Mittwoch, 6. März 2019

Der ewige Aschermittwoch

Es gibt kein Außen. Es gibt nur Innen. Wir können nicht hinaus. Als einzelner Mensch kann ich es schaffen. Die berühmte einsame Insel, das Abenteuer der Autonomie. Wenn man ungestört bleibt, wenn man gesund bleibt, wenn man genügsam ist. Aber der Mensch des 21. Jahrhunderts ist für das Außen nicht gemacht.
Kann er wenigstens das Innen verändern? Welche Mittel hat er? Er kann demonstrieren, er kann streiken, er kann den Gehorsam verweigern. Man müsste ein Herz aus Stein haben, wenn man den Schülerprotest unter dem Motto „Fridays For Future“ nicht rührend findet. Kann man diesen Kindern den Wunsch abschlagen, in einer intakten Umwelt aufzuwachsen? Sie wollen den Klimawandel verhindern und kein neues Smartphone. Großartig. Aber vielleicht ist es zu wenig, an einem Tag der Woche zu demonstrieren? Warum treten sie nicht unbefristet in den Streik? Warum treffen sie die Gelbwesten in Frankreich in ihrer Freizeit, an den Samstagen, zum Protest? Können wir das ganze Land zu einem Generalstreik bewegen, um das Innen zu verändern?
Fragen wir uns das einmal selbst. Wie lange weigern Sie sich, den Supermarkt zu betreten oder Online-Bestellungen aufzugeben? Etwa eine Woche. Dann gehen Ihre Vorräte zu Ende. Haben Sie den Mut, sich von Ihrem Arbeitsplatz fernzuhalten? Wie viele Tage halten wir das durch? Welche Bereiche nehmen wir vom Generalstreik aus? Das Krankenhaus natürlich. Die Feuerwehr. Was ist mit dem Wasserwerk und dem Elektrizitätswerk? Wie lange können und wollen wir auf Strom verzichten? Auf Fernsehen und Handy? Wie lange halten Sie das aus? Eine Woche, höchstens zwei.
Stellen wir uns auf der nächsthöheren Ebene folgende Fragen: Wir organisieren wir die gesellschaftliche Ordnung in Form einer egalitären, basisdemokratischen Selbstverwaltung, ohne auf die Strukturen von Polizei und Justiz zurückzugreifen? Wie treten wir der potenziellen Gewalt anderer Gemeinschaften, seien es Staaten oder Konzerne, entgegen, wenn wir auf Waffen und Militär verzichten? Wie gestaltet man mit Millionen Menschen Politik, ohne Demagogen und Rattenfängern das Feld zu überlassen, wenn nach dem Abtritt der Nomenklatura ein Machtvakuum entsteht?
Wie organisieren wir das gemeinsame Eigentum an Produktionsmitteln? Wer hat Ahnung, wie eine Autofabrik funktioniert? Die Leute, die das Wissen haben, gehören zur Elite, die wir gerne abschaffen würden. Oder lernen wir, ohne Verkehrsmittel zu leben? Wie weit kommen Sie zu Fuß? Sind Sie bereit, zwei Kilometer bis zum nächsten Brunnen zu laufen und das Wasser nach Hause zu tragen? Wie funktionieren der Zahlungsverkehr und die Finanzwirtschaft, wenn wir die verfluchten Banker alle zum Teufel gejagt haben?
Was passiert, wenn wir unseren Lebensstil radikal ändern? Wenn wir unseren Konsum auf das wirklich Notwendige einschränken und als deutsche „Exportweltmeister“ die Welt nicht mehr mit unseren Giftschleudern, unseren Chemikalien und Maschinen überschwemmen? Dann brechen unsere Wirtschaft und unsere Gesellschaft zusammen. Viele Millionen Jobs verschwinden und damit auch die Steuereinnahmen, mit denen unser Sozialsystem, unsere Bildungseinrichtungen und die Infrastruktur finanziert werden. Wir haben uns einen Kerker gebaut. Aber er ist immerhin gut gepolstert und aufwendig möbliert.
Wir können dieses irrsinnige Innen nicht verlassen. Erst mit dem Tod sind wir von der Warenwelt erlöst. Wenn wir auf den Plastikbecher beim Coffee to go verzichten oder auf die Plastiktüte beim Einkaufen, betreiben wir einen symbolischen Ablasshandel. Es sind Rituale und Gebete, die vergeblich sind. Lächerlich und rührend zugleich. Wir haben uns in den letzten zweihundert Jahren eine Welt gebaut, die wir nicht mehr verändern und nicht mehr hinter uns lassen können.
Milliarden Menschen in China, Indien und Afrika folgen uns wie Lemminge auf dieser Einbahnstraße. Eine Sackgasse bis zum Horizont. Der ewige Aschermittwoch.
Claude Debussy - Prélude à l'après-midi d'un faune. https://www.youtube.com/watch?v=bYyK922PsUw

Hier entstehen demnächst Einkaufszentren, Parkplätze und Gewerbegebiete.

14 Kommentare:

  1. Rumms........Mist, recht hat er.
    Und es ist nicht einmal ein Problem der Intelligenz.
    Wenn man wenigstens sagen könnte, die blicken es doch alle nicht, nur ich weiß bescheid.
    Blödsinn.
    Die oft genannten Eliten, wie ja auch angesprochen, sind ja nicht dumm.
    Aber ich wäre nicht so pessimistisch.
    Oder müssen wir tatsächlich den georgia guidestones folgen ?
    ( Verschwörung Verschwörung, siehe Wiki )
    Reduzierung der Menschheit auf eine halbe Milliarde ?
    Wer soll dann sterben ? Unwertes Leben ?
    Wer darf weiterleben ? Die weißen, blonden ? Ha !
    Man Man Man.....

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    1. In der Elite glauben die Optimisten, dass Wissenschaft und Technik uns aus der Scheiße rausholen können, in die sie uns reingeritten hat. Die Pessimisten bauen Bunker und Gated Communities für ihre Familien. Der Rest der Menschheit ist Schafherde und Verfügungsmasse.

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  2. Nee, ehrlich. Ohne Autos und Überweisungen will ich nicht leben. Katastrophe, wenn es keine Tiefkühlpizza mehr gäbe. Dann lieber abwarten und anpassen, wie immer.

    Ab und zu mal bloggen/kommentieren muss eben reichen.

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  3. "Erst mit dem Tod sind wir von der Warenwelt erlöst"

    *ichmirdanichtsosicherwäre...hehe*

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  4. https://www.youtube.com/watch?v=CBG7GtQnPtI *tja*

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  5. Das ist es, glauben. Überzeugungen, Dogmen, "Weltanschauung".
    Alles geleitet aus dem Bauch, ohne Vernunft, ohne Intelligenz.
    Immer nur mit Blick auf den eigenen Vorteil.
    Aber seltsam, die Leute zerstören sehenden Auges die Lebensgrundlagen ihrer Kinder für den Besitz, für Macht, wo Sie doch immer sagen, ihre Kinder seien das wichtigste in ihrem Leben.
    Die denken, Sie hätten immer noch den ultimativen Rückzugsort,
    wenn mal alles zusammenbricht. Neuseeland, irgend eine Insel, eine Jacht.
    Infantil ?

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  6. Also ich find es dufte hier. Konsumiere aber auch wenig, geh nie ins Kino (langweilig) oder Theater (Schnöselvolk allerorten) und TV hab ich beim Mauerfall mal gesehen.

    Wählen war ich auch mal, so in der Zeit. und eien Autofabrik? Wie die funktioniert weiß keiner die "Elite" schon gar nicht.

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  7. Freunde von mir sind im Naturschutz tätig.
    Ich mach da nur ein wenig mit, halte es aber für sinnvoll.
    In der Fa. im Gespräch mit "Normalos", die das alles für schwachsinnig halten, gerne ihre dicke Karre benutzen, viel Fleisch fressen, ein zu großes Haus gebaut haben ( 200 m², in 10 Jahren sind die Kinder aus dem Haus, und dann ? Putzen ? ) und auch sonst alles so machen wie eigentlich alle, 2 mal in den Flieger, übers WE nach Malle, ach ja, diese Leute kriegt man nur so klein:
    Ihr habt doch Kinder, oder ?
    Jo....
    Wollt Ihr denen so eine Welt hinterlassen ?
    Rauchwolken über dem Kopf, nachdenk, nachdenk, Stille.
    Wunderbar ! Klappt immer.
    Ach ja, das mit den 200 m² geht bei uns noch, auch für Facharbeiter.
    Die Leute bauen die Häuser selber, mit Verwandschaft, auf der eigene Wiese.
    Je größer um so besser !

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    1. In so einer Bude Marke Eigenbau lebe ich. In den 70ern hochgezogen, Bauland kostete damals nur 15 DM pro qm. Fazit: die komplette Familie ist ausgezogen, ich bin ins leere Haus eingezogen und lebe jetzt auf 480 qm Bruttogeschossfläche (also inkl. Mauern, Heizungskeller usw.).

      Allein auf 480 qm + Wohnung in Berlin. Das ist der reale Wahnsinn des Kapitalismus. Aber ich erzähle gerne, dass ich kein Auto fahre und nicht fliege :o)

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    2. Also ohne Kegelbahn und Minigolf ist da doch der Depri vorprogrammiert.
      So'n Putzroboter wäre auch noch Klasse, mit Webcam natürlich und n Puppenzimmer wie bei Blade Runner.

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    3. Provinzstadtplaner7. März 2019 um 07:50

      Mit nicht renovierten Bädern ?
      Gehe mal davon aus, das mind. 2 Bäder da sind...
      Super ! Die alten 70er Fliesen. Ich liebe es.
      Dann eine Reithalle als Wohnzimmer ?
      Vieleicht noch mit Kamin, den man nie benutzt hat ?
      Boden auch gefließt, so in Terrakotta ?
      Grober Putz ( Fachbezeichnung "Pizzastuck" )im Gang, an dem man sich, wenn man im Suff heimkommt, mächtig verletzen kann ? Gerne den Handrücken.
      Das ganze in einem Hausfrauenreservat, die Hälfte wohnt alleine, weil der Alte ab ist.
      Versteckter Alkoholismus. Abgründe.
      Einfach klasse.

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    4. Du beschreibst es, als ob du schon mal hier gewesen bist. Das Wohnzimmer, inzwischen mein Arbeitszimmer mit Tisch am Fenster und Waldblick, hat 40 qm und ist voller persischer Teppiche und Ölgemälde. Drei Bäder, von denen ich nur eins benutze. Kamin hatte ich in den 6 Jahren, in denen ich jetzt hier wohne, noch nie an. Wird sowieso bald verboten. Ich benutze nur drei Zimmer, der Rest ist abgeschlossen, sonst würde man sich ja totputzen.


      Aber solange mein Vater noch lebt, wird die Hütte nicht verkauft. Hat man ja schließlich alles selbst gebaut, ich habe als Kind die Steine zu den Maurern geschleppt, ich hatte bestimmt jeden dritten Hohlblockstein persönlich in der Hand :o)

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    5. Dann würde ich sowieso nie verkaufen.
      Ist ja ein Stück von Dir.
      Habe mal im immoscout geschaut, man ist Hundsrück billig !
      Kann man da leben ?
      Habe hier bald die Faxen dicke, eigene Hütte für einen Mondpreis losschlagen und sich mit der Kohle bis zur Rente durchhangeln..........noch billiges Teil im z.B. Hundsrück kaufen, damit man was zu tun hat, renovieren und umbauen.
      Regnet es oft ? So wie in der Eifel ? Wir sind hier im Südwesten sehr verwöhnt.

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    6. Hier in Schweppenhausen ist letztes Jahr ein Haus für 25.000 € verkauft worden. Hier in der Nähe von Bingen ist Weinanbaugebiet, das Wetter ist also wie im Südwesten. Je weiter du in den Hunsrück fährst, um so kälter wird es und umso größer sind die Funklöcher. Wäre also die richtige Gegend für deinen Plan. Ohne Auto geht es hier aber nicht.

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