Montag, 11. Februar 2019

Das letzte Quarkbällchen der freien Welt


Blogstuff 280
„Das Netz meint es gut mit uns, sagt die Spinne.“ (Andreas Rebers)
25 Jahre! Ich bin seit 1994 im World Wide Web unterwegs, wie es damals noch hieß. Es ist verlockend, den Veteran raushängen zu lassen, der den Kids erzählt, dass es früher nur coole Leute im Netz gab, bevor dann alles zu dieser Kommerz-Scheiße von heute wurde. Ich wünschte, es wäre wirklich so gewesen. Teil einer Avantgarde, die ein neues Territorium entdeckt, von dem die Reichen und Mächtigen, die Konzerne und die Regierungen, nichts wissen. Klingt gut. Wie ein Märchen. Sentimentale Grufties berauschen sich 2019 an der Vorstellung von antiken Foren, in denen wir damals emotionsfrei und faktenbasiert unsere Meinungen ausgetauscht haben. Meine Erinnerungen sind nicht so rosarot.
Die Vergangenheit zu verklären, gehört zu den Schwächen alter Menschen. Aber auch die Medien helfen eifrig mit, wenn es heißt, genau heute, genau jetzt wäre alles viel schlimmer als neulich („Immerschlimmerjournalismus“). In meiner Kindheit war alles besser? Da antworte ich: Radikalenerlass, Rasterfahndung, Stammheim. Ich sage Smogalarm und Waldsterben. Den Überwachungsstaat gab’s auch ohne Internet und für Politiker galt auch damals schon der industrielle Leinenzwang („Flick“).
Die Nerds, die an der Volkshochschule noch das Programmieren gelernt haben, gehen denselben Weg wie die Typen, die mich in den achtziger Jahren mit endlosen Vorträgen über ihre Alufelgen und ihren Sportauspuff am tiefergelegten Opel Kadett oder ihre neue Stereoanlage mit dem unverzichtbaren Equalizer gelangweilt haben. Heute kann jeder Schimpanse in drei Minuten eine Domain und eine Homepage haben. Generationen von Klugscheißern fahren wie auf dem Fließband in die Bedeutungslosigkeit.
Die französischen Gelbwesten sind kein Symbol für den bevorstehenden Klassenkampf, sondern eine groteske Parodie auf den Aufstand der Armen. Von montags bis freitags gehen die Gelbwesten brav ihrer Arbeit nach und lassen sich widerspruchslos ausbeuten, am Samstag treffen sie sich dann zu einer Demonstration. Was soll das? Wenn ich etwas verändern will, gehe ich all in.
Es wird in diesen Tagen so viel über „Respekt-Rente“ oder „Bürgergeld“ statt Hartz IV geredet. Das ist alles sehr abstrakt. Aber die Armut hat ein Gesicht. Ich kenne zum Beispiel einen Blogger, dessen Frau vor kurzem gestorben ist, dann sein bester Freund, und inzwischen hat er auch noch seinen Arbeitsplatz verloren. In seinem Blog bittet er seine Leser regelmäßig um finanzielle Unterstützung, derzeit jobbt er als Aushilfslehrer zehn Stunden die Woche an einer Grundschule. Er ist seit letztem Jahr sogar Großvater, kann seinem Enkelkind aber nichts kaufen, weil er selbst kaum die Miete zahlen kann. Altersarmut ist sein unausweichliches Schicksal, weil er viele Jahre als Freelancer gearbeitet hat. Wir sollten nicht vergessen, welche individuellen Tragödien hinter den politischen Debatten stehen.
Nach dem ARD-Brennpunkt zum Thema Schneefall im Januar erwarte ich jetzt eigentlich ein ZDF-Spezial zum Thema Tauwetter im Februar. Merke: Es ist immer für die Jahreszeit zu kalt oder zu warm, zu trocken oder zu nass.
The Lawrence Welk Show - Ghost Riders In The Sky. https://www.youtube.com/watch?v=EMdS9ExnW-w

Gelbwesten verschaffen sich bei den Mächtigen Gehör (Symbolbild).

Kommentare:

  1. Der junge Sonnenkönig und seine Lordstempelbewahrer gehen bereits "all in". Die in gelbe Westen gekleideten "Parodisten" werden vermutlich nachziehen, denn sie werden sich nicht mit dem HARTZ-KZ, 4K-Smart-TV auf Ratata und Dosen-Ravioli (natürlich auch Spaghetto), wie es die Armen in Deutschland machen, zufrieden geben.

    Gib den Gelbwesten etwas Zeit, sie wollten keine Revolution, sondern sind nur für ein paar kleine, völlig legitime Zugeständnisse zur Verbesserung ihres Lebens auf die Strasse gegangen.

    Sie hatten kein Programm, jetzt haben sie eines, sie wollten demonstrieren, jetzt werden sich immer mehr radikaler einsetzen.

    Weil die Reichen mit ihrem Präsidenten-Popanz selbst diese kleinen Zugeständnisse nicht bereit sind zu geben. Es schmälert die Profite. Mit Gummigeschossen und Tränengasgranaten ist eben sogar Geld zu verdienen...

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  2. Musste mal gesagt werden! Und die Gedenktage zu Ereignissen folgen in immer kürzeren Abständen- nun sind schon die 80er dran. Wenn man durch irgendwelche Raster fällt ist man in der Grundsicherung verloren- der Zustand ist vererbbar!

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  3. Zu einem Thema zu schweigen heißt noch lange nicht, dass es dazu nichts zu sagen...

    Würde - hier - aber den Rahmen strengen !!! *seufzzz*

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  4. Es geht um das nicht Nachgeben.
    Diese Leute denken so : selbst wenn die andere Position ihnen nützen würde, Sie MÜSSEN dagegen sein, sonst würden Sie das wichtigste in ihrem erbärmlichen Leben, ihre Macht, abgeben.
    Das habe ich schon hundertfach in kleinerem Maßstab erlebt.
    In irgendwelchen unwichtigen, verfickten, bedeutungslosen Besprechungen um irgendwelche scheiß Themen. Die Leute mit den geringsten fachlichen Fähigkeiten, die Abteilungs, Blitz, Aluleitern und sonstige Chefs, aber mit den kleinsten Schwänzen, also dem allergrößten Geltungsbewustsein, mit dem allergrößten Wunsch nach Macht, diese Leute müssen sich zwanghaft durchsetzen.
    Wie kleine nörgelnde ungezogene Kinder, die nicht die goldene Rassel in die Patschehändchen bekommen und dann zu weinen anfangen.
    Das letzte Pack, der eigentlihe Grund für den Untergang der Menschheit.
    Leck mich am Arsch.
    Sollen die doch in ihren dicken Kärren, auf ihren monströsen Yachten, in ihren gigantischen Landsitzen sitzen, Angst um das eigene kleine Leben, umgeben von Wächtern und falschen Freunden, denen Sie nicht trauen können. Ha !
    Sollen Sie doch ihren scheiß Kaviar fressen, schmeckt doch sowieso nicht.
    Sollen die doch ihren drecks Champagner saufen, diese ekelhafte Plörre, die nur einen schweren Kopf macht.
    Ach, ich verachte Sie.

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    1. Ich teile deine Ansicht, aber das Problem sind Andere, die kleinen Schleimer.
      Ist ziemlich genau 20 Jahre her, als ich mich bei einer Leiharbeitsfirma beworben habe.
      Neben mir ein Typ dem die Armut ins Gesicht geschrieben war.
      Auf einmal geht eine Tür auf und die personifizierte Arroganz, gehüllt in feinstes Tuch, durchquert grusslos den Raum.
      Die Wurst neben mir, zwinkernd im Flüsterton:"Das ist unser Chef, handgenähte Wildlederschuhe, jou"
      Ich dachte nur:"Du Idiot, weißt du nicht, dass du die Schuhe bezahlen musst?"
      Diese Säcke sind das Problem, die alles Klasse finden im System, nur nicht ihre eigene Position.
      Die gar nichts ändern wollen, einfach zufrieden wären, wenn sie Chef wären.

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  5. Kurz, knapp, prägnant, gut geschrieben, treffend ebenfalls!
    Ich pflichte Ihnen bei, hänge derzeit allerdings selbst im Hamsterrad fest um nicht drunter zu rutschen.
    Danke für diesen Artikel

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