großen Zeh und der Körper wird mit Pfirsichsaft aus der Dose eingestrichen.

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  3. Wer weiß das schon? Ein schönes Leben war es, weil sie akzeptiert hat, dass es endlich ist. Weil sie Geld genug hatte für die Dinge, die ihr wichtig waren.

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