Samstag, 29. Dezember 2018

Augsteins Märchenstunde

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Es war ein Morgen im Mai, Traudl Baba saß im Wartezimmer einer deutschen Behörde, ihr Mann Ali hielt ihre Hand, als sie erfuhren, dass kein Landvermesser benötigt wurde. Ali Baba, Teppichhändler aus Aleppo, Asylantragsnummer 0815-007 beim Landratsamt Wichtelbach, schüttelte traurig den Kopf. Seine Augen waren gerötet. Die vielen Tränen, der endlose Schmerz, die Katzenhaarallergie. Nur Gott und Relotius kennen die Gründe.
Noch bis vor Kurzem lebten sie in einem Container, nun haben sie eine eigene Wohnung. Sie sind anerkannte Flüchtlinge, aber sie wollen nicht länger nur Flüchtlinge, Menschen mit Nummern und Aktenzeichen, bleiben. Sie wollen in Deutschland CDU wählen, Steuern zahlen und sich über das beschissene Fernsehprogramm aufregen.
Zum Essen und Beten sitzen sie im Wohnzimmer. Eine syrische Familie, barfuß vor einem Kacheltisch mit Spitzendecke und einer Schrankwand aus den Wirtschaftswunderjahren in Görlitz (1951 – 1953). Auf dem Boden liegt ein ausgewaschenes Bärenfell, vor den Fenstern hängen gehäkelte Gardinen. Als Familie mit vier Kindern bekommen sie jeden Monat 1800 Euro. Die Deutschen würden dafür nicht viel verlangen, nur dass sie die Sprache lernen, Uli Hoeneß gut finden und die Wale retten.
"Alles gut" und "kein Problem", das waren die ersten Worte, die die Babas in Deutschland lernten. Am Anfang benutzte Ali Baba sie ständig: zur Begrüßung, zum Verabschieden, zum Entschuldigen, zum Dankesagen. Er sagte sie, wenn Vermieter am Telefon auflegten, sobald er seinen Namen nannte, wenn er sich auf Arbeitsstellen bewarb, aber keine Antworten bekam, wenn er mühsam sein erstes SPIEGEL-Interview führte.
Als Flüchtling müsse man dankbar sein, glaubt Ali Baba, als Flüchtling müsse man froh sein, in einem Land wie Deutschland zu leben. Er blickt hoch zur Decke, in der Wohnung über ihnen läuft Musik. Die Nachbarn hören Herbert Grönemeyer, sie hören dauernd das Lied "Mensch": "Momentan ist richtig / Momentan ist gut / Nichts ist wirklich wichtig / Nach der Ebbe kommt die Flut". Er tupft sich die Tränen aus den Augen, es ist einfach schön hier.
Die Deutschen, sagt seine Frau, sind großherzig zu Fremden, aber hart mit sich selbst. Sie trennen ihren Müll nach Glas, Plastik und Papier, und sie führen Hunde an einer Leine wie Kamele. Sie lieben Reinlichkeit und Regeln, sie machen sich das Leben lieber schwer als einfach, und sie halten sich gern an Verbote. "Eigentlich", sagt Traudl Baba, "wären sie die besseren Muslime."
Die Babas kennen auch die AfD und eine Frau mit kurzen Haaren, die davon redete, auf Flüchtlinge zu schießen. Die Partei dieser Frau, verstanden die Babas, habe Angst, dass noch mehr Araber nach Deutschland kommen, dass Muslime wie sie hier Kinder zeugen, dass deutsche Familien eines Tages aussterben. Zu einer traditionellen deutschen AfD-Familie gehöre ein Vater, der bereit ist, ehrlich zu arbeiten, eine Mutter, die sich um Haushalt und Erziehung kümmert, und viele Kinder, die keinen Ärger machen und ihre Eltern respektieren.
Russlan, ihr Sohn, macht gerade ein Praktikum bei Maschmeyer, er beginnt dort eine Ausbildung als Hütchenspieler. Er möchte, sobald er sein erstes Geld verdient, in eine eigene Wohnung ziehen. Er mag deutsche Autos und blonde Mädchen. Er kann verstehen, warum einige Deutsche vor jungen Männern wie ihm Angst haben. Schließlich hat jeder SPIEGEL-Leser Angst vor Ausländern.
Um zu testen, wie integriert er ist, hat Ali Baba vor ein paar Monaten den Einbürgerungstest des Bundesamts für Migration gemacht, er trägt den Titel "Leben in Deutschland" und umfasst 33 von insgesamt 310 Fragen, die deutschen Behörden für ein Leben in diesem Land offenbar wichtig erscheinen: Wie heißt der Hund von Markus Söder? Wer war Kapitän der deutschen Fußballweltmeistermannschaft von 1974? Warum ist es am Rhein so schön? Wie viele Primzahlen passen in ein U-Boot? Wo holt der Bartel den Most?
Natürlich ist er durchgefallen. Die Babas sahen einander an, sie blieben ganz ruhig. "Inschallah", sagte Traudl, wenn Gott will. "Alles gut", sagte Ali, kein Problem.
http://www.spiegel.de/spiegel/syrische-fluechtlingsfamilie-die-deutscher-sein-moechte-als-viele-deutsche-a-1160311.html
P.S.: Der Mangel an Information und der wahllose Wechsel von der Gegenwarts- in die Vergangenheitsform gehören zu den Stilmitteln des SPIEGEL.

Deutschland (Symbolbild).

3 Kommentare:

  1. Gut, das es noch Seehofer, Söder, die CSU gibt.

    Die fallen auf diese "Asyltouristen" nicht rein.

    Die AfD muss ja jetzt den neuen Kodex ausüben: "Schwallern ohne Nazischeiße".
    Von denen müsste dann eigentlich bald nichts mehr zu hören sein.

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    1. Die AfD ist mit ihrem Parteispendenskandal ohnehin schon auf dem Boden der Tatsachen angekommen. Ein Jahr an den Schweinetrögen des Parlaments und es ist vorbei mit "Wir werden sie jagen".

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    2. Vermutlich hat die Abteilung politische Strategie auch nichts anderes erwartet. Immerhin sind Sie da -wie erwartet- angekommen.
      Die Piraten haben sich schon vorher zerlegt (auch nicht anders als erwartet).

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