Donnerstag, 1. November 2018

Ficken ist Frieden

Ich traf Helga Goetze zum ersten Mal an einem eiskalten Winterabend an der Gedächtniskirche. Den Mantelkragen hochgeschlagen, die Hände tief in den Taschen, hastete ich in Richtung Kranzler-Eck. Da sprach mich die alte Dame an. Als Neu-Berliner aus tiefster Provinz war ich zunächst fassungslos. Diese Frau, die meiner Großmutter ähnlich sah, wollte mit mir über Sex sprechen. Nein, über das Ficken! Genau dieses Wort hat sie benutzt. War es eine Prostituierte? Nein, sie hatte ein ernstes Anliegen, das sie auch auf einem Stück Pappe verewigt hatte: „Ficken ist Frieden“. Sie empfahl mir, noch am gleichen Tag entweder zu ficken oder zu wichsen. In einem Tonfall, als würde sie mir ein Hausmittel gegen Schnupfen erklären.
Make love, not war. In der Berliner Variante. Helga Goetze, ein Mensch, den man gerne in der Hauptstadt als „Orijinal“ bezeichnet, ist vor zehn Jahren gestorben. Sie wurde 2008 auf dem Alten St. Matthäus-Kirchhof in Schöneberg beerdigt. Die Aktivistin der sexuellen Befreiung war eine Spätberufene. Sie hatte früh geheiratet und sieben Kinder großgezogen, ohne ihren Mann jemals nackt gesehen zu haben. Mit einem Sizilianer namens Giovanni hatte sie ihren ersten Orgasmus. Ihr zweites Leben in WGs und auf der Straße begann. Sie wurde Künstlerin, Schriftstellerin und spielte in „Rote Liebe“ von Rosa von Praunheim mit. 1982 zog sie nach Berlin und war fortan an der Gedächtniskirche und vor der Mensa der FU Berlin zu finden. Die Boulevardpresse verhöhnte sie als „Deutschlands Supersau“. Aber sie war nie so vulgär wie die BILD. Sie war höflich, nie laut oder aufdringlich. Ein liebenswerter Mensch, der für die Liebe warb. Wir sollten sie nicht vergessen.

Vicky Leandros - Ich liebe das Leben. https://www.youtube.com/watch?v=7_FsW8RPCTc

1 Kommentar:

  1. Danke, für die geweckte Erinnerung an Helga. Mich sprach sie vor der Mensa an. "Ficken ist Frieden." Ich antwortete, da ich grad erst aus fremden Federn gestiegen war, daß ich kaum Laufen könne, so wund sei ich vor lauter Frieden. RIP Helga

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