Dienstag, 29. Januar 2019

Tizian

Eigentlich begann alles mit dem Teddy, aber damals habe ich mir noch nichts dabei gedacht. Ich kam von einer Dienstreise aus Berlin zurück und hatte den Teddy mit Berlin-Shirt vergessen, den ich Tizian versprochen hatte. Auf dem Weg vom Flughafen nach Hause dachte ich fieberhaft nach, wie ich das Problem lösen könnte und machte einen kurzen Zwischenstopp im Kaufhaus.
Zuhause flog mir mein Sohn in die Arme.
„Papa, Papa!“
Als ich ihn absetzte, blickte er erwartungsvoll auf die Tüte in meiner Hand.
„Tadaaa“, rief ich und holte einen großen Stofflöwen hervor.
Tizian reagierte nicht.
Dann holte ich das Lego-Set „Raumstation“ aus dem Plastikbeutel und als ich ihm noch eine XXL-Schokolade in die Hand drückte, hatte er schon Tränen in den Augen.
„Wo ist der Berlin-Bär?“
Meine Frau sah mich vorwurfsvoll an. Resigniert schüttelte sie den Kopf und ging ins Wohnzimmer.
Nach dem Abendessen weigerte sich Tizian, ins Bett zu gehen.
„Du hast mir ja auch keinen Bären mitgebracht!“
An diesem Tag habe ich es vermasselt. Tizian blieb bis Mitternacht auf und ich wagte es nicht, Einspruch zu erheben.
Es ging einige Wochen später weiter. Diesmal war Massentierhaltung das Thema. Tizian verkündete uns beim Sonntagsbraten, dass er in Zukunft auf Fleisch verzichten würde. Eigentlich waren wir sogar stolz auf ihn und unterstützten ihn bei seinem Vorhaben.
Dann kam der Feinstaub. Er boykottierte unseren Diesel und wollte nur noch mit öffentlichen Verkehrsmitteln fahren. Kein Problem. Wenn ich ihn viermal die Woche zum Shamisen-Unterricht brachte, mussten wir zwar dreimal umsteigen, aber das war es mir wert.
Während er bei seiner japanischen Lehrerin das Spielen des exotischen Instruments lernte, saß ich im nahegelegenen Park und war einfach glücklich, Vater eines Wunderkinds zu sein. Nichts geht über eine Parkbank im Winter. Bei dieser Kälte haben Sie die Bank und eigentlich den ganzen Park für sich alleine.
Einen Monat später wurden wir von Tizians Lehrer zu einem persönlichen Gespräch gebeten. Meine Frau und ich konnten uns nicht erklären, welche Probleme es geben solle. Tizian Noten waren bisher immer hervorragend gewesen. Rafael Liebstöckl berichtete uns, dass unser hoffnungsvoller Spross erklärt habe, im Unterricht so lange zu schweigen, bis im syrischen Krieg ein Waffenstillstand vereinbart worden sei.
Als wir ihn zu Hause auf den Sachverhalt ansprachen, reagierte er mit der Ankündigung, sich wegen der ungerechten Behandlung von Frauen in unserer Gesellschaft nicht mehr die Haare schneiden zu lassen. Ich muss gestehen: Wir sind ratlos. Seit einigen Tagen nervt er uns mit dem Klimawandel. Bis zum vollständigen Ausstieg aus der Kohleenergie wird er das Bett nicht mehr verlassen.
Elements of Crime – Delmenhorst. https://www.youtube.com/watch?v=998cC-fM5DM

8 Kommentare:

  1. Von den Kindern lernen: Ich bleibe jetzt auch bis 2022 im Bett.

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    1. Begründung? Soll "Väter der Klamotte" wieder ins Vorabendprogramm?

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  2. Ekelhaft, diese sich nicht anpassenden Bratzen.

    Unfassbar, gute Noten und dann auch noch selbst denken wollen. Scheiß Lehrer, hat total versagt.

    Ne ordentliche Tracht Prügel setzt den Bankert wieder in die Spur, versprochen.

    Und alles wegen eines scheiß "Berlin-Bären", der in Indien von 6-Jährigen für 5 €-Cent zusammengenäht wurde. 16 Stunden täglich.

    Der Papa sollte seinem Tizian noch einen Auslandsstudienaufenthalt, für 2 Jahre in Bangla Desch, in einer Näherei finanzieren. Mal sehen, welcher Streik dem Kleinen (natürlich nur zu Hause) dann noch einfällt.

    PS: Inspiriert wurde der guten satirische Text vermutlich durch Gretra Thunberg und ihrem Schulstreik.

    Leider wird das kranke Mädchen, so eloquent sie ihre berechtigten Anliegen auch vorträgt, nur noch von den "Mächtigen" und ihren Popanzen von Event zu Gipel herumgereich, beklatscht und nebenbei instrumentalisiert. Natürlich auch von den Umweltorganisationen, die zu den gleichen Tricks der Marketingindustrie greifen müssen, um irgendwie die passiven "Bürger" für Umweltrettung zu begeistern.

    In Kattowice und Davos war der leitspruch: "Sehet Völker, wir sind doch voll auf Gretas Linie" - "Und jetzt raus hier, wir müssen weiter Geld verdienen!"

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    1. Inspiriert wurde der Text von einer wahren Geschichte aus Berlin. Dort hat eine Freundin vor etlichen Jahren für ihre Pädagogik-Dissertation den Unterricht an verschiedenen Schulen besucht. Ein Mädchen hat damals ihrem Lehrer wortwörtlich gesagt, sie würde sich so lange nicht am Unterricht beteiligen, bis die Vorwürfe gegen Michael Jackson geklärt wären. Kannst du dir nicht ausdenken …

      Ich habe die erste Rede von Greta T. noch mitbekommen, aber vom Schulstreik wusste ich gar nichts. Haben nicht neulich Kinder demonstriert? Ich klicke ja die meisten Meldungen gar nicht mehr an, weil mich die Überschriften schon deprimieren. Meine Generation hat in den 80ern auch endlos demonstriert, um alles besser zu machen. Jetzt sind wir die Täter-Generation.

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  3. Bei den Produkten der Erziehungsmethoden der Generation Golf fällt mir nur ein:
    "Geliefert wie bestellt".
    Trotzdem sehe ich die Hauptschuld schon bei der ersten und zweiten Nachkriegsgeneration, die klassenübergreifend nur ein Mantra kannten: Unsere Kinder sollen es einmal besser haben.
    Diesen Kindern, die dann fast alles hatten, produzierten dann Kinder, die mehr als Alles hatten.
    Danach blieb als einzig mögliche Steigerung nur noch die Ich-AG, und die im vollkommenen Autismus.

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  4. Sehe ich nicht so. Denke, die Leute haben einfach Angst.
    Vor allem und vielem. Auch VOR ihren Kindern.
    Manchmal auch um ihre Kinder, aber vor allem VOR ihren Kleinen.
    Man will ja immer Freund des Kindes sein. Geliebt werden.
    So ein Blödsinn.
    Wir haben unsere Eltern gehasst, manchmal....
    Und die hatten auch keine Angst um uns.
    Wir sind abends bei Minustemperaturen aus dem Haus mit dem Spruch:
    "Ich fahre jetzt zu XX nach XY" ( 6 Km Entfernung / Fahrrad )
    Da hieß es nur " Iss recht "
    Kein "Soll ich Dich fahren, wann willst Du abgeholt werden, bla bla bla "
    By the way, es wäre uns auch maximal peinlich gewesen, wenn um 12 Uhr die Alten im Club aufgetaucht wären.
    Gott bewahre.

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