Freitag, 9. November 2018

Die ersten Ossis in West-Berlin

Wie immer ist heute am 9. November dreifacher Gedenktag. Maueröffnung, Reichspogromnacht und Abdankung von Willem Zwo, wobei letzteres heute einen runden Geburtstag feiert. Dazu morgen mehr in diesem Blog.
Zu den üblichen Geschichten, die zu diesem Datum erzählt werden, gehört, dass West-Berlin an jenem Novembertag 1989 zum ersten Mal von Menschen aus dem „Ostblock“, also den kommunistischen Staaten des Warschauer Pakts, überrannt wurde. Das ist falsch. Vor den Bürgern der DDR kamen die Polen in die eingemauerte Enklave des Westens.
Bereits Anfang 1989 hob die polnische Regierung die Visumpflicht für Reisen in die Bundesrepublik und nach West-Berlin auf. Die Folge dieses Beschlusses konnte ich bald darauf bei einem Berlin-Besuch besichtigen. Südlich des Potsdamer Platzes bis zum Landwehrkanal entstand der sogenannte „Polenmarkt“. Denn laut den Regularien der Alliierten (Berlin Kommandatura Order Nummer 7) durften sich Polen bis zu 31 Tage in West-Berlin aufhalten, während sie für eine Reise nach West-Deutschland eine Einladung, fünfzig West-Mark und eine gültige Krankenversicherung benötigten. Bis zu 15.000 Polen kamen täglich per Bus, Bahn oder Auto, um hier Textilien, Zigaretten, Alkohol und Trödel aller Art zu verkaufen.
Offiziell hat es diesen Markt nie gegeben, er entstand einfach wie die Schwarzmärkte nach dem Zweiten Weltkrieg. Für die Berliner und die Touristen war er damals eine Attraktion. Bis zu hunderttausend Menschen waren hier am Wochenende versammelt. Da es keine Toiletten gab, stank der Ort bald zum Himmel. Diebstahl und Prostitution blühten, allerdings auch der Berliner Einzelhandel, denn die Polen kauften für das verdiente Geld Fernseher, Stereoanlagen, Fotoapparate und Videorekorder in rauen Mengen.
Der Ansturm der Polen, nicht nur der Flohmarkthändler, auch der Konsumenten, auf West-Berlin verebbt erst Ende 1990. Diese erste Begegnung zwischen Deutschen und Polen nach dem Ende des Kalten Kriegs prägt das Bild vom armen und angeblich diebischen Polen bei manchen Menschen bis zum heutigen Tag. Von Marzahn aus fährt derzeit dreimal am Tag ein Shuttle-Bus zum Polenmarkt hinter der deutsch-polnischen Grenze. Die Zigaretten und der Schnaps sind immer noch billig, dazu kaufen die Leute Topfpflanzen, Handtaschen und Wurst. Auch diese Geschichte begann 1989 – leider ist sie vergessen worden.

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