Montag, 15. Oktober 2018

Romando Delatroux

Er begann als hoffnungsvoller Nachwuchstrinker in einer kleinen Dorfschenke, die sich in einem bedeutungslosen Winkel unseres großen Landes befand, und sein erster Vollrausch berechtigte zu den schönsten Hoffnungen. Bereits in seiner Jugend war er regelmäßig Gast in der Bahnhofskneipe einer nahe gelegenen Stadt. Mit Anfang zwanzig zog er in die Landeshauptstadt und erweiterte sein Repertoire um ein internationales Sortiment an Spirituosen. Er war in zahlreichen Gasthäusern wohl bekannt und rühmte sich mit gutem Recht der Trinkkunst.
Bald war ihm auch dieser Wirkungskreis zu klein geworden und es zog ihn in die Metropole. Berlin – Stadt der Sünde. Berlin – Stadt ohne Sperrstunde. Berlin – Herausforderung für die Besten ihres Fachs. In der Blüte seiner Jahre trank er beidhändig, er machte nicht nur die Nächte durch, sondern auch die Tage. Er trank unmäßig. Es schien für ihn keine Grenzen zu geben. Die Menge staunte, sie applaudierte frenetisch, sie feuerte ihn an, sie vergötterte ihn.
Höhepunkt seines Säuferlebens war eine Nacht in einer New Yorker Bar im 35. Stock eines Wolkenkratzers. Whisky without the rocks, Wodka ohne alles und zum Abschluss einen Grappa, den er aus dem Aschenbecher trank. Manche tapferen Zecher, die neben ihm saßen, hielten ihn zu dieser Zeit für einen der Iren. Dann begann der Abstieg.
Sein Körper war im Hüftbereich bereits über die Ufer getreten. Magenschmerzen plagten ihn und schwerer Durchfall, der mit verheerenden Flatulenzen einherging. Durchfall? Das waren die Ruhrfestspiele. Sein spärlich möblierter Verstand begriff es zunächst nicht. Es ging hinab in ordinäre Vorstadtkneipen, üble Spelunken und feuchte Kellerlöcher, wo sich die Verdammten dieser Erde dem selbstgebrannten Fusel hingaben. Mein merlotbeseelter Geist hätte sich noch zu ganz anderen Formulierungen hinreißen lassen, wenn sein Ende nicht so furchtbar und so traurig, so furchtbar traurig gewesen wäre.
Heute lebt er wieder in seinem Dorf, aus dem er einst in die Welt hinausgezogen war, die Dorfschenke hat längst für immer ihre Pforten geschlossen und er sitzt alleine auf seinem schäbigem Bett, die Augen geschlossen, die Flasche in der Hand, ohne Hoffnung und ohne Mut, aufgedunsen, fett und hässlich. Von allen verlassen, nur von den Scheißhausfliegen nicht. Das erbarmungslose Mittagslicht lässt sein Gesicht alt und grau erscheinen. Leert Eurer Glas auf das Wohl von Armando Delatroux, liebe Freunde! Gedenket seiner, wenn Ihr eine gute Flasche öffnet!
The Beach Boys - Don't Worry Baby. https://www.youtube.com/watch?v=lW0YGC68qP4 


Schnaps-Ede, ein mobiler Anbieter in Berlin. 

3 Kommentare:

  1. Das ist eine furchtbar traurige Geschichte, die der Fortsetzung mit Happyend bedarf.

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    1. Nächstes Jahr im Kino: The Return of Romando Delatroux. Am Ende wird er auf der Wolke neben Bukowski sitzen und Manna mit Schuss trinken. Man wird Balladen dichten, die seine Heldentaten preisen :o)

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  2. Haha, mein zukünftiger Traumjob: "Noch einen Schnaps, die Herren?"

    Mein Kompliment, Herr Eberling: Bei den letzten Blog-Einträgen saß wirklich jedes Punkt und Komma (wobei es mir schwerfällt, diesem Blog ein eindeutiges Thema zuzuordnen).

    Den heutigen TV-Tipp fand ich allerdings ein wenig zu dick aufgetragen. Ich denke, der Autor schafft sich selbst lediglich etwas Luft nach oben, ehe er wieder mit unbarmherziger Perfektion zuschlägt.

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