Freitag, 1. Februar 2019

Bavarian Ocean

Es gibt zwei Jobs, mit denen sich mühelos ein Soziologiestudium ersetzen lässt: Taxifahrer und Pizzalieferant. Ich habe nicht den Mut, mit dem Rücken zu potenziellen Serienmördern, besoffenen Norwegern und kotzenden Jugendlichen durch Berlin zu fahren. Also arbeite ich bei „Luigi’s Pizza“ in Wilmersdorf. Luigi heißt eigentlich Konrad Strumpf und kommt aus Schwerin.
Neulich habe ich eine Familienpizza ins noble Villenviertel in Grunewald gefahren, Winkler Straße. Wir haben drei Größen: die kleine Pizza hat 25 Zentimeter Durchmesser, die mittlere 32 und die Familienpizza 45. Oft bestellen aber auch alleinstehende Männer eine Familienpizza und ernähren sich ein ganzes Wochenende davon. Kann man ja im Ofen immer wieder aufwärmen. Der Kunde in der Winkler hatte eine „Bavarian Ocean“ bestellt, eine Pizza, die es nur bei uns gibt: Mozzarella, halbierte Cocktailtomaten, Sardellen und Fleischkäsestreifen. Das Teil riecht wegen des Fisches ein bisschen wie ungewaschene Genitalien, deswegen ist ordentlich Chilisauce auf dem Fleischkäse.
Ich klingele also an der Haustür. Falls hier wirklich eine ganze Familie auf eine Pizza wartet, liebt sie offenbar die Dunkelheit, denn es brennt nirgendwo Licht, obwohl es spät am Abend ist. Die Tür öffnet sich langsam und der dicke Kopf eines unrasierten Mannes lugt vorsichtig heraus. Als er mich sieht, lächelt er und reißt die Tür auf. Vor mir steht ein Mann in einem schwarzen, fleckigen Overall, offener Lederjacke und klobigen Bauarbeiterschuhen. Er entblößt beim Sprechen ein äußerst fragwürdiges Gebiss, die Backenzähne fehlen vollständig und ein oberer Schneidezahn existiert nur noch rudimentär.
„Endlich, die Pizza“, sagt er.
„Ääh … jaaa“, antworte ich etwas unschlüssig.
„Was macht das?“
„Achtzehn neunzig.“
Er fummelt einen Zwanziger aus der Brusttasche und gibt ihn mir.
„Danke“, sage ich und reiche ihm die Pizza. „ Sie wohnen hier?“
Er lacht. „Nein, wir sind Einbrecher. Die Leute hier sind im Urlaub.“
Dann lacht er wieder und kriegt sich gar nicht mehr ein. Ein junger Mann erscheint hinter ihm und ruft „Pizza“.
Was soll ich machen? Die Polizei rufen? Ich habe noch drei Pizzas in meinem Auto.
Ein anderes Mal sollte ich elf Pizzas liefern. Elfmal genau die gleiche, alle klein. Normalerweise werden wir bei solchen Bestellungen misstrauisch. Es gibt Scherzkekse, die jemand einen Streich spielen wollen. Die bestellen dann solche Mengen auf einen anderen Namen. Aber die Witzbolde bestellen immer Pizza Salami und immer genau zehn Stück. In diesem Falle war es aber Pizza mit Gemüse, ohne Käse und mit einem Teig aus Dinkelmehl und veganem Hefeschmelz. Wir nennen sie „Pizza Depp“ nach dem berühmten Veganer Johnny Depp.
Ich bin einfach hingefahren. Prenzlauer Berg, das passt ja. Und was soll ich Ihnen sagen? Es war eine Tagung des Arbeitskreises „Intersexuelle Digitalisierungsopfer zur Rettung der Wildbiene“. Leider haben sie mir kein Trinkgeld gegeben.
Booker T. & The MG's - Time Is Tight. https://www.youtube.com/watch?v=50xx1_CbJTI

1 Kommentar:

  1. Als Schriftstellerkollege würde mich Neid durchströmen.

    So aber: Erste Sahne YMMD.

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