Samstag, 10. November 2018

Vor hundert Jahren

Wir sind in unserer mediengesteuerten Erinnerungskultur auf den 9. November konditioniert. Was ist mit dem 19. Januar 1919? Das Datum kann man sich eigentlich sehr gut merken. Dennoch ist es längst vergessen. An diesem Tag fand die erste demokratische Wahl in Deutschland statt. Ein weiteres Novum: Frauen durften zum ersten Mal an den Wahlen teilnehmen, aus der die Nationalversammlung hervorging, die bis 1920 die Weimarer Verfassung ausgearbeitet hatte. Am 6. Juni 1920 fanden die ersten Wahlen zum Deutschen Reichstag statt.
Ebenso vergessen wird mit schöner Regelmäßigkeit der 10. November 1918. Dieser Tag ist der eigentliche Urknall der Demokratie. Ein Tag nach Abdankung des Kaisers und der Ausrufung der Republik trafen sich dreitausend Vertreter der revolutionär gestimmten Räte, die noch am selben Tag von den Arbeitern und Soldaten des Landes gewählt worden waren, im Zirkus Busch in Berlin zu einer Räteversammlung.
Bereits am Tag zuvor hatte der letzte Reichskanzler der Hohenzollern, Max von Baden, ein Cousin von Willem Zwo, dem Sozialdemokraten Friedrich Ebert das Amt des Reichskanzlers übergeben. Eberts „Mehrheitssozialdemokraten“ (MSPD) und der rechte Flügel der USPD, ein Spaltprodukt der SPD, konnten in der Räteversammlung die Mehrheit erringen und wurden als „Rat der Volksbeauftragten“ bestätigt. Sie führten ab diesem Zeitpunkt die Regierungsgeschäfte, übernahmen aber große Teile des alten Regierungsapparats von Kaisers Gnaden. Diese Kontinuität der Verwaltungseliten kennen wir von 1945 (#Globke) und 1990.
Noch am Abend des 10. Novembers verbündete sich der „Rat der Volksbeauftragten“ mit der Reichswehr (Ebert-Groener-Pakt), um eine sozialistische Revolution zu verhindern. Die USPD trat im darauffolgenden Monat aus dem Rat aus. Der Spartakusaufstand Anfang Januar 1919, der zum Sturz der Ebert-Regierung führen sollte, wurde wenig später von der herrschenden Sozialdemokratie und der Armee blutig niedergeschlagen, teilweise mithilfe rechter „Freikorps“. Luxemburg und Liebknecht lebten bei der Wahl zur Nationalversammlung schon nicht mehr.
Nach den Berliner Märzkämpfen, der Niederschlagung der Münchner Räterepublik und anderen Aufständen mit insgesamt etwa fünftausend Toten gab es von den Proletariern, von den Menschen also, die das Ende des Weltkriegs, der Monarchie und des preußischen Militarismus erkämpft hatten, keinen Widerstand gegen die bürgerlichen Führer der sogenannten Arbeiterpartei mehr. Die Republik, die der Sozialdemokrat Scheidemann am 9. November am Fenster des Reichstags ausgerufen hatte, trug den gewaltsamen Sieg über die Republik davon, die Liebknecht am gleichen Tag auf dem Balkon des Berliner Stadtschlosses verkündet hatte - bis 1933 eine politische Bewegung die Macht übernahm, die sich als wesentlich rücksichtsloser und brutaler erweisen sollte.
Für einen kurzen Augenblick glaubte das Volk an diesem 10. November 1918, die Macht zu haben. Aber die mutigen Arbeiter, Matrosen und Soldaten wurden von den Sozialdemokraten, ihren angeblichen Interessenvertretern, verraten. Die Chance für einen wahrhaft demokratischen Neubeginn, in dem sich das Volk wirklich als Souverän fühlen durfte, wurde vertan. 1949 und 1990 wiederholte sich dieses Schauspiel, als die Parteipolitiker erneut die Regeln des Zusammenlebens im Alleingang definierten. Bis heute hat die Bundesrepublik keine Verfassung, über die das Volk abstimmen durfte. Die SPD, die Partei von Noske und Schröder, gibt es merkwürdigerweise immer noch.
P.S.: Der Frauenanteil betrug in der Nationalversammlung 8,7 Prozent, im ersten Reichstag lag er bei 8 Prozent und sank bis zur letzten Wahl 1933 auf 3,8 Prozent.
***
Es ist natürlich nur Spekulation, aber dennoch ein lohnenswerter Gedankengang:
Was wäre geschehen, wenn Deutschland im November 1918 eine sozialistische Räterepublik bekommen hätte?
Wenn Großkapital und Militär entmachtet worden wären?
Wenn die Reichtümer, die von den Eliten über Jahrhunderte gehortet worden sind, an die hungernde Bevölkerung verteilt worden wären, um die Not in jenem Winter zu lindern?
Vielleicht wäre die Zusammensetzung der Nationalversammlung nach der Wahl 1919 eine andere gewesen?
Die Weimarer Republik eine andere, da sie eine andere Verfassung bekommen hätte?
Vielleicht hätten das Großkapital und das Militär, allen voran der Kriegsverbrecher Hindenburg, nicht dem Nationalsozialismus zur Macht verhelfen können, weil es sie gar nicht mehr gegeben hätte?
Vielleicht wären der Weltkrieg und der Holocaust verhindert worden?
Dann hätte es womöglich auch keine deutsche Teilung und keine Mauer in Berlin gegeben?
Keinen Kalten Krieg, kein atomares Wettrüsten, vielleicht noch nicht einmal Nuklearwaffen?
So vieles wäre wahrscheinlich ganz anders gelaufen in der Geschichte. Wer weiß?
Led Zeppelin – Kashmir. https://www.youtube.com/watch?v=sfR_HWMzgyc

1 Kommentar:

  1. "Wer weitergeht wird erschossen".
    Deshalb "political silence" in der Welt.

    Herzlichen Dank für diesen Text zum 9. November

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