Montag, 28. Januar 2019

Warum demonstrieren Migranten nicht gegen ihre Diskriminierung?

„Was ist ein zerstörter Apple Store gegen ein zerstörtes Leben?“ (Lupo Laminetti)
Auch ohne jemals eine Zeile Marx gelesen zu haben, lässt sich die Klassengesellschaft der Gegenwart leicht erkennen. Es gibt zwei Klassen und selbstverständlich ist die Schnittmenge ihrer Interessen überschaubar: Frieden im eigenen Land (bei gleichzeitiger Akzeptanz des Krieges in anderen Ländern), Schutz vor Kriminellen und eine gesellschaftliche Ordnung, die eine Versorgung mit Grundnahrungsmitteln, Trinkwasser und Medikamenten sicherstellt. Das ist banal, das kann eine Demokratie leisten, eine Diktatur, eine Marktwirtschaft oder eine Staatswirtschaft.
Jenseits dieser Basisübereinkunft, ohne die auch eine Klassengesellschaft nicht funktionieren würde, gibt es zwei Klassen: das Bürgertum und das Proletariat. Oder wie wir heute sagen: die Armen und die Reichen. Es geistern noch weitere Begriffspaare durch die Debatte. Globalisierungsgewinner und –verlierer. Egal. Wir wissen, wer gemeint ist, wenn wir mit einem Zahnarzt sprechen oder mit einer Putzfrau. Beide Klassen zeichnen sich durch einen hohen Grad an Stabilität aus. Wenige Bürger steigen ins Proletariat ab, wenigen Proleten gelingt der Aufstieg ins Bürgertum. Die Klassenzugehörigkeit wird im Regelfall vererbt.
Das Bürgertum wird politisch durch die bürgerlichen Parteien CDU/CSU, FDP, Grüne und AfD vertreten. Es besitzt den Löwenanteil an Kapital, Unternehmen und Grundbesitz. Sein Interesse ist klar definiert: Besitzverhältnisse verteidigen, Besitz vermehren, Umverteilung von unten nach oben, Sozialleistungen und Renten kürzen, Steuern senken. Es war in den letzten Jahrzehnten sehr erfolgreich. Die Einkommenssteuer für Besserverdienende wurde gesenkt, Unternehmensgewinne werden dem Fiskus durch Verlagerung der Konzernzentralen entzogen, Sozialleistungen wurden gekürzt und mit harten Sanktionen verbunden, das Rentenniveau sinkt, der Reichtum des Bürgertums wächst.
Das Proletariat wird politisch nicht mehr vertreten. Da diese Klasse nur etwa ein Drittel der Gesellschaft umfasst, lassen sich mit ihr keine parlamentarischen Mehrheiten gewinnen. Die SPD ist beim Spagat zwischen bürgerlichen Neuwählern und altem Klientel jämmerlich zwischen die Stühle gefallen, die Linke betreibt Kosmetik am Kapitalismus, wenn etwa ein höherer Mindestlohn gefordert oder die Auszahlung des Existenzminimums bei Hartz IV angemahnt wird. Die Interessen der Proletarier sind ebenfalls klar definiert: Umverteilung des gesellschaftlichen Reichtums von oben nach unten, höhere Sozialleistungen, höhere Steuern für Besserverdienende und Unternehmen, höhere Renten, besserer Zugang zu medizinischen Versorgung. Diese Interessen konnte es in der jüngeren Vergangenheit nicht durchsetzen.
Das hat dazu geführt, dass weite Teile des Proletariats resigniert haben und an der bürgerlichen Demokratie mit ihren Wahlen, die längst keine Alternativen mehr aufzeigen, nicht mehr teilnehmen. Auch andere bürgerliche Beteiligungsformen wie Demonstrationen oder Petitionen werden abgelehnt. Wir kommen zur eingangs gestellten Frage: Warum gab es noch nie eine Demonstration von Migranten gegen ihre Diskriminierung? Warum demonstrieren die Armen in Deutschland nicht gegen Armut? Warum demonstrieren die Hartz IV-Empfänger nicht gegen die brutalen Sanktionen?
Die Antwort ist ganz einfach: Weil sie es aufgegeben haben. Weil es keinen Sinn ergibt. Weil sie nicht gehört werden. Weil sie vom alten linken Establishment aus SPD, Grünen und Linken schon vor langer Zeit verraten wurden. Deswegen sind die Gelbwesten, die in Frankreich auf die Straße gehen, auch keine Linken, sondern Arme. Sie sind mit dem alten Links-Rechts-Schema nicht mehr zu erfassen. Deswegen greifen sie zur Gewalt, weil sie an die Macht der Argumente nicht mehr glauben.
Wenn eines Tages das Proletariat wirklich ernst macht mit dem Begriff „Aufstehen“, dann wird es kein lauwarmes Lüftchen werden, das von einer Villenbewohnerin aus dem Saarland angeführt wird, einer Frau, die mit Rosa Luxemburg nur die Frisur gemein hat und mit der Warnweste ihres Chauffeurs posiert, aus der ein Pelzkragen lugt. Wenn die Türken und die Polen, die Arbeitslosen und die Aldi-Kassiererinnen, die Säufer und die Künstler, die Müllmänner und die Friseurinnen gemeinsam losziehen und aus einem Schneeball eine landesweite Lawine wird … Wenn. Aber wir sind in Deutschland. Lasst uns über die Abschaffung des Soli und ein paar neue Kitaplätze reden.
Gustav Mahler: Adagietto Symphony 5. https://www.youtube.com/watch?v=Les39aIKbzE

8 Kommentare:

  1. Sie vergessen die Natur.
    Ich weiß, es klingt kitschig, die Natur....die Bienchen, die Vögelchen, der romantische Wald.
    Aber die wird auch bald streiken, leise, ohne Demonstrationen, Sie wird einfach aufhören.
    Nicht mehr da sein.
    Dann wird es blöd, für alle Menschen.
    Das ist dann das schöne, daß es alle erwischt, auch die Mächtigen.
    Auf geht´s !

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    1. Ich frage mich ja oft, ob die Sehnsucht nach der "Endlösung" einfach typisch ist für eine gewisse Sorte Mensch oder etwas speziell deutsches.
      Wann immer jemand sich Gedanken macht zum Zustand einer Gesellschaft, findet sich ganz schnell Eine(r), der gleich die ganze Welt zum Teufel wünscht.
      Egal das in jeder Sekunde Babies geboren werden, selbst schuld, weg damit.
      Und die Natur macht auch alles Mögliche, nur garantiert keine Pause in der Evolution.
      Einfach mal nach Dieselpest googeln.
      Auch wenn viele glauben, sie hätten ein universelles Recht auf einen Istzustand, Pustekuchen, Natur ist und bleibt ein Prozess.

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    2. Ehhh super....
      Endlösung....typisch deutsch...sterbende Babys....Dieselpest.
      Danke !

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  2. Ernst und Heinrich singen: ( schwäbisch )
    Was g´hert em Mensch ? ( Was "gehört" dem Menschen / Was hat der Mensch verdient? )
    Ri Ra Ranza voll ( Ranzen = Bauch, in dem Kontext eine Tracht Prügel )
    Ri Ra Ranza voll
    elle mitanander ( alle miteinander )

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  3. Herr Bonetti, was halten Sie eigentlich von der (nicht ganz so neuen) Erklär-Verschiebung vom ausbeutenden hin zum ausschließendem Kapitalismus?

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    1. Es wird doch keiner ausgeschlossen, solange er wenigstens als Konsument taugt. Der Kapitalismus nimmt dich auf, wenn du kommst, und er entlässt dich erst, wenn du gehst. Und eine richtige schöne Beerdigung ist noch einmal ein gutes Geschäft.

      Die chinesischen Kommunisten haben sogar bewiesen, dass sie den Kapitalismus besser können als wir. Es fehlt nur noch Nordkorea, aber der letzte weiße Fleck auf der McDonald's-Landkarte wird auch bald fallen. Big Mäc für den großen Führer des Volkes!

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  4. Überlege noch, wie das irgend Sinn ergeben kann. Am ehesten vielleicht als Spannungsfeld von Realem und Empfundenem - bezüglich Letzterem dann primär als Angst vor Verlust (was man hat, zu haben glaubt, braucht, zu brauchen glaubt, incl. all der normierenden Erwartungshaltungen und deren Koppelungen). Fragt sich nur, ob das als Erklärung für was auch immer taugt.

    Danke jedenfalls für die anregende Antwort, das war einer von jenen Stubsern die ich mir eher selten selbst geben kann.

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