Freitag, 5. Oktober 2018

Kulturpessimismus

„Du bist, was du liest.“ (Andy Bonetti)
Es ist gängige Münze im gutbürgerlichen Diskurs, den Verfall der Kultur zu beklagen. Es geht abwärts. Im Prinzip seit Jahrzehnten, vermutlich noch länger. Alle in der Kaminrunde nicken. Der Niedergang ist unaufhaltsam. Wer wollte da widersprechen?
Ich.
Den Bereich der Kulturgeschichte, den ich persönlich einigermaßen überblicken kann, umfasst den Zeitraum von den achtziger Jahren bis heute. Damals haben die Leute am Samstagabend eine Show mit Harald Juhnke gesehen, heute mit Joko und Klaas. Damals hat man Boney M. gehört, heute Helene Fischer. Die Masse der Bevölkerung war zu allen Zeiten so kulturfern wie im Jahr 2018. Das war doch auch zu Adenauers Zeiten oder bei Kaiser Willem nicht anders.
Was es aber über die letzten zweihundert Jahre gegeben hat, ist die Inszenierung des Bildungsbürgertums als Lordsiegelbewahrer der Hochkultur. Das eine Prozent der Bevölkerung, das ein Theaterabonnement hat, in die Oper oder in Kunstausstellungen geht. Die Zahnarztgattinnen, die im Tennisclub irgendeine unverdaute Scheiße über Precht, Sloterdijk und andere intellektuelle Minderleister nachplappern, die im Feuilleton der FAZ gestanden hat. Buchclubseligkeit und Lachshäppchen.
Diese drittklassige Show, diese absurde Oberflächlichkeit möchte ich Ihnen kurz an einem Beispiel illustrieren. 2016 war ich mit einem Redakteur von 3Sat, dem Sturmgeschütz der Kulturberichterstattung, in einer Schmidt-Rottluff-Ausstellung in Chemnitz. Mein Begleiter zückte seinen Presseausweis und stürmte in den ersten Raum. Während ich mir in Ruhe die Bilder betrachtete, fragte ich mich irgendwann, wo er abgeblieben war. Durch die geöffneten Flügeltüren sah ich ihn im zweiten Raum. Von dort stürzte er gerade weiter in den dritten Raum. Er rannte, ohne auch nur ein einziges Mal nach links und rechts zu sehen, durch den Ausstellungsraum und hatte ihn innerhalb von zehn Sekunden durchmessen. Dann verlor sich seine Spur. Am Ende – er erwartete mich ungeduldig im Foyer, ich bemerkte den vorwurfsvollen, oberlehrerhaften Blick auf die Armbanduhr – hatte er für die gesamte Ausstellung dreißig Minuten „gebraucht“, wie er sich ausdrückte. 600 Exponate in 1800 Sekunden, das sind drei Sekunden pro Gemälde, Zeichnung oder Skulptur.
Am Abend saßen wir mit ein paar Freunden in einem Wirtshaus. Der 3Sat-Mensch erzählte von der Ausstellung und anderen kulturellen „Highlights“, die er in letzter Zeit besucht hatte. So funktioniert das bürgerliche Spiel um die sogenannte Kultur. Wichtig ist, dagewesen zu sein. Haken dran, fertig. Wer es nicht mitspielen will, ist Teil des Untergangs unserer abendländischen Kultur. Ist es wirklich so schlimm um dieses Land bestellt? Oder schaut sich gerade in diesem Augenblick ein siebzehnjähriges Mädchen aus der angeblich verlorenen Generation Smartphone ein paar Bilder von Dali oder Beckmann auf ihrem Handy an?
Es gibt immer ein paar gute neue Bücher und eine Menge Schrott. Ein paar gute neue Lieder und Scheißmusik in rauen Mengen. Jede Generation hat helle Köpfe. Ich sehe keine Veränderung. In der Gesellschaft hat die Kultur ohnehin nur noch die Funktion eines Distinktionsmerkmals. Ich erkenne Mitglieder meiner Klasse an ihrer Kenntnis über aktuelle Ausstellungen und Theaterprogramme. Kunstgenuss, persönlicher Erkenntnisgewinn, neue Perspektiven? Dafür werden Sie bestenfalls mitleidig belächelt.
Mike Oldfield – In High Places. https://www.youtube.com/watch?v=AofUt0TQyf0

Kommentare:

  1. Guter Einwurf.

    Sich selbst etwas vormachen, sich selbst überschätzen.

    Die Königsdisziplin der Menschen ("Krone der Schöpfung" - selten so gelacht)

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  2. Das sich so oder so nichts ändert ist ja eine Binse und selbst bei den Nazis war 12 mal Weihnachten. Apropos, war heute im Supermarkt und hab nach Glühwein gefragt. Gab's nicht aber dafür Lebkuchen und Marzipan. Bisschen widersinnig, Vorglühen kommt doch als erstes.

    Meiner einer rennt eigentlich auch immer so durch die Ausstellungen. Halt, um das Café zu finden und zu testen. Wände anstarren war noch nie mein Metier. Wenn mal was gut ist kriegt mein Augenwinkelradar das meist (bzw. eher selten) mit. Sonst mal ich lieber selber was. Außerdem, wenn man ein Buch gelesen hat,ein Bild gesehen hat und ein Konzert gehört hat sind es netto ja tausende. Die Schöpfer bauten ja auf anderen auf.

    Am besten finde ich die Besucher. Die wissen erkennbar nicht was Sie mit dem Zeug anfangen sollen. In Zeiten des Internets schon gar nicht.

    Der ganze Kunstkonsum ist doch nur transponiertes Leben des Normalspießers in seinen Unterhaltungssektor. Von anderen bezahlt und von ihm nicht genossen. Das soll wohl eher das Schmarotzermomentum aufrechterhalten. Würde mich nicht wundern wenn so was bei den GEZ Sklaven Pflichtprogramm wäre.

    Das ganze Zeugs bringt niemanden weiter und hat auch nie jemanden weiter gebracht. Außer vielleicht als Treffpunkt krimineller Vereinigungen die davon leben anderen etwas wegzunehmen.

    Bis auf Goethe und Bonetti sind die deutschen Leseschinken auch von ergreifender Flachheit. Verglichen z.B. mit Schicksbeer ist der Rest doch Kreisklasse.

    Lesungen sind dann der größte Horror. Dort sammelt sich ein Publikum das der Meinung ist über jemand anders zu Urteilen weil Sie sich mal ein zwei Bücher von "ihrem Autor sic!" bei Tauschticket für 2 Punkte erworben haben.

    Die Ausnahme von allem - die wohl wie sonst nirgends die Regel bestätigt - ist "Hurz".

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