Mittwoch, 12. Dezember 2018

Mieten ist das neue Rauchen


Blogstuff 258
„Die Kunst ist ein so schönes Spielwerk, um den unruhigen, ewig begehrenden Menschengeist auf sich selbst zurückzuführen, um ihn denken zu lehren und sehen; um Geschicklichkeit zu erwerben, die seine Kräfte weckt und steigert.“ (Bettina von Arnim: Goethes Briefwechsel mit einem Kinde)
Ozzy Osbourne wurde mal von seinem Arzt gefragt, welche Drogen er nimmt und ob er eine Liste machen könnte. Ozzy antwortete, die Liste mit den Drogen, die er nicht nimmt, wäre wesentlich kürzer. So geht es mir mit den Dingen, die ich gerne esse und trinke.
Ich bin auf dem Weg von Berlin in den Wilden Westen aka Hunsrück mit einer fast leeren Reisetasche unterwegs, nur meine handschriftlichen Notizen und drei Bücher habe ich dabei. Bin ich a) ein Schauspieler, der in einem Film über Zugreisen mitspielt und sich als Method Actor in die Rolle einarbeitet, wegen eines Rückenleidens aber keine schwere Tasche tragen kann, b) ein Agent, der sich als Reisender tarnt und in einem ICE ohne Gepäck auffallen würde, oder c) ein Kurier, der auf der Rückreise ist, nachdem er in Berlin den Inhalt der Tasche (Drogen? Leichenteile? Geheimpapiere?) abgeliefert hat? Alles falsch. Ich bin einfach ein komischer Kauz. Exzentriker brauchen keine Begründungen für ihr seltsames Verhalten.
Meinen letzten öffentlichen Auftritt als Schriftsteller hatte ich 2006 im Rahmen der Frankfurter Buchmesse. Der direkte Kontakt zum Leser ist unglaublich kräfteraubend und deprimierend. Danach kann ich tagelang nicht schreiben, deswegen habe ich es aufgegeben. Natürlich schmeichelt es der eigenen Eitelkeit, wenn man Bücher signiert. Aber es wiegt den Aufwand an Zeit und Energie nicht auf. Obwohl ich damals um ein Haar im Hotelzimmer einer jüdischen Professorin gelandet wäre. Aber das ist eine andere Geschichte.
„Es ist Herbst, die Jahre werden kürzer.“ (Andy Bonetti, 52)
Stellen Sie sich vor, Sie wären mit einem Künstler verheiratet. Sie kommen nach einem langen und harten Arbeitstag nach Hause und der feine Herr liegt auf dem Sofa. Er hat noch nicht mal den Abwasch gemacht. Sie verdienen das Geld und er hat „Kunst“. Geben Sie sich über die Verdienstmöglichkeiten eines Künstlers keinen großen Hoffnungen hin. In den Medien sind immer nur die wenigen erfolgreichen Exemplare zu bewundern. Dieses Leben wird Ihnen sehr schnell auf den Nerv gehen. Künstler sind schlimmer als Katzen – und in der Haltung wesentlich kostspieliger.
„Einmal Magenbluten durch einen Kalauer, bitte!“ – „Warum gibt es eigentlich Zahnpasta, aber keine Zahnpizza?“ – „Danke, reicht.“
Man entwickelt sich immer weiter – gerne auch mal abwärts.
Meldung des Tages: „Die Bundesregierung will die Schulen mit Milliardenbeträgen unterstützen, damit sie mit digitalen Tafeln ausgestattet werden können. Kreidehersteller nachbörslich schwach.“
Erster Advent. Auf den Tischen meines Stamm-Vietnamesen in Berlin stehen Plastikblumen in leeren Weizenbiergläsern. Ich liebe diese Form der Besinnlichkeit.
Mit sorgfältig ausgewählten und auswendig gelernten Formulierungen bewegt er sich durch das Interview. Gelassen, ohne behäbig zu wirken, behutsam, ohne zu langweilen, engagiert, ohne aggressiv zu sein, wandelt er auf dem schmalen Pfad zwischen brachialem Eigenlob und falscher Bescheidenheit. Jetzt kommt die Moderatorin zur Kernfrage: „Können Sie“ – kleine Kunstpause – „Kanzler?“ Bonetti lächelt. Auf diese Frage haben ihn seine Spin Doctors intensiv vorbereitet.
Aus aktuellem Anlass: Eric Clapton – Peaches and Diesel. https://www.youtube.com/watch?v=mFH-sxtpkJ4

9 Kommentare:

  1. Er ist wieder da, Ach ist das schön. Mittlerweile die einzige Webseite die "man" vermisst.

    Wer zwischen zwei Orten nur mit Schreibzeugs reist ist in der Regel kein Kauz sondern Zweitwohnsteuerzahler ;-).

    War ja noch nie auf einer Buchmesse, da zieht mich auch nichts hin. Aber ist der direkte Kontakt zum Leser dann in etwa so wie bei Kerkeling's T. Czerny auf der Buchmesse?

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    1. Wenn man offiziell in Berlin gemeldet ist, vermeidet man diese Steuer ;o)

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    2. Thomas Czerny: Ja, so war es. Ich stieg in den ICE Niki Lauda. Natural born Piller.

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    3. Die Betonung liegt ja auch nicht auf Steuer.

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  2. "Ich bin einfach ein komischer Kauz" ♥... (ړײ)

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  3. Der Kiezschreiber wurde in den unerschöpflichen Katakomben von Bonetti Media endlich fündig und kan das lang herbei ersehnte Foto veröffentlichen, auf dem die Jungfrauenabteilung des ersten Damenkegelclubs Schweppenhausen 1805 (kein)eV verewigt wurden.

    Die haben alle irgendwie etwas von Alice Schwarzer, Zufall?

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  4. Das Rauchen aufzugeben hat sich im Nachhinein schon als cleverer Schachzug erwiesen, doch wie sensationell klug muss sich erst die Einstellung jeglicher Mietzahlung erweisen. Ich bin schon ganz heiß innendrin.

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    1. Mietnomade ist kein Beruf, sondern eine Haltung. Macht alle mit! Nieder mit den Mieten, kauft mehr Weißwein!!

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