Donnerstag, 10. Januar 2019

Abenteuer im Hunsrück

„Viel los ist wenig.“ (Hunsrücker Sprichwort)
Wir wollten auf alles vorbereitet sein. Also luden wir Lebensmittel und Wasser für eine Woche auf die Ladefläche des geliehenen Pick-ups. Wir hatten unsere Trekking-Klamotten und Bergsteigerstiefel an, in die Rucksäcke packten wir Wäsche zum Wechseln, Medikamente und Verbandszeug. Leander, mein Kollege vom Kulturbüro Wiesbaden, hatte noch zwei Jagdmesser besorgt. Schließlich war es gut möglich, dass wir auf wilde Tiere treffen würden.
Kurz nach Sonnenaufgang brachen wir auf. Ein Wochenende im Hunsrück. Abenteuer, Wildnis, die große Herausforderung. Nichts für Teppichfransenkämmer und Joghurtbecherspüler. Auf der Autobahn war es ruhig, in Rheinböllen bogen wir auf die Landstraße ab und fuhren nach Westen. Hinter Ellern tauchten wir in den Urwald ein, es war unheimlich und für die Jahreszeit zu kühl. An der Gräfenbacherhütte trafen wir ihn: Franz. Unseren Waldführer.
Franz hatte eine abgewetzte Jeansjacke an, aus deren Brusttasche ein Päckchen Tabak lugte. Dazu dreckige Hosen und ein Paar löchrige Turnschuhe. Sein kräftiger Unterkiefer ragte nach vorn und sein Haaransatz war unmittelbar über den Augenbrauen. Ein typischer Hunsrücker, das Ergebnis vieler Generationen, die nur den Soonwald kennen. Ohne Eingeborene ist man in der schilder- und weglosen Wildnis, in der das Wort Funkloch neu definiert wird, rettungslos verloren.
Er stieg in unseren Wagen und deutete mit einem Brummen auf einen Feldweg, der von der Straße wegführte. Wir kämpften uns durch Schlaglöcher und Schlammpfützen einige hundert Meter in den Wald. Dann hielten wir vor einer windschiefen Holzhütte. Die Innenarchitektur war erschütternd. Hier gab es nichts, noch nicht einmal einen Tisch oder Stühle. Wir schafften die Lebensmittel in die Hütte und rollten unsere Schlafsäcke aus. Franz, das wussten wir, würde irgendwo im Freien schlafen, da er geschlossene Räume nicht gewohnt war.
Gegen Mittag wanderten wir los. Franz erzählte uns die Geschichte des Soonwalds. Der Legende nach lebten hier Kobolde und Feen, Geister und Dämonen. Noch heute glauben die Eingeborenen die alten Geschichten, den christlichen Glauben haben sie nur scheinbar angenommen, um von den amerikanischen Missionaren in Ruhe gelassen zu werden. Auf einer Lichtung machten wir Rast und teilten uns Brot und Wurst. Franz langte mit gutem Appetit zu und wusste von der Hexe Babba Jaga zu berichten, die man hier bei Vollmond treffen könne. Wer ihre Wünsche nicht erfüllen konnte, wurde in einen Baumstumpf verwandelt.
Später kreuzten wir eine Straße. Franz legte sein Ohr auf den Asphalt und sagte, ein Opel käme näher. Er lauschte weiter. Es sei ein Astra und er würde von einem Linkshänder gesteuert. Außerdem sei das Geweih defekt. Hier im Soonwald nannte man den vorderen Teil des Auspuffs Geweih, erfuhren wir. Franz erzählte uns, dass er mit den Tieren sprechen könne. Die Rehe und Hirsche hätten keine Scheu und würden ihn voller Vertrauen in ihrer Nähe dulden. Es begann zu nieseln. „Scheißdreck“, sagte Franz. Wussten Sie, dass die Hunsrücker mehr Worte für schlechtes Wetter haben als die Eskimos für Schnee?
Der Weg, auf dem wir gingen, wurde immer schmaler. Schließlich war es nur noch ein Wildwechsel. Es war unheimlich. Um uns herum nur Bäume, endlos. Wir konnten den Himmel nicht sehen, es gab keine Orientierungspunkte. Keine Schilder, nichts. Selbst die menschlichen Spuren am Wegesrand – zerknüllte Taschentücher, Verpackungen von Schokoriegeln und Zigarettenkippen – waren verschwunden. Wir konnten irgendwann auch gar keinen Pfad mehr erkennen, aber Franz führte uns sicher durch die Wälder seiner Vorfahren. Er zeigte uns die Spuren von Fuchs und Reh, aber gelegentlich auch einen Stiefelabdruck. Unser Ranger erklärte uns, die Spuren seien schon Wochen alt, er könne das an den Kiefernadeln erkennen, die auf dem Abdruck lägen und die weder in den Boden gedrückt oder geknickt wären.
Eine aufregende Tour, das kann ich Ihnen sagen. Wir waren froh, als wir unseren Lagerplatz erreichten. Am Abend machte Franz ein Feuer. Ob er uns einen Hasen erlegen solle, fragte er uns. Wir lehnten erschrocken ab. Wir seien Veganer, erklärten wir ihm. Also gab es Tofu-Würste und Seitan-Steaks, dazu Zucchini und Auberginen. Es schmeckte köstlich und auch Franz probierte klaglos von unseren Speisen. Al fresco dinieren, so nennen wir das in Wiesbaden. Im Freien essen, nennt es der gewöhnliche Bürger. Angeheitert durch ein paar Dosen Radler versuchten wir, Franz diesen Begriff beizubringen, aber er schwieg nur und sah ehrfürchtig zu den Sternen empor. Diese Hunsrücker, das sind wirklich noch naturbelassene Burschen. Ich kann Ihnen einen solchen Abenteuertrip nur empfehlen.
Vulfpeck - Dean Town. https://www.youtube.com/watch?v=zVyEPAMpwDc

Kommentare:

  1. UND am Freitag beginnt wieder, der TV -Dschungel-Wahnsinn
    für die Daheimgebliebenen Überlebenskünstler, von der Couch aus (ړײ)

    *haltetdieBuschmessergriffbereit...doah*

    AntwortenLöschen
  2. So sieht es aus.
    Schön sind auch die Konsumdeppen anzuschauen, die mit Ausrüstung für 1000€ am Leib zum Sonntagsspaziergang aufbrechen. Gerne auf der Schwäbischen Alb, 3 Km vom Parkplatz entfernt.
    Mammut Extrem, damit kann man dem Himalaya besteigen, bei -40°C.

    AntwortenLöschen
  3. Ihr glaubt das nicht ?
    Rechnen wir mal zusammen:
    Mammut Hardshell Jacke 400€
    Hose Expedition Spezial 300€
    Bergstiefel Saleva 300€
    Funktions T-Shirt
    Icebraker Merino 120€ ( hab ich selber eines, iss schon klasse ! )
    Funktionssocken Falke 70€
    Sonnenbrille Oakley 250€
    Schöner Pulli, Bogner 180€ ( mind. ! )
    Zusammenrechnen könnt ihr selber.

    AntwortenLöschen