Freitag, 25. Januar 2019

Ray Finckelmann

„Du redest zu viel“, hatte seine Mutter immer zu ihm gesagt. „Du redest zu viel“, meinte auch sein Lehrer. „Du redest zu viel“, war der Kommentar seiner ersten Freundin. Als schließlich auch der Berufsberater vom Arbeitsamt zu ihm sagte: „Du redest zu viel“, obwohl sie gar nicht per du waren, wusste er Bescheid. Ich werde Schriftsteller. Literatur wird immer gebraucht. Ist was Solides. Später auch eine sichere Rente und so.
Ray Finckelmann hieß eigentlich Kolja Blaschko und kam aus Marzahn, aber mit dem Namen konntest du natürlich keinen Blumentopf gewinnen. Also gab er sich den Künstlernamen Ray Finckelmann. Elvis Presley war leider schon vergeben und „Gott“ erschien ihm in jungen Jahren doch etwas anmaßend. Erstmal Karriere machen. Einen anderen Namen konnte er sich immer noch zulegen.
Mehrere Nachmittage schrieb er unter Zuhilfenahme diverser Alkoholika ein paar kurze Texte in ein Notizheft. Das musste erstmal reichen. Schließlich hatte er in einem Buch über die Marx Brothers gelesen, dass sie ihre Texte immer gleich am Publikum in kleinen Varietés getestet haben. Die Sachen, bei denen geklatscht und gelacht wurde, haben sie im Programm behalten, den Rest rausgeschmissen. Das hat 1a geklappt, denn sie sind auch lange nach ihrem Tod noch weltberühmt.
Es war aber gar nicht so einfach, einen Ort für die erste Lesung zu finden. Schließlich durfte er an einem Samstagabend in einer Bundeskegelbahn in Reinickendorf auftreten. Der Lärm war ohrenbetäubend und die Leute verstanden ihn kaum, aber das Mädel vom Schuhverleih zwinkerte ihm ständig aufmunternd zu. Später merkte er, dass sie einen nervösen Tick hatte und den ganzen Tag mit dem rechten Auge zuckte.
Durch diverse Kneipen, wo er von betrunkenen Engländern und bekifften Spaniern mit Popcorn und Erdnüssen beworfen wurde, arbeitete er sich hoch bis in den Roten Salon der Volksbühne. Die Kulturjournalisten der Hauptstadtpresse wurden auf ihn aufmerksam. Auf der ersten Welle des Ruhms surfte er bis in eine Talkshow des Regionalfernsehens, die bis heute Legende ist, weil Ray sich mitten in der Sendung einen Schuh ausgezogen und damit auf den Moderator eingedroschen hat.
Jetzt füllten seine Lesungen bereits kleinere Turnhallen und der berühmte Underground-Verleger Hubertus-Amadeus Reichsgraf vom Tresen bot ihm einen Vertrag an. Vorschuss: fünfzig Riesen. Damals in der Literaturszene keine unübliche Summe. Drei Monate später erschien „Die 36 Volkskammern der Shaolin“ und war ein phänomenaler Erfolg. Wie eine Rakete ging das Buch auf Platz 1 in den Charts. Das Wort Bestseller wurde neu definiert. Die Geschichte der Literatur wurde komplett umgeschrieben, und zwar in Orthographie und Rechtschreibung.
Ray Finckelmann las im Wembley-Stadion, im Madison Square Garden und auf dem Platz des himmlischen Friedens. Säckeweise kam das Geld ins Haus. Die Regale in seinem Wohnzimmer bogen sich vor Literaturpreisen. Es kam, wie es kommen musste. Schnelle Autos, teure Frauen, Kokain, Bausparvertrag, die falschen Freunde, Apfelsaftschorle und eines Morgens wachte er in seinem Erbrochenen auf und wusste nicht mehr, wer er war. Seine Texte waren nur noch lausiges Gestammel und er schoss regelmäßig mit einer Schrotflinte ins Publikum.
Inzwischen ist Finckelmann clean, pleite und liest heute Abend im Brauhaus Lodenmüller in Wichtelbach. Bitte erscheinen Sie zahlreich.
The Cure - Just Like Heaven. https://www.youtube.com/watch?v=n3nPiBai66M

7 Kommentare:

  1. Wie hat es dann nur Bonetti geschafft, den unglaublichen Druck, die extreme Popularität, das ständige im Scheinwerferlich stehen, die vielen Avancen oft zweifelhafter Personen beiderlei Geschlechts auszuhalten ?
    Er muß ein wahrer, ja der einzige Titan sein.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Bonettis Geheimnis ist der "Miracle Morning", den er vor dreißig Jahren selbst erfunden hat. Er ist strong, hilti and full of energy. Bevor er einen Text schreibt, brüllt er den PC an: "The machine is back". Dann haut er Weltliteratur raus, das die Schwarte kracht!

      Löschen
  2. AUFSTIEG und FALL

    Aber es ist mit dem Menschen wie mit dem Baume.
    Je mehr er hinauf in die Höhe und Helle will,
    um so stärker streben seine Wurzeln erdwärts,
    abwärts, in’s Dunkle, Tiefe, ins Böse.

    Friedrich Wilhelm Nietzsche (1844 - 1900)

    *tja*

    AntwortenLöschen
  3. Den Miracle Morning hat allerdings Thomas Mann erfunden:"...begann er seinen Tag beizeiten mit Stürzen kalten Wassers über Brust und Rücken und brachte dann, ein paar hoher Wachskerzen in silbernen Leuchtern zu Häupten des Manuskripts, die Kräfte, die er im Schlaf gesammelt, in zwei oder drei inbrünstig gewissenhaften Morgenstunden der Kunst zum Opfer dar."

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Ich habe im SPIEGEL gelesen, das autogene Motivationstraining wäre im 14. Jahrhundert mit den Tartaren nach Europa gekommen. Yotta ist Westküstenslang und bedeutet übersetzt Jurte.

      Löschen
  4. Every weekend i used to pay a quick visit this web site, because i wish for enjoyment,
    for the reason that this this web page conations really pleasant
    funny material too.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Ja, und? Dafür kann sich Bonetti keine Strumpfhose kaufen.

      Löschen