Mittwoch, 6. Februar 2019

Esther



Manchmal ist es ein einziges Wort, das eine Tür öffnet. Esther. Der Name fällt in der großartigen Serie Labaule & Erben (SWR Fernsehen). Sofort denke ich an jene Esther aus der Mittelstufe zurück.
Ich habe damals Kinderschwimmkurse gegeben. Plötzlich tauchte Esther am Beckenrand auf. In einem atemberaubenden Bikini. Ich schaue zu ihr hinauf, besser: an ihr entlang. Achte Klasse. Sie war das erste Mädchen, in dessen Oberteil tatsächlich etwas drin war. Endlose Beine, gertenschlank – ich könnte mich stundenlang in Klischees ergehen. Natürlich hat sie das Gymnasium nicht geschafft. Egal.
Und dann sprach sie mich an.
„Du auch hier?“
„Ja“, antwortete ich glücklich.
Zum ersten Mal schien die Möglichkeit auf, mit Mädchen zu reden. Es war niemand aus meiner Klasse dabei. Auch meine Eltern nicht. Im Lärm dieses Hallenbads waren wir praktisch allein.
Aber dann musste ich mich kurz umdrehen. Das Mädchen, dem ich gerade Schwimmen beibrachte, war bereits einen halben Meter unter Wasser, machte aber weiterhin tapfer die neu gelernten Bewegungen (Wieso heißt es eigentlich „Brustschwimmen“? Was soll die sexuelle Konnotation?). Ich holte sie an die Wasseroberfläche.
Zum Glück hustete das kleine Mädchen nicht. Es war noch genug Luft in dem Kind. Es war auch nicht in Panik, sondern sah mich voller Vertrauen an. Als ich wieder hochblickte, war Esther verschwunden. Keine Ahnung, was sie heute macht.


Stiff Little Fingers - At The Edge. https://www.youtube.com/watch?v=ll8KTae3AA0

Kommentare:

  1. “The worst part of holding the memories is not the pain. It's the loneliness of it. Memories need to be shared.”
    ― Lois Lowry, The Giver

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  2. Eine schöne Geschichte, dass Gefühl der Mittelstufe kommt so nah, ist glücklicherweise vorbei.
    Die arme Kleine hat zum Glück nichts bemerkt.

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