Dienstag, 26. Februar 2019

Voyager III

Als auf meinem Monitor das blaue Symbol leuchtete, dachte ich zuerst, ich sei verrückt geworden. Die Monotonie, die langweiligen Kollegen. Vor allem dieser Fitnessgockel Burkhard Lötze, der jeden Tag mindestens drei Stunden trainierte. Aber es stimmte tatsächlich: Ein kleiner blauer Briefumschlag blinkte stumm auf meinem Display. Was bedeutete das? Eigentlich war es unmöglich.
„Käpt’n“, rief ich durch die Kommandozentrale. „Wir haben Nachrichten.“
„Das kann nicht sein“, antwortete der Käpt’n trocken. Wilfried Himmelreiter, im früheren Beruf Investmentbanker, war durch nichts zu erschüttern.
„Aber das Zeichen leuchtet.“
„Überprüfen Sie das Steuerungspult.“
Ich führte eine automatisierte Systemdiagnose durch. Alles okay.
„Es blinkt immer noch, Käpt’n.“
„Dann öffnen sie die Nachricht in Gottes Namen.“ Himmelreiter starrte stur geradeaus, obwohl im Weltraum nicht viel zu sehen war.
Ich klickte auf das Symbol und eine Textnachricht öffnete sich. Es war eine Reihe mir unbekannter Symbole. Ich fütterte den Translator mit dem Text, aber er konnte nichts damit anfangen.
„Es ist keine menschliche Botschaft“, sagte ich.
Alle in der Kommandozentrale starrten mich plötzlich an.
„Dann holen Sie Jenny!“
Jennifer Grabowski war unsere Kommunikationsoffizierin. Sie schaute sich den Text eine Weile an, runzelte die Stirn und aktivierte das Entschlüsselungsprogramm.
Ich muss vielleicht ein paar Kleinigkeiten erklären. Wir sind nicht im Jahr 2019. Vergessen Sie, was Sie heute im Internet gelesen haben. Vergessen Sie, dass Sie gerade in Gütersloh oder Pirmasens sind. Sie sind an Bord der Voyager III oder eines anderen Raumschiffs der Voyager-Klasse.
Die Erde ist im Jahr 2077 untergegangen. An Bord sind etwa hunderttausend Menschen. Alle sind in einem Tiefschlaf, aus dem regelmäßig zwanzig Leute geweckt werden. Jeder von ihnen ist für ein Jahr Mitglied der Crew dieses Raumschiffs, dann wird er abgelöst und wieder in Tiefschlaf versetzt.
Die Reise wird zwanzigtausend Jahre dauern, die Systeme müssen regelmäßig gewartet werden. Die alte Zeitrechnung gibt es nicht mehr. An Bord läuft ein Countdown bis zur Ankunft auf unserem Zielplaneten. Ein erdähnlicher Planet mit intakter Natur. Unsere neue Heimat, nachdem wir die Erde zerstört hatten.
Alle Menschen, die es zu diesem Zeitpunkt noch gibt, liegen in Raumschiffen und träumen ihr heutiges Leben, damit ihre Gehirne intakt bleiben. Man hat uns in eine Traumwelt versetzt, in der wir ständig auf unsere Fehler hingewiesen werden, die schließlich zum Untergang geführt haben: Gewalt, Umweltzerstörung, Habgier. Wir träumen von Klimawandel und Krieg, Massentierhaltung und Massendepressionen, damit wir etwas für unser neues Leben lernen.
Wir waren voller Hoffnung, bis wir dieses andere Raumschiff trafen. Keine Menschen. Wir wissen bis heute nicht, wie diese Wesen aussehen. Sie schickten uns nur puren Text. Es dauerte eine Weile, bis wir ihre Botschaften entschlüsselt hatten. Eigentlich waren sie es, die unsere Botschaft entschlüsselt haben.
Sie können sich nicht vorstellen, in welch tiefe Verzweiflung uns diese Wesen gestürzt haben. Wir waren wie betäubt. Das Ende unserer Hoffnungen. Das Ende der Menschheit. Das Raumschiff kam vom Planeten, den wir Terra Nova getauft hatten, in Wirklichkeit aber Pönga Kor T’ak hieß. Ihre Welt war zerstört, vergiftet, die Atmosphäre nicht mehr atembar. Also hatten sie Raumschiffe gebaut, um eine neue Welt zu erreichen.
Ihr Ziel ist die Erde. Viel Glück.
Jimmy Barnes - Mustang Sally. https://www.youtube.com/watch?v=VwolvmhKnKI 



7 Kommentare:

  1. Wir pflanzen jetzt ein Blümlein fein
    weil der SF-Man kriegt uns nicht klein
    Wenn er dann geht ins Weltall stiften
    werden wir den Globus halt entgiften.

    Denn wer es nicht schon lange kennt
    Die Menschheit lebt auf vier Prozent

    Von dieser schönen Kugel hier
    ich geh nicht fort wo ist mein Bier?

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  2. Sehr guter Text...thumbs up ;-)

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  3. "Und wenn ich wüsste, dass morgen die Welt unterginge,
    würde ich heute noch mein Apfelbäumchen pflanzen."

    Martin Luther (angeblich)

    https://www.youtube.com/watch?v=v7n1kj26zuQ *schallalala ♪ ♫*

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  4. Asimov, Heinlein, Clarke, Bonetti. Die SF-Klassiker.

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  5. So weit weg sind wir von dieser Geschichte gar nicht.
    Lass mal die Insekten alle weg sein, da kucken wir aber ganz dumm aus der Wäsche.
    Und das geht gerade sehr schnell !
    Ich hätte kotzen können, in der Kantine, ein Christ, Evangelisch, Hobbygärtner:
    "Des muas elles weg, des Ziefer" Das muß alles weg, das Ungeziefer
    Als ich Ihm dann sagte, daß das größte Ungeziefer auf der Welt der Mensch sei war er sprachlos.
    Endlich einmal.

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  6. Vergesst mir den guten Frederick Pohl nicht:
    Midas Plague/Seuche von 1954 sehr prophetisch!

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  7. Erstkontakt mir Außerirdischen, wie Kulturen untergehen und neu entstehen. Mein Lieblings-SciFi-Buch ist "Der Splitter im Auge Gottes" von Larry Niven und Jerry Pournelle.

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