Montag, 12. November 2018

Das Leben, das Universum und der ganze Rest

„Ich verliebte mich in den Fußball, wie ich mich später in Frauen verlieben sollte: plötzlich, unerklärlich, unkritisch und ohne einen Gedanken an den Schmerz und die Zerissenheit zu verschwenden, die damit verbunden sein würden.“ (Nick Hornby: Fever Pitch)



Ich kann als Fußball-Fan nur das beurteilen, was ich auf dem Spielfeld sehe. Der Pass war gut / nicht gut. Der Schuss war gut / nicht gut. Die Torwartparade war gut / nicht gut. Das Dribbling war erfolgreich / führte zum Ballverlust. Der Elfmeter ist gerechtfertigt / nicht gerechtfertigt. Alles, was außerhalb des Platzes passiert, kann ich als Fan nicht beurteilen. Wie ist die Arbeit des Trainers während der spielfreien Tage? Wie läuft eine Trainingseinheit ab? Macht der Sportdirektor seine Arbeit gut? Beobachtet der Scout die richtigen Spieler? Ist das Management erfolgreich? Treffen die Verantwortlichen die richtigen Entscheidungen? All das kann ich als Laie nicht einschätzen. Ich könnte eine Woche oder einen Monat neben dem Trainer am Spielfeldrand stehen, bei jeder Übung, bei jedem Aufwärmen, bei jedem Spiel und anschließend noch in jeder Besprechung neben ihm sitzen. Trotzdem weiß ich nicht, ob er ein guter Trainer ist. Ich könnte ein vierwöchiges Praktikum im Büro des Sportdirektors machen oder im Büro des Vereinspräsidenten. Es würde mir nichts nützen, denn ich weiß nicht, wie ein guter Manager arbeitet. Für uns Fans ist der Verein eine Black Box. Auf der einen Seite kommen Spieler, Trainer, Manager, Ärzte und Therapeuten rein – auf der anderen Seite kommt eine Zahlenkette heraus, die aus Dreiern, Nullen und Einsen besteht. Sind viele Dreier dabei, scheint alles in der Black Box zu funktionieren. Sind viele Nullen dabei, scheint es in der Box nicht zu funktionieren. Es nutzt mir auch nichts, wenn ich die Box öffne wie die Motorhaube eines Autos. Ich sehe nichts. Egal, wie lang ich gucke. Daher sollten wir uns bei den Debatten auch auf den eigentlichen Sport konzentrieren.

Fußball hat nicht die Funktion, als Gegenstand für intellektuelle Debatten zu dienen. Scheiß doch auf Sachen wie „Spielsystem“ oder „Viererkette“. Fußball ist ein Thema, das uns mit wildfremden Menschen verbinden kann. Fußball ist das perfekte Gesprächsthema, denn das Wetter ist auf Dauer zu langweilig und Politik ist eine heikle Angelegenheit. Über Fußball kann man immer sprechen. Es ist ein Erinnerungsraum, den man mit anderen Menschen teilen kann. Jeder Fan kann dutzende Geschichten zum Besten geben. Wo habe ich das 7:1 gegen Brasilien gesehen? Wie habe ich mit Freunden den WM-Titel von 1974, 1990 oder 2014 gefeiert? Was hat man im Stadion erlebt? Welche Spiele hat man live gesehen?
Fußball ist der perfekte Rückzugsort vom sogenannten normalen Leben. Es ist eine eigene Welt, die – zumindest früher einmal – von schrägen Typen wie Littbarski oder Libuda bevölkert war. Im Stadion und im Gespräch mit anderen Fans gibt es weder Grenzen noch Klassengegensätze. Ob du Professor oder Maurer bist, zählt im Gespräch nicht mehr. Die Erfahrung der Fans ist unabhängig vom Bildungsgrad auf dem Papier. Egal, wie es dir gerade geht, du trittst durch diese Tür und bist in der Welt der Bundesliga, der Kreisliga oder einer anderen Parallelgesellschaft deiner Wahl. Buddha spricht von den vier Wahrheiten des geistig Edlen. Du hast die Liga, den Pokal, die internationalen Wettbewerbe und die Nationalmannschaft. Es ist ein Ort, an dem auch Singles Gefühle haben dürfen. An dem Agnostiker den Fußballgott anflehen. Wo Sagengestalten tief fallen können und Luzifer persönlich Pressekonferenzen gibt (ich nenne keinen Namen).
(Auszug aus dem Essay „Der Tag, an dem eine Silberkugel zwischen den Augen von Uli Hoeneß einschlug“)
The Stranglers - Skin Deep. https://www.youtube.com/watch?v=j5UfE2BbYSQ 

5 Kommentare:

  1. Na schön, das untere Foto zeigt Rainer Bonhof, egal: Ich hab mal ein Autogramm von Overath gekriegt, nach einem Freundschaftsspiel zwischen Bayer Leverkusen und dem FC, noch im alten Haberland-Stadion. Ich war elf oder zwölf, und als Overath vor mir stand, dachte ich, Junge, ist der klein. Diese Pulle. Der kann nix. Tags drauf erklärte er seinen Rücktritt.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Als kleiner Junge wurde ich Anfang der Siebziger Gladbach-Fan. Mit den Aufklebebildchen der Mannschaft auf dem Bettkasten und einem Poster an der Wand. Rainer Bonhof war mein großer Held. Als ich anfing, im Verein zu spielen, träumte ich davon, als Erwachsener in die Bundesliga zu kommen - natürlich zu den Fohlen. Jetzt schaue ich vom Schreibtisch auf das Spielfeld runter und denke: Scheiße, heute musst du noch das Laub zusammen harken. Fünfzig Quadratmeter Field of Honour.

      Löschen
    2. Die Rollenverteilung damals in der Schule war ziemlich klar. Schalke-Fans waren meist doofe Brüllaffen, die auf Dresche aus waren. Bayern-Fans waren die, die mit Papis Anwalt drohten. Dortmund-Fans waren Außenseiter (der BVB war damals weit entfernt, Meister zu werden). Ruhrpott-Lokalpatrioten hatten es mit dem VfL Bochum. Dann gab es die Individualisten, die außen vor waren. Hielten zum HSV (wegen Beckenbauer) oder dem 1. FC Köln (wegen Overath/Littbarski). Die coolen Kids aber waren Gladbach-Fans. Kam für mich nur nicht mehr infrage, weil ich wegen der Schlägertypen bereits taktischer Mimikry-Schalker geworden war. Meine später entflammte Liebe zur unechten Borussia war garantiert späte Rache...
      Ich glaube bis heute, meine

      Löschen
    3. 1989? Da bist du ja ziemlich spät Fan geworden. Aber dann hilft ja auch nix mehr. Aus der Nummer kommt man nicht mehr raus, es hält einen Leben lang - katholische Ehe nix dagegen. Was meinst du, wie hier in Rheinland-Pfalz die FCK-Fans fluchen. Ich habe es, als Mainz damals in die 2. Liga aufstieg, anders gelöst. Ich bin weiterhin (seit 45 Jahren) Gladbach-Fan, habe neben der Ehefrau aber noch eine Geliebte in Rheinhessen. Anfangs war das kein Problem, VfL erste Liga, FSV zweite Liga, aber inzwischen treffen sich die Bitches zweimal im Jahr ...

      Löschen
  2. 50 m² ist ja auch nichts für mit links, da muss man sich mit ende 50 schon richtig reinhängen. rainer bonhof fand ich früher auch nicht schlecht. er hatte so was vornehmes in seiner haltung. und sieloff hatte einen ziemlichen bums, glaub ich. und ewald lienen fehlte zeitweise fleisch im oberschenkel.

    AntwortenLöschen