Sonntag, 31. März 2019

Am Grab

„Aber ich habe doch alles.“
„Nein, Mutter. Du hast gar nichts. Einen miesen Job als Putzfrau. Die Wohnung in der Mietskaserne gehört deinem Arbeitgeber. Wenn du entlassen wirst, verlierst du sie. Du hast kein Auto, du machst keine Reisen. Du hast den Schweinefraß von Aldi und du hast den Alkohol, mit dem du dich betäubst. Du hast deine Erinnerungen an die Flucht und an das Lager. Du kannst dich an deinen Vater nicht erinnern, der starb, als du drei Jahre alt warst, und der nur selten Fronturlaub bekam. Deine Mutter hat dich geschlagen und du warst in der neuen Heimat immer eine Fremde. Du hast geheiratet und dein Mann hat dich betrogen. Betrogen und geschlagen. Nach der Scheidung hattest du nichts. Du sitzt im Wohnzimmer, in der Küche, im Museum deines Scheiterns. Du trinkst, um zu vergessen. Du trinkst, um dich zu erinnern. Du lachst, du weinst. Immer allein. Du bist 57 Jahre alt geworden. In diesem Jahr hätten wir deinen achtzigsten Geburtstag gefeiert.“

4 Kommentare:

  1. Es gab auch die anderen Momente, in denen Glück da war. Es gab das Verlieben in den Blödmann, der vielleicht damals noch keiner war. Ohnmacht angesichts der Traumata mit Saufen betäuben, sie wußte, das ist keine Lösung. Aber niemand bot Antworten, nahm sie an die Hand.
    Es gab zu wenig Mut, um aus dem Wohnzimmer zu gehen, zu selten wurde Nein gesagt.

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  2. SCHICKSALE ...
    + SOMMERzeit ...
    um die Gartenmöbel rauszustellen (ړײ)

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  3. "Bei Problemen Saufen ist gefährlich"
    Klaus Zapf, kürzlich verstorbener Berliner Umzugsunternehmer

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  4. Sich mit 57 für immer zu verabschieden ist zu früh. Sich mit 49 für immer aufzugeben ist viel zu früh. Mit 84 aus dem Leben gehen zu müssen, vielleicht nicht. Doch: Der Schmerz bei uns Angehörigen, er bleibt für ewig.

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