Donnerstag, 8. November 2018

Eine sentimentale Reise


Wann wird an dieser Fassade eine Messingplatte mit meinem Namen angebracht?



Das ist das Haus, in dem ich die ersten 23 Jahre nach meiner Geburt im Ingelheimer Krankenhaus verbracht habe. Das Fenster oben rechts ist das Fenster meines Kinderzimmers. Dort stand mein Schreibtisch, dort hämmerte ich – wie heute noch mit zwei Fingern - auf meiner Schreibmaschine die ersten Texte. Ich stehe für das Foto auf der gegenüberliegenden Seite der Straße. Es ist Samstagvormittag, der Bürgersteig wird gerade von einem etwa zehnjährigen Mädchen gefegt. Ihr kleiner Bruder macht den Dreck auf eine Kehrschaufel und bringt ihn in die Mülltonne. So sind die Kids in der Provinz 2018, ihr ewigen Kulturpessimisten. Sauber und ordentlich. Future is now.
Jedenfalls schaut mich das Mädchen neugierig an und ich erkläre ihr, ich hätte in ihrem Alter im Haus gegenüber gewohnt, weswegen ich es jetzt fotografieren würde. Sie sagt nur „Aha“. Das war’s. Aber vielleicht ist mein Leben auch gar nicht so interessant. Streichen Sie „vielleicht“. Alte Menschen reden zu viel. Ich bin alt.



Dieses Hochhaus nannte man in meiner Jugend das „Tengelmann-Haus“, weil unten ein Tengelmann-Supermarkt war. Außerdem war in einem der Geschäftsräume „Urmes“, ein Kiosk, in dem es Comics, Süßigkeiten ab zwei Pfennig und Plastikfiguren (Cowboys, Dinosaurier usw.) gab. Hier war auch das Restaurant „Dalmatiner Stuben“ der Familie Jevtic. Sie wohnten in dem Hochhaus, der Sohnemann war damals einer meiner drei besten Freunde.



Hier wohnte Jan, der zweite der Freunde. Martin, der dritte, wohnte im Nachbarhaus von mir. Eine kleine Welt mit einem Radius von wenigen hundert Metern. Jan lebt heute als Musiker in L.A.



Das Viertel entstand Anfang der sechziger Jahre. Es wirkt extrem gepflegt. Auch „mein“ Haus (siehe erstes Bild) ist neu gestrichen und renoviert.



Das ist meine Grundschule. Sie ist unverändert geblieben. Vier Jahre, an die ich kaum Erinnerungen habe. Das erste „harte“ Schimpfwort habe ich auf dem Schulhof hinter dem Gebäude gelernt. Ficker. Ich wusste damals gar nicht, was das bedeuten sollte. Ich musste öfter wegen meiner „Streiche“ ins Lehrerzimmer, wo mich die versammelte Mannschaft der Erwachsenen zur Sau machen durfte. Solche Situationen nehme ich bis heute nicht ernst.



Früher war hinter der Schule die Welt zu Ende. Die Wiesen und Wälder begannen, wo wir machen konnten, was wir wollten. Wir spielten Verstecken und Krieg oder legten Feuer. Heute sind dort jede Menge neue Wohnhäuser, ein Gewerbegebiet, ein Bolzplatz und eine Halfpipe für Skater. Mitte der siebziger Jahre kam der erste Junge mit einem Skateboard in unser Viertel. Ich stellte mich mutig mit einem Fuß auf das Brett und stieß mich mit dem anderen Fuß ab, wie er es uns gezeigt hatte. Eine Millisekunde später segelte ich in hohem Bogen durch die Luft. Als ich mich wieder aufgerappelt hatte, klaffte in meiner Hose und natürlich auch im dazugehörigen Knie ein schönes Loch. Meine Mutter war begeistert. Die neue Hose! Zur Strafe nähte sie zwei knallrote Lederflicken auf die Hose, so dass ich noch bescheuerter aussah wie der Rest der Menschheit in meiner Kindheit. Das ist eine kurze Zusammenfassung meiner kompletten Karriere als Skateboarder – bis heute.
Aus meinem alten Kiez, Ingelheim-West, fahre ich zurück in die Innenstadt. An der Bushaltestelle komme ich mit einem Marokkaner ins Gespräch. Als der Bus hält, lädt er mich mit seiner Jahreskarte ein und ich muss keinen Cent bezahlen. Danke! Bei herrlichem Sonnenschein - im November! - treffe ich einen alten Schulfreund, der beim Italiener auf der Ingelheimer Piazza sitzt und Maracuja-Schorle trinkt. Er ist Tontechniker beim Radio und wir reden über alte Zeiten und Musik. Dann kommt meine Schwester dazu, mit der ich zum Essen verabredet bin. Es ist, als ob ich nie weg gewesen wäre.
Thee Oh Sees - Encrypted Bounce (A Queer Sound). https://www.youtube.com/watch?v=9wwi9-WVdiI

Kommentare:

  1. Schöne Erinnerungen !
    Aber dieses Desinteresse der jungen Leute ist mir auch schon aufgefallen. Wen ein Alter was erzählt. Wen ich meinen Jungingenieuren erzähle, daß es im meiner Jugend eigentlich nur Kicken, Flipper und Tischfußball gab, vielleicht noch Tischtennis und natürlich lesen und später dann Musik, TV war ja eher unterentwickelt, sehe ich in den Gesichtern keinerlei Reaktion, kein Nachfragen, nichts. Ich bilde mir ein, daß ich damals auf Geschichten der Opas/Omas oder anderer alter Menschen anders reagierte. Die totale Ignoranz, die sich aber auch auf aktuelle Themen bezieht. Politik, Gesellschaft, Naturschutz. Natur ? Hä??
    Waren Wir auch so ??

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  2. ...nein, wie waren nicht so.....wir haben uns die Geschichten der Alten angehört und auch Fragen dazu gestellt.....

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    1. Danke. So ähnlich stelle ich mir Solingen vor, nur mit mehr Patina.

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  4. Wir haben eigentlich noch viel mehr gemacht, wenn man mal länger darüber nachdenkt.
    Wie haben zusammen Brettspiele gemacht. Mittage lang. Monopoly, Malefitz, alles mögliche.
    Dann Kartenspiele, Mau Mau, 20 ab, Binokel, dann Skat, quasi der Ritterschlag.
    Oder mit LEGO gespielt. Das war auch immer die Systemfrage. Andere hatten Fischer Technik oder den Märklin Baukasten. Dann ab 15 am Verbrennungsmotor geschraubt, die Karre schneller gemacht u.s.w.. Oder aber einfach im Wald herumgestreift und "Lägerle" gebaut, Feuer gemacht, rumgehockt. Klasse.
    Mein Gott hatten wir eine tolle, abwechslungsreiche, durchaus auch lehrreiche Jugend.

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    1. Nachmittags gab's ja auch kein Fernsehen. Fußball spielen, Fangen, Verstecken. Bei Regen Bücher lesen oder RISIKO spielen. Basteln und Modellbau stand bei uns auch hoch im Kurs. Mit 15 hatte ich dann eine Atari-Playstation. Die neue Zeit begann ...

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    2. Es ist der Hammer, was in unserer Zeit 5 Jahre ausmachten !
      Von wegen Atari.

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