Samstag, 22. Dezember 2018

Doppelplusungut

Es ist noch dunkel, als Gromek das Haus verlässt. Nebel, Feindseligkeit und Schrittgeschwindigkeit auf der Autobahn. Endlich ist er am Ziel. Hier oben ist der Blick klar und weit. Erleichtert zeigt er dem Mann an der Pforte seinen Ausweis.
Das Verlagshaus ist eine eigene Welt. Hier ist man unter sich, man versteht sich. Gromek ist seit zwei Jahren freier Mitarbeiter, aber er kann sich begründete Hoffnung auf eine Festanstellung als Redakteur machen. Seine Texte, sein Stil kommen an. Er betritt sein Büro im fünften Stock. Über dem Tal liegt immer noch Nebel.
Auf seinem Tablet findet er die hausinterne Mail seines Ressortleiters:
„21.12.2018. Die Drohnen-Störaktion über dem Londoner Flughafen Gatwick droht den Flugbetrieb am siebtgrößten Airport Europas auch den kompletten Freitag über lahmzulegen. Trotz des Einsatzes von Armee und Polizei wurden am Donnerstagabend wieder Flugroboter über dem Rollfeld gesichtet, sodass das Start- und Landeverbot bis auf Weiteres in Kraft bleibt.“ (dpa)
Machen Sie daraus tausend Worte.
C.R.
Gromek macht sich sofort an die Arbeit. Über die Homepage des Flughafens erfährt er den Namen des Geschäftsführers: Stewart Wingate. Er wählt die angegebene Telefonnummer.
„Herr Wingate ist noch nicht im Haus“, erklärt ihm eine Sekretärin auf Englisch.
„Geben Sie mir die Pressestelle“, verlangt Gromek. Er wird durchgestellt.
Zu dieser frühen Stunde hält nur eine Praktikantin die Stellung. Sie weiß auch nicht mehr, als in der Pressemitteilung steht.
Je weniger du das Thema kennst, umso schneller hast du den Text geschrieben, hatte sein Kollege Dietmar Schneewind immer gesagt. Gromek öffnet eine neue Datei und beginnt zu schreiben.
***
„Das ist ein erster Vorgeschmack auf das Chaos, das uns beim Brexit erwartet“, sagt Stewart Wingate und zündet sich die nächste Zigarette an, obwohl im Tower strenges Rauchverbot herrscht. Auf seinem Schreibtisch stapeln sich die Meldungen über abgebrochene Flüge. In Gatwick geht an diesem Tag nichts mehr. Die Flugzeuge, die Millionen Menschen zu ihren Lieben an Weihnachten bringen sollen, bleiben an diesem Tag am Boden.
Eine Mutter wiegt ihr schreiendes Kind in den Armen. Sie ist seit zwanzig Stunden am Flughafen, die Tränen haben ihr Make-up verschmiert. „Sehen Sie nur, bei Emirates gibt es Sandwiches und heißen Tee.“ Sie selbst möchte mit Ryanair zu ihren Verwandten nach Frankfurt-Hahn. „Niemand sagt uns, wann es hier weitergeht.“
Trevor Burns hat Hände wie Toilettendeckel, die schicke Uniform kann seine Muskulatur kaum bändigen. Der Commander der Special Forces schüttelt grimmig den Kopf. „Es begann am Cyber Monday, als Amazon zum ersten Mal Drohnen für 99 Pfund im Angebot hatte. Die Kids sind ganz verrückt danach. Wir würden sie gerne abschießen, aber die Regierung hat Angst vor der miesen Publicity, wenn ein Kind verletzt werden würde.“
Aus gewöhnlich gut unterrichteten Kreisen heißt es, radikale Öko-Aktivisten stünden hinter der Aktion, da in der Umgebung der Gelbfußzeisig sein Brutgebiet habe. Auch wird auf eine Facebook-Gruppe „Spaß mit Drohnen“ hingewiesen, auf der russische Bots immer wieder Vorschläge für Streiche machen würden.
Mit mehr als 45 Millionen beförderten Passagieren im vergangenen Jahr ist Gatwick der siebtgrößte Flughafen in der EU - und der zweitgrößte Großbritanniens, hinter dem europaweiten Spitzenreiter London-Heathrow.
Simon & Jan - Leck mich. https://www.youtube.com/watch?v=bMU7kt5gCCE
P.S.: Der „Spiegel“ ist im politischen Journalismus, was die Deutsche Bank einmal in der Finanzindustrie war: der Platzhirsch. Die Aktie der Deutschen Bank ist inzwischen von einstmals 116 Euro auf sieben Euro abgestürzt. Die Selbstdarstellung des „Spiegel“, die in der heutigen Ausgabe gipfelt, in der man sich selbst zur Top-Story macht, ist an Heuchelei und Eigenliebe nicht mehr zu übertreffen. Es fehlt eigentlich nur noch Jakob Augstein, der das Victory-Zeichen macht. Hochmut kommt bekanntlich vor dem Fall. Das illustrierte Heftchen wird es sicher weiterhin am Kiosk geben, so wie es den „Stern“ trotz der unvergessenen Hitler-Tagebücher immer noch gibt oder die Drecksbank aus Frankfurt trotz hunderter Skandale – aber ernst nehmen kann man das Hamburger Boulevardmagazin nicht mehr, brutalstmögliche Aufklärung hin oder her. #selbstbespiegelung


Kommentare:

  1. Spannender finde ich ja, dass man offenbar mit ein bisschen Bastelkram die Infrastruktur eines Staates mit Atomwaffen auf Tage lahm legen kann. (In Berlin machen wir das natürlich gleich selbst.) Große Zeiten kommen!
    https://youtu.be/nwYh3MLdYtU

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    1. Diese verrückte kleine Nordseeinsel ist immer wieder für eine Überraschung gut. Der BER trägt geradezu vorbildlich zur CO2-Bilanz der Hauptstadt bei. Eigentlich müsste man ihn doch mit den Dieselabgasen verrechnen können, oder?

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    2. Eine tolle Idee, dieser Vorschlag, denn so kommt der "Umweltschutz" durch Bautenschutz bzw. Brandschutz. Wobei alle Themen jeweils sehr willkürlich in den Fokus geraten, ohne die Absicht, das grundsätzliche Problem mit dem Klimaschutz anzugehen.

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  2. https://www.youtube.com/watch?v=MpEYKv6mGNI

    *WEIHNACHTEN - DROHNE - Flammenwerfer - BESINNLICHKEIT*

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  3. Das machen die "Macher des Spiegel" alles nur aus "Liebe zur Wahrheit". Geiler Hashtag, aber den hat Trump schon für sich reklamiert, seit Jahren.

    Wenn bei Springer dann der "große Kehraus" beginnt, so kurz vor Weihnachten 2019, wird das ein Medien-Tsunami. Nichts wird dann mehr so sein, wie es einmal war. Werden aber nur die Medien erzählen.

    Und es interessiert "keine Sau".

    Wie das, was Relotius tat. Warum der nun "geschlachtet" wurde, wissen wohl nur "Eingeweihte" bei Springer und Bertelsmann.

    Auch nur wieder eine miese, beschissene Show: Einen hinhängen, die anderen machen dann weiter, weil jeder es genau so auf den Journalistenschulen gelernt hat und weil es die Anteilseigner, Verleger so wollen. Die Anzeigenkunden aus den Top-50-Dax-Läden sowieso.

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    1. Vielleicht hat Moreno gedroht, mit der Geschichte "an die Öffentlichkeit" zu gehen? :o)

      Wie viele Relotiusse, Relotiae oder Relotii sind da draußen unterwegs?

      Ist die ganze Story wiederum nur Fake, um die traditionell schwachen Verkaufszahlen an den Feiertagen zu pushen?

      Handelte Relotius im Auftrag? Von Springer? Bertelsmann? Putin? Trump? Kim?

      Was macht Relotius als nächstes? Pressesprecher von "Birdy" Gauland?

      Wir wissen so wenig. So muss es im 13. Jahrhundert gewesen sein.

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    2. Ich glaube, ich will das alles gar nicht mehr wissen. Mir reicht mittlerweile mein tiefer Glaube, von vorne bis hinten beschissen zu werden.

      13. Jhdt. / 21. Jhdt. / Std. 0 / Völlig egal, gibt immer Typen, die wirklich wissen. Der Rest muss glauben, aus "Mangel an Beweisen".

      Frohe Weihnachten dem Blogführer.

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    3. Verpassen Sie nicht die traditionelle Weihnachtsringsendung von Bonetti Media.

      https://www.youtube.com/watch?v=91ruylm9rAM

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  4. Kein Problem hier: #MainstreamMedienMeider.

    Eigentlich schade um den Verlag, aber nicht zu ändern. Haben es halt mit Prosa versucht, ist aber von Bastei-Lübbe besetzt. Das beste was ich von denen in dne letzten Jahren gesehen habe war der originalgetreue Wiederaufbau der Kantine (nur echt mit der Hospitalismustapete an LSD colour choice).

    Wenn es dann selbst Bonetti Media nicht gelingt den Staatshaushalt der BRD zu toppen, wie sollen diese Kleingeister dann auch nur aus den roten Zahlen kommen?

    Wer dann noch "Beobachtungsstellen" als Quellen und Weißhelme als Statisten benötigt ist eh raus.

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    1. "Scoop" von Evelyn Waugh - in diesem uralten Roman aus uralter Zeit steht alles, was man über Auslandsreportagen wissen muss. Besser ist es seither nicht geworden.

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  5. Mir gefällt da Ulfkottes Erzählung besser. Die mit dem Benzinkanistern in der Wüste. Alle hatten einen bis auf ihn als Neuling (vonne FAZ nicht Postillion oder Neue Spezial). Dann gings ab. Zu Reportzagezwecken (ist das eigentlich ein Substantiv?) Panzer illumieren.

    Wurde auch nie dementiert, wäre ja auch nachweisbar (Rost sandschliff ...).

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  6. Was für ein Tal? Die Geschichte stimmt doch hinten und vorne nicht.

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