Sonntag, 24. März 2019

Der Hüter

Kai-Uwe Salzkorn hatte keine besonderen Fähigkeiten. Er war weder geschickt, stark oder klug. Er war Ende zwanzig und hatte schon alle möglichen Jobs gemacht. Auf dem Bau, als Fahrer, als Kellner und in einem Call-Center. Eigentlich konnte er nur schweigen. Schweigen und Zuhören. Er lebte allein und sprach auch in Gesellschaft nicht viel.
Schlimm, wenn man nur sich selbst hat. Keine Freundin, keinen Job. Also beschloss er, das Beste aus seiner Situation zu machen. Er konnte nicht nur schweigen, er war auch sehr diskret. Er konnte ein Geheimnis bewahren. Ihm konnte man alles anvertrauen, auf ihn war Verlass. Er bastelte sich eine Homepage zusammen und ließ in der Lokalzeitung eine Anzeige veröffentlichen: „Der Hüter. Bei mir ist Ihr Geheimnis sicher. Ich höre Ihnen zu und schweige wie ein Grab. Bei Bedarf gebe ich Ihr Geheimnis nach Ihrem Tod oder zu einem gewünschten Zeitpunkt weiter.“
Sein erster Kunde war ein korpulenter Mann mit staubgrauen Haaren und einem betongrauen Anzug. Er erzählte Salzkorn, er habe vor einigen Wochen auf der Landstraße ein Reh angefahren. Er sei ausgestiegen, dass Reh sei noch bis zum Straßenrand getaumelt und dort gestorben. Er könne mit niemandem darüber sprechen, weder mit seiner Frau noch mit seinen Kollegen. Aber es belaste ihn sehr. Salzkorn äußerte Verständnis und versprach, niemandem davon zu erzählen, schon gar nicht der Polizei. Der Mann war erleichtert und zahlte fünfzig Euro.
Am nächsten Tag erschien eine junge Frau, die ihren Namen nicht sagen wollte. Sie habe nur eine Halbtagsstelle in einem Supermarkt und sei schwanger. Ihre Eltern durften auf keinen Fall davon erfahren. Sie war nicht verheiratet und hatte keine Ahnung, wie ihr Freund auf diese Info reagieren würde. Als alleinerziehende Mutter, die Sozialhilfe beantragen müsse, wollte sie nicht enden. Sie hatte Angst, dass ihre Familie sie verstößt. Salzkorn riet ihr, erst einmal abzuwarten und nichts zu überstürzen. Es würde sich schon eine Lösung finden, ihrer Beschreibung nach war der Vater des Kindes doch ein netter Kerl. Er nahm nur zwanzig Euro und versprach, ihr Geheimnis zu hüten.
Der nächste Besucher war ein alter Mann, der früher als Ingenieur bei einem Bauunternehmen gearbeitet hatte. Er hatte jahrzehntelang Steuern hinterzogen und Geld auf einem Nummernkonto in der Schweiz hinterlegt. Er übergab Salzkorn einen versiegelten Umschlag mit den Daten, der nach dem Tod an seine Tochter übergeben werden sollte. Dafür nahm der Hüter zweihundert Euro.
Die Menschen kamen in Scharen, um sich den Ballast von der Seele zu reden, um endlich Erlebnisse und Erinnerungen, Ängste und Schwächen ansprechen zu können, die sie seit langer Zeit mit sich herumtrugen. Unerfüllte sexuelle Träume und verzweifelte Einsamkeit. Ein ausgebrannter Unternehmensberater verriet ihm, dass er sich vor seinem endgültigen Zusammenbruch und vor der Arbeitslosigkeit fürchtete. Die Welt ist voller Geheimnisse, die bewahrt werden müssen.
Osibisa - Sunshine Day. https://www.youtube.com/watch?v=2rD3scm_3vg

5 Kommentare:

  1. Tolle Geschäftsidee! Nur die 20 Euro der jungen Frau waren durch nichts zu rechtfertigen, eine Schwangerschaft geht weiter, auch mit Angst. Und es braucht eine Entscheidung, ehe die Hoffnung wie auch immer berechtigt ist.

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    1. Salzkorn scheint ein guter Zuhörer zu sein, aber kein guter Berater.

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  2. Wenn du wünschst, dass ein anderer dein Geheimnis bewahre, dann bewahre es zuerst selbst.

    Lucius Annaeus Seneca (ca. 4 v. Chr. - 65 n. Chr.)

    SONNTAGgruß dalass, da kein Geheimnis + nicht für mich behalte + auch NIX verlange (ړײ)

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  3. die Katholische Beichte wäre eine echte Alternative...
    und preiswerter.

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    1. Das war die Grundidee hinter dem Text: eine Beichte für Agnostiker und Atheisten + Kapitalismus :o)

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