Montag, 5. November 2018

Nippelgate

Heutzutage ist das Fotografieren ja kein Problem. Selbst mit einem Handy und einer guten App kann man relativ schnell eine passable Aufnahme hinkriegen. In meiner Jugend, im Zeitalter der Spiegelreflexkameras und der vielen Objekte, die man immer wieder wechseln musste, war das etwas anspruchsvoller. Mir hat mal ein alter Fotograf, zu dem ich immer meine Filme zum Entwickeln gebracht habe, erzählt, wie er seine Studioaufnahmen machte.
Man muss sich einen kleinen Mann mit schlohweißen Haaren und einem Holzbein vorstellen. Sein Auftrag: Aktfotos von einer Frau. Ungewöhnlicher Auftrag für unsere Kleinstadt in den achtziger Jahren, aber der Mann hat damals jede Mark mitgenommen. Für die Aktaufnahme war es wichtig, dass bei der jungen Dame beide Nippel erigiert waren. Bis der alte Mann aber seine Kamera justiert hatte, Licht – Schärfe – tralala, war meist ein Nippel schon wieder in die Brustwarze zurückgesunken.
Deswegen musste der Fotograf – und ab diesem Punkt wurde seine Schilderung mit beiden Händen unterstützt – immer wieder zur Frau gehen – tock, tock, tock – und den Nippel bearbeiten. Er sagte mir, er hätte an dem Nippel herumgedreht wie an einem Radioknopf, bis er stand. Dann ging er wieder zurück zu seinem Kamera – tock, tock, tock – und versuchte ein Foto zu machen. Es konnte aber durchaus sein, dass in der Zwischenzeit der zweite Nippel wieder eingeschlafen war. Also ging es wieder zu den Nippeln, die er „wie Radioknöpfe“ bearbeitete, wie er lächelnd berichtete, bis das Bild im Kasten war.
Erotik war in meiner Jugend noch harte Arbeit. Nix Computer, das war Handwerk im Wortsinne.
Das ist aber nichts gegen die folgende Nippelgeschichte, der ich bis heute eine posttraumatische Belastungsstörung verdanke. Ich sitze mit einer Freundin in einem Berliner Steakhaus und sie hat ihr Kind dabei. Natürlich kommt es, wie es kommen muss: Die Steaks werden serviert und der Kleene fängt im gleichen Moment an zu plärren. Wenn sie jetzt zur Toilette geht, um das Kind zu stillen, ist ihr Steak hart und kalt, bis sie zurückkommt. Also schneide ich ihr das Steak klein, damit sie es, zusammen mit den Pommes, bequem mit einer Hand essen kann. Ein Kind am Tisch an die Zapfanlage zu legen, ist in Kreuzberg kein Ding. Niemand würde etwas sagen und natürlich nahm auch keiner Notiz von unseren Aktion.
Während der Zwerg also seine Druckbetankung bekam, aßen wir unsere Steaks und unterhielten uns. Madame hatte ihr Steak wie immer blutig bestellt und so hatte ich den Eindruck, ich würde mit einer Wikingerbraut zu Mittag essen. Wilde, lange, blonde Haare, meerblaue Augen, blutiges Fleisch zwischen den Zähnen, während sie lacht und redet, dazu der Sohnemann an der Brust. Was für ein Bild! Leider konnte ich nicht umhin, einen flüchtigen Blick auf die Brust zu werfen, die ich dereinst in Schulzeiten liebkost hatte und die ich nun zum profanen Zwecke der Ernährung erneut entblößt sah. Der Nippel war zur Größe eines Bauarbeiterdaumens angeschwollen und dunkelrot bis lila verfärbt. Ich verlor kein Wort darüber und kaute mein Rindfleisch wie in Trance.
Seitdem sehe ich den weiblichen Körper nicht mehr mit der unschuldigen Begierde meiner frühen Jahre. Ich kann dieses Bild einfach nicht mehr vergessen. In meiner Erinnerung wird dieser Nippel immer größer.
The English Beat - Save It for Later. https://www.youtube.com/watch?v=uAQ5JatwGrE

1 Kommentar:

  1. Nippelgeschichte, posttraumatische Belastungsstörung, Druckbetankung – ob es dir hilft, weiß ich nicht; mir fiel da eine erzählung des von unserem französischlehrer geschätzten Guy de Maupassant ein, der Ein Idyll in der eisenbahn schildert – nichts für ungut.

    Da ich schon mal hier bin, an dieser stelle noch ein kleiner nachtrag zu UK rulez, aber nur, weil der folgende link literatur, film und musik verbindet, tada: Saturday Night (and) Sunday Morning.

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