Dienstag, 12. März 2019

Eine Meldung und ihre Geschichte

New Journalism nennt man die Verbindung von Reportage und Literatur. Wenn man die Fakten so manipuliert, dass es plausibel klingt, nennt man es Relotius-Stil. Die Spiegel-Rubrik „Eine Meldung und ihre Geschichte“ ist wie geschaffen für diese Spielart der medialen Produktion.
Ein Beispiel. Am Montag meldete SPON, dass ein Stammkunde sein vorbestelltes Essen in einem Düsseldorfer Imbiss nicht abholte. Ein Mitarbeiter der Imbissbude hatte eine böse Vorahnung und verständigte daraufhin die Polizei. Der 54-jährige Mann öffnete nicht die Tür, die Polizei holte Feuerwehr und Notarzt. Die Tür wurde aufgebrochen. Der Mann lag bewusstlos und in akuter Lebensgefahr in seiner Wohnung. Der Mann wird – dem Imbissmitarbeiter sei Dank – gerettet.
So wird eine typische Geschichte daraus:
Manfred G. kann wieder lachen. Nach seinem schweren Herzinfarkt liegt er auf der Intensivstation des Willy-Millowitsch-Krankenhauses in Düsseldorf. Er ist an viele bunte und sicher sehr teure Apparate angeschlossen, gelegentlich hört man ein „Ping“.
„Ich hatte gerade am Telefon einen Dürüm Döner, zwei Currywürste, Pommes mit Mayo und eine Flasche Cola bestellt, als ich plötzlich einen starken Schmerz im Brustbereich spürte, der in den linken Arm ausstrahlte. Außerdem hatte ich so ein massives Engegefühl im Herzbereich. Es folgten Atemnot und Übelkeit. Mir wurde schwindelig und ich fiel in Ohnmacht.“
Der arbeitslose Alkoholiker, der außerdem unter Asthma, Allergien und anderen Krankheiten mit A leidet, hat dreißig Jahre ausschließlich von Fast Food gelebt und wiegt 190 kg.
Mesut Ö. sitzt neben ihm. Er hat seinem Stammkunden einen Chicken-Döner ohne Soße und mit viel Salat mitgebracht, weil er nicht möchte, dass Manfred G. wieder einen Infarkt bekommt. Er soll sich, auch auf Anraten der Ärzte, gesünder ernähren und sich mehr bewegen.
Die Fakten der Pressemitteilung ergeben eine runde und plausible Geschichte. Der Artikel wird mit weiteren Elementen ergänzt, die unseren Vorurteilen entsprechen. Der Imbissverkäufer ist Türke, einer dieser sympathischen Menschen, die auch in der zwölften Generation noch Ausländer sind, und uns als Kellner, Automechaniker, Gemüsehändler oder Dönermann zu Diensten sind.
Ein Mann, der mit 54 Jahren schon einen Herzinfarkt oder einen Schlaganfall hat (das wird aus der Pressemitteilung nicht deutlich, da heißt es nur „akute Lebensgefahr“), und sein Essen an der Imbissbude bestellt, ist natürlich übergewichtig und gehört zur Unterschicht. Selbst schuld, wenn man sich so ernährt, oder?
Fertig ist eine glaubwürdige Geschichte, für die ich mich noch nicht mal vom Schreibtisch erheben musste. So läuft das Business, Leute!
P.S.: In Wirklichkeit heißt der Lebensretter übrigens Pascal Nebel und arbeitet für „Leo’s Grill“, einen holländischen Imbiss in der Martinstraße im Stadtteil Bilk, der neben Bratwürsten und Burgern auch Frikandel und Fleischkroketten anbietet. Er ist Lieferfahrer und stand vor der Tür des Kunden. Als dieser, zum ersten Mal in sechs Jahren, nicht öffnet, wird der Fahrer misstrauisch und ruft die Polizei. Der Stammkunde ist 72 und konnte das Krankenhaus schon wieder verlassen. Die echte Bestellung: mittlere Pommes, halbes Hähnchen, Eisbergsalat. Fragen Sie Bonetti. Die Filmrechte habe ich schon gekauft.
Prince – Da, Da, Da. https://www.youtube.com/watch?v=zNoN-J7ivfM

3 Kommentare:

  1. Zitat zum Thema: Leben

    Das Leben schreibt die schönsten Geschichten.

    Unbekannt *DANKBonetti*

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  2. Spahn arbeitet schon dran.
    Bei allen Sozialleistungen wie Rente, Arbeitslosengeld, Krankengeld pro Kilo Übergewicht 2% Kürzung, bei steuerfinanzierten Leistungen wie Hartz IV 5%.
    Im Gegensatz zu Hartz IV werden die Kürzungen im Sozialen Bereich bei maximal 50% gedeckelt.
    Bei Hartz IV geht selbstverständlich, wie bei Sanktionen, auch 100%.

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    1. Längst erledigt, nennt sich Inflation und vom anderen Ende kalte Progression.

      Ist auch unabhängig davon wer den Kasper spielt.

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