Dienstag, 6. November 2018

Novemberhelden

„Es lebt aber, wie ich an allem merke, dort ein so verwegner Menschenschlag beisammen, daß man mit der Delikatesse nicht weit reicht, sondern daß man Haare auf den Zähnen haben und mitunter etwas grob sein muß, um sich über Wasser zu halten.“ (Goethe über Berlin, 1823)
Berliner Originale gibt es ja nur noch in Erinnerungen. Das berühmteste Exemplar ist der „Hauptmann von Köpenick“, der Schuhmacher Friedrich Wilhelm Voigt, dessen Geschichte von Carl Zuckmayer verewigt wurde. Drei weniger bekannte Menschen, die in diese Kategorie passen, möchte ich heute vorstellen. Zwei von ihnen habe ich persönlich getroffen.
Der Ansager
Er ist den ganzen Tag im U-Bahn-Netz der BVG unterwegs. Ein großer, kräftiger, junger Mann. Er steht an der Tür und macht die Ansage. „Zurückbleiben, bitte!“ „Nächster Halt: Spichernstraße.“ „Sie können auf die U-Bahn-Linie U 9 umsteigen.“ Am Anfang dachte ich, die Stimme käme aus einem Lautsprecher. Klar, deutlich und mit einer Seelenruhe, als würden ihn die Verkehrsbetriebe dafür bezahlen. Er wirkt sehr professionell, gar nicht verrückt. Es scheint ihm großen Spaß zu machen. Seine Ansagen ergänzt er durch Informationen wie „Dieser Zug hat zwölf Wagen und 48 Türen.“ Leider habe ich ihn schon lange nicht mehr gesehen.
Der Sendermann
Der Urvater aller Aluhutträger, Chemtrail-Liebhaber und anderer Verschwörungstheoretiker, möglicherweise aber auch der erste Whistleblower in der Geschichte Berlins. Sicher ist er ein früher Mahner vor dem Überwachungsstaat der Gegenwart. Ich habe ihn nie persönlich erlebt, sein Wirken umfasst die Jahre 1972 bis 1975. Entweder haben ihn damals die Amerikaner einkassiert oder er ist auf Bonnies Ranch gelandet, der Berliner Nervenheilanstalt.
Der Sendermann, ein stämmiger rotbäckiger Mann, war häufig auf dem Kurfürstendamm unterwegs. Er trug einen kegelförmigen Hut, mit dem er sich womöglich vor den Strahlen der Geheimdienste schützen wollte. Er trug Transparente mit Botschaften wie „Abschirmdienst – Spitzel – Verbrecher sind mit Sendern an ihrem Körper“. Manchmal nutzte er auch ein Megaphon und rief den Leuten zu: „Bürger! Entwickelt Initiative! In jedem 3. Haus CIA und Abschirmdienst mit Sendern! Wehrt Euch! Der Verfassungsschutz foltert Bürger mit Sendern!“
Seine Warnungen pinselte und sprühte er auch häufig auf Häuserwände und nahm damit die Graffiti-Bewegung vorweg. „Folter mit Sendern! Die Berliner werden mit Sendern gefoltert - der BND und die CIA sind mit dabei.“ Das war seine Message, die er auch mit Flugblättern und in Studentenversammlungen verbreitete. Er überzog ganz West-Berlin mit seinen Botschaften, die heute aktueller sind denn je. Mitte der siebziger Jahre verliert sich seine Spur.


Tüten-Paula
Tüten Paula residierte bevorzugt auf den Parkbänken des Kurfürstendamms oder auf den Bänken der anliegenden U-Bahn-Stationen. Um sich herum hatte sie einen Schutzwall aus prall gefüllten Plastiktüten unbekannten Inhalts aufgebaut, die offenbar sehr wertvoll waren. Näherte man sich ihr oder blickte sie nur an, fing sie an zu fauchen, zu keifen und zu schimpfen. So aggressiv sind heutzutage noch nicht mal die Leute bei Facebook.
Am liebsten saß sie, gelegentlich auch einen Sturzhelm und Sonnenbrille tragend, an der Ecke Grolmanstraße. Ein vertrauter Anblick für die regelmäßigen Besucher und die Anwohner, wenn sie dort die Tauben fütterte, wo heute Udo Walz der Prominenz die Haare schneidet, und vor sich hin pöbelt. Almosen wurden entrüstet zurückgewiesen. Geld brauchte sie offenbar keins. Wer war diese Frau? Auch die Presse rätselte. Die schlichte Wahrheit: die Frau war eine Rentnerin aus Halberstadt und kehrte 1998 dorthin zurück.
The Selecter - Out On The Streets. https://www.youtube.com/watch?v=Ryzt8Mqvpgw
P.S.: Verschwörungstheorie der Woche: Der Verfassungsschutz hat in der SPD „linksradikale Kräfte“ entdeckt. In der SPD! Natürlich wird der Geheimdienstboss entlassen. Wer steckt dahinter? Linksradikale. Wer sonst? Warum wird die SPD noch nicht vom Verfassungsschutz beobachtet?

Kommentare:

  1. Der Maassen meinte die Rolexträgerin mit Migrationshintergrund.

    Linksradikale tragen immer Rolexuhren. Ich auch.

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  2. Maaßen hätte ich auch entlassen. Wer Linke in der sPD (!) vermutet, hat nicht alle Zwetschgen zusammen.

    In der Stadt, in der Du die Schmidt-Rottluff-Ausstellung besucht hast, gabs mal die Rückwärts-Elli. Elli trug eine Volkssturm-Mütze, über die ein Kopftuch gebunden wurde, lief , wie es der Name sagt, öfters ein paar Schritte rückwärts und schimpfte dabei auf Busfahrer und Studenten.

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    1. Hier im Dorf läuft auch eine Bekloppte rum, die jeden anquatscht. Sie wohnt nur 200 m von mir entfernt. Wenn ich Zeit und Lust habe, lasse ich mich auf ein Gespräch ein. Solange die Leute friedlich sind, sehe ich in ihnen eine Bereicherung der Gesellschaft. Besser als hundert stromlinienförmige Zombies mit dem Hobby "Selbstoptimierung".

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  3. Rolex ist voll Proll.
    Ich habe mal ein Projekt für die Uhrenindustrie gemacht.
    Seit dem weiß ich, wie absurd billig die Uhrwerke sind, die genau so auch in hochpreisige Uhren, z.B. Rolex, eingebaut werden.
    Und nur weil die Werke vom Band laufen heißt das ja nicht, daß die Dinger ungenau wären oder schlecht !
    Ein teurer Daimler läuft ja auch vom Band, den Kotflügel dengelt auch keiner mehr von Hand aus einer Tafel Blech raus.( Wie noch in den 50ern beim 300 SL )
    Seit dem kaufe ich nur noch Uhren für unter 100 €.
    Alles andere ist die Leute verarscht.
    Ein 7er BMW kostet in der Produktion auch nur ein paar tausend € mehr als ein 5er BMW.
    Ist ja mehr oder weniger das gleiche.
    Wie auch ein S Daimler zu einer E-Klasse.
    Aber beides mal zahle ich als Kunde einen Aufschlag von mehreren 10 000 €.
    Der Kapitalismus lebt viel von der Dummheit der Menschen, vulgo auch "Verbraucher" genannt.

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