Freitag, 15. Februar 2019

Rheingold

„Wenn ich sage, was ich denke, werde ich sofort verhaftet.“ (Lupo Laminetti)
Rheingold. Das ist das vereinbarte Zeichen. Wir hatten es bei einem Spaziergang im Wald so besprochen. Natürlich hatten wir die Handys im Wagen gelassen. Wenn er in seinem Twitter Account das Wort „Rheingold“ benutzen würde, sollte ich verschwinden. Dann stünde der Zugriff unmittelbar bevor. Ich kann nicht erzählen, woher er das weiß und wo er arbeitet. Das würde ihn gefährden.
Ich muss los. Sofort. Alles zurücklassen. Keine Papiere, keine Karten, kein Handy. Ich trage einen dunklen Anzug, teure Lederschuhe und eine Seidenkrawatte. In einem Aktenkoffer habe ich einen Ordner, in dem alte Vortragspapiere abgeheftet sind. Dazu ein Kulturbeutel mit den üblichen Belanglosigkeiten. Die Spießerausrüstung gibt mir Sicherheit, sie dient meinem Schutz. Es wird für eine oberflächliche Überprüfung ausreichen. Ich bin auf Geschäftsreise. Mr. Unauffällig.
Mit der S-Bahn fahre ich von Mainz zum Frankfurter Hauptbahnhof. Ein Auto kann ich nicht benutzen, da die Kennzeichen an diversen Punkten gescannt werden. Ich steige in den ICE nach Paris, das Ticket kaufe ich bar im Zug. Vier Stunden später komme ich auf der Gare de l’Est an. Es hat keine Kontrolle gegeben. Das ist der wichtigste Teil meiner Flucht gewesen. Ich bin im Ausland. Auf den Überwachungskameras hat meinen einen schwarzhaarigen Mann mit Vollbart und Sonnenbrille gesehen. Sobald ich in einem Hotel bin, verwandle ich mich wieder zurück.
Jeder kennt die Gräber von Jim Morrison und Oscar Wilde auf dem Friedhof Père Lachaise. Aber keiner besucht das Grab von Maurice Fournier. Auf seinem Grab steht eine Schale mit Efeu und Topfheide, in der Erde ist eine Dose aus schwarzem Kunststoff versteckt. In dieser Dose ist der Schlüssel zu einem Schließfach. Ich fahre zur Bank auf dem Boulevard de Sébastopol, dort hole ich meinen neuen Pass und Bargeld ab. Der Service ist sehr diskret, ich brauche nur den Schlüssel und nenne das Passwort. Ich präge mir meinen neuen Namen, meinen neuen Geburtstag und meinen neuen Geburtsort gut ein.
Ich gehe in ein schlichtes Hotel im Marais, Rue des Gravilliers. Ich zahle für eine Nacht in bar, lasse meinen Koffer auf dem Zimmer und gehe shoppen. Jeans, T-Shirts, bequeme Schuhe, ein Rucksack. Ein paar Häuser vom Hotel entfernt esse ich im „Hank“ eine vegane Pizza und nehme unterwegs noch eine Flasche Chablis für den Abend mit. Ich verlasse das Hotel um fünf Uhr morgens in anderen Gestalt, rasiert und mit dunkelblonden kurzen Haaren. Niemand sieht mich, die Rezeption ist noch nicht besetzt. Ich fahre zum Gare de Lyon und nehme den TGV nach Marseille. Den Aktenkoffer mit meinen alten Klamotten und der Perücke lasse ich im dichten Gebüsch eines Parks verschwinden.
Ich bin am Meer. Ich bin immer noch frei. Aber ich bin für immer im Exil. Was soll ich machen? Der Strand wird mir sicher bald zu langweilig sein. Ich spaziere durch die Altstadt, ich sehe mir an, wie Schiffe im Hafen anlegen und entladen werden. Ich kann noch nicht einmal alte Freunde anrufen, ohne sie in Schwierigkeiten zu bringen. Ich bin Single, die Scheidung war vor fünf Jahren. Meine Tochter ist jetzt sieben Jahre alt. Werde ich sie jemals wiedersehen oder noch einmal ihre Stimme hören?
Dieser Verlust liegt wie Blei auf meinem Herzen. Es wäre gefährlich, wenn ich Kontakt zu ihr aufnehme. Sie könnte in der Schule davon erzählen und sich selbst und ihre Mutter in Schwierigkeiten bringen. Die Kommunikation meiner Ex-Frau wird sicher komplett überwacht. Ich spreche wenig, um nicht als Deutscher erkannt werden. Im Restaurant spreche ich ein paar Brocken Englisch mit breitem amerikanischem Akzent. Nach dem Geschäftsmann spiele ich jetzt den Touristen aus Texas. Für die Kellner genügt es.
Ich habe genug Geld, aber habe ich überhaupt einen Plan für mein neues Leben? Es heißt, viele von uns würden jetzt nach Griechenland gehen. Die Behörden auf den Inseln nehmen es mit den Gästen nicht allzu genau, solange sie ihre Rechnungen bezahlen. Außerdem ist die griechische Regierung nicht gut auf Deutschland zu sprechen. Ich werde am Hafen nach Frachtschiffen Ausschau halten, die nach Griechenland fahren und Passagiere mitnehmen.
Fad Gadget - Collapsing New People. https://www.youtube.com/watch?v=tLb9IvqxdH8

1 Kommentar:

  1. Guter Plan und halte UNS, auf dem Laufenden :

    "Jetzt hat jeder, wirklich jeder ohne Nachweis irgendeines berechtigten Interesses die Möglichkeit herauszufinden, wo ich oder wo Sie wohnen, es sei denn, ich weise nach - und das ist in kurioser Weise umgedreht -, daß ich bedroht werde. Dann wird eine sogenannte Melderegistersperre eingetragen. Hier denke ich auch, daß der Gesetzgeber tätig werden sollte."

    Peter Schaar, Bundesdatenschutzbeauftragter

    *Rheingold...amheutigenTagdesRegenwurmsderbeneidenswertindieErdeverschwindenkann...ohneAdressezuhinterlassen...einRegenwurmkönntestDUwerden...hehe*

    AntwortenLöschen