Montag, 4. Februar 2019

Der Spaziergang

Es dauerte eine Weile, bis sich seine Schritte verlangsamten. Er hatte Zeit. Kein Grund zur Eile. Die Sonne schien und er lockerte seine Krawatte. Für einen kurzen Augenblick erwog er, sie auszuziehen, aber es wäre ihm komisch vorgekommen. Indiskret vor all den Passanten, die er sich voller Interesse anschaute. Früher hatte er sie einfach ignoriert. Um diese Uhrzeit waren viele ältere Menschen unterwegs, Mütter mit ihren Kindern, sogar ein junger Mann, der einen Kinderwagen vor sich her schob.
Er hatte auch noch nie auf die vielen Schaufenster auf seinem Heimweg geachtet. Manche waren mit Schaufensterpuppen dekoriert, aber die meisten boten keinen Einblick. Spielhallen, Kneipen und Supermärkte hatten Scheiben, die nur das Licht durchließen, aber keinen Zuschauer duldeten. Heute hätte er sich gerne die Gesichter der Zocker, Trinker und Konsumenten angeschaut. Glück und Resignation, die Pantomime der Thekendebatten oder die erloschenen Blicke der Kassiererinnen.
Er kam an einem schmalen Platz vorbei, an dessen Rändern vier Parkbänke standen. Er hatte noch nie hier gesessen. Wozu hätte er hundert Meter vor seinem Apartment Halt machen sollen? Es gab nichts zu sehen. Er kannte alles seit Jahrzehnten. An diesem Nachmittag setzte er sich und stellte die Aktentasche zwischen seine Füße. Wie viele Spatzen es hier gab. Sie hüpften und flatterten unruhig auf dem schmutzigen, vertrockneten Gras in der Platzmitte. Von was lebten diese Tiere überhaupt?
Ihm fiel ein, dass er noch ein Brot in seiner Tasche hatte. Das war ihm völlig entfallen. Alles war so schnell gegangen. Der Abteilungsleiter hatte ihn ins Büro gerufen und gesagt, er wolle nicht lange um den heißen Brei herumreden. Das konnte nichts Gutes bedeuten. Er war erstaunt, wie schnell er entlassen war. Nach zwölf Jahren. Nicht einmal fünf Minuten. Er hatte seine Aktentasche genommen und war gegangen. Persönliche Gegenstände auf seinem Schreibtisch gab es keine, in der Firma waren sie unerwünscht. Desk Sharing. Corporate Irgendwas.
In aller Ruhe teilte er das Brot in kleine Stücke und warf sie den Vögeln hin. Die Salamischeiben, die mit Butter verschmiert waren, warf er in den Papierkorb. Er hatte keinen Hunger. Er fragte sich, was er morgen machen würde. Nächste Woche. Mit dem Rest seines Lebens.
Camouflage - The Great Commandment. https://www.youtube.com/watch?v=k6s1-caKRtQ

Kommentare:

  1. Ich frage mich schon lange nicht mehr.
    Es lohnt der Mühe einfach nicht.

    AntwortenLöschen
  2. Gar nichts tun, das ist die allerschwierigste Beschäftigung und zugleich diejenige, die am meisten Geist voraussetzt.

    Oscar wilde

    AntwortenLöschen
  3. Kenn ich.
    Fühlt sich echt scheiße an.
    Bald schlimmer als wenn einen die Frau verlässt.
    Oder zumindes ähnlich.
    Jetzt müsst ihr ja denken, ich bin der Volllooser.
    Seht ihr ? Sag ich doch !

    AntwortenLöschen
  4. Provinzing: Wass ist daran schlimm, wenn einen die Frau verlässt ?

    https://www.youtube.com/watch?v=wOXDTu1TQVU

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Ja ja..."bald schlimmer" ist Schwäbisch.
      Soll heißen einen ganz kleinen Tick,
      ein Muckensäckele ( Mückenhoden )
      schlimmer.
      Also ist der Verlust der Frau nicht so schlimm.
      Der Schwabe schafft halt gern.

      Löschen
  5. Eilmeldung:
    Russland erkennt Bonetti
    als Interimspräsidenten des krisengeschüt-
    telten Deutschlands an.


    Spanien, Frankreich, Schweden und Groß-
    britannien drängten Bonetti, eine neue
    Präsidentschaftswahl abzuhalten.
    Bayern kritisierte die Anerkennung.




    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Bonetti nimmt das Präsidentenamt gerne an. Was bitteschön ist ein "Interims"? Wahlen wird es keine geben, weil der Bonettismo eine Religion ist und ich bin euer Gott.

      Löschen