Dienstag, 30. Oktober 2018

Kiezneurotiker: Die blutigen Augen von Wermelskirchen

Eine Bitte: Benutzen Sie die Bloggerwelt wie eine Bücherei, nicht wie einen Kiosk. Es lohnt sich, die alten Texte zu lesen, so wie es ein Gewinn ist, die Bücher aus vergangenen Jahrhunderten zu lesen. Hier ein Text des Kiezneurotikers vom 14. Oktober 2016:
Der Borgwürfel bezahlt mich nicht nur dafür, sinnlose Vorträge vor einem sinnlosen Publikum in einem sinnlosen Gebäude zu einem sinnlosen Thema zu halten, sondern auch dafür, bei sinnlosen Meetings sinnlos rumzusitzen und sinnlose Sätze in eine sinnlose Runde voller sinnloser Menschen zu werfen.
Ein Trommelfeuer aus Sprechblasen beseiert den Raum. Hirnloses Geblubber. Unglaublich aufgeblasene Wichtigtuerei. Und ich mache voll mit. Denn sie bezahlen mir Geld, für das ich gar keinen Gegenwert liefere, denn ich sitze nur da, nippe an dem furchtbar schlechten Automatenkaffee, der mir irgendwann völlig verdient die Magenwand durchlöchern und mich auf dem ausgelatschten Büroteppich elendig verrecken lassen wird, knabbere an einem der gleichzeitig bröseligen und doch harten Kekse, die wahrscheinlich noch mit den Hugenotten in die Stadt gekommen sind und die sie schon damals bei Audienzen mit dem Preußenkönig gereicht, jedoch nie verzehrt haben. Und so blieben sie liegen. Bis ich kam. Ich komme und fresse die. Beim Meeting. Denn sonst passiert sowieso nichts. Der bis zur Stufe seiner Unfähigkeit beförderte Luftschaufler an der Spitze der Hierarchie schaufelt Wortschwälle voller Platitüden in die verbrauchte Luft eines Sitzungssaals, in dem niemand je auf die Idee kommen würde, ihn zu lüften, seine Claqueure lachen über jeden abgestandenen Altherrentortenwitz aus der untersten Schublade der Kommode für peinliche Auftritte und ein alter Senior im Herbst seines Lebens, der nur noch hier ist, weil er sich auf der ewigen Einheitsliste seit Jahren in den korrupten Betriebsrat wählen lässt, was ihn faktisch unkündbar macht, obwohl sich jeder seit Jahren fragt, was der Typ eigentlich den ganzen Tag macht, wenn er nicht gerade in sinnlosen Meetings herumsitzt. Ich mach' ja mit. Ich bring ja alles, was in solchen Meetings gebracht werden muss. Ich formuliere strategische Zielsetzungen. Meilensteine. Ausblicke. Ich kann ein Visionär sein, wenn ich will. Bla bla. Ich lächle verbindlich. Gestikuliere. Neige jovial das Haupt. Und sage nichts. Nichts. Überhaupt gar nichts. Ich spreche etwa zehn bis fünfzehn Minuten in leere Kuhgesichter und der Inhalt ist heiße Luft. Bullshitbingo. Vollkommene Scheiße. Es ist möglich, solch einen nichtssagenden Auftritt so lange zu perfektionieren, bis der Rest der buckligen Bagage nur noch dasitzt und nickt. So lange bis der nächste Inkompetenzweltmeister ein Trommelfeuer voller Sprechblasen absondert. Und dann nicke ich. Mit ausdruckslosem Kuhgesicht. Und raus kommt nix. Nix. Nie. Ich weiß auch nach Jahren immer noch nicht, welchen Sinn der Scheißdreck ergeben soll. Wahrscheinlich ist das nur so eine perverse Form von Socialising. Sich gegenseitig die Läuse aus dem Fell pulen. So eine Gemeinschaftskacke. Alle in einem Boot. Scheißkaffee saufen und Dreckskekse fressen. Und Müll erzählen. Vor allem Müll erzählen. Stundenlangen Müll. Verbales Läusepulen, wobei die Läuse der Müll sind, der aus den Mündern derer quillt, die Zeit stehlen. Zeit dehnen. Zeit auffressen. Wir fristen ein sinnloses Dasein in Gegenwart der anderen sinnlosen Quasselfürsten, wofür uns irgendwer auch noch bezahlt. Cluster. Milestone. Benchmark. Mein Hirn schmilzt. "Der Pawlowski hat den Auftrag gefangen. Frankfurt. Morgen geht's los." "Der Pawlowski, sehr gut." "Sagen Sie, fickt der nicht mit der Praktikantin aus dem Lager?" "Nee, das ist der Heller, der notgeile Sack." "Ah, stimmt. Mit wem fickt dann der Pawlowski?" "Mit der Chefsekretärin, weil er denkt, das bringt Vorteile." "Kann er vergessen. Bringt nix." "Stimmt, bringt nix." DAS wären mal Gespräche. Darüber sollte mal ein Meeting abgehalten werden. Wer wen fickt. Aber das geht ja nicht. Das hätte ja Inhalt. Und Inhalte gehen nun wirklich nicht. Nicht beim Meeting.
Led Zeppelin - Whole Lotta Love. https://www.youtube.com/watch?v=HQmmM_qwG4k

7 Kommentare:

  1. Der Kiezneurotiker nahm kein Blatt vorm Mund.
    Die Leutz passen sich schon freiwillig dem Zeitgeist an.
    Mal schauen wie lange das noch geht?

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    1. Die Blogs sind so unbedeutend, dass es sie noch lange geben wird. Das Kabarett gibt's ja auch. Alle nicken und klatschen, wenn Systemkritik geäußert wird, aber kein Zuschauer ändert was an seinem Leben. Wer keinen Einfluss hat, darf ruhig schimpfen.

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    2. "Das System" erscheint mir unbesiegbar: Alles dient dazu, den Volkszorn zu kanalisieren, verpuffen zu lassen oder sonstwie abzulenken. Ich wüsste nicht einmal, wohin der Zorn zu tragen wäre. Auf die Straße?
      Die Leute wolln es gar nicht anders, scheint mir. Niemand darf gezwungen werden, seine Komfortzone zu verlassen. Selbst der ärmste Hartzer kann sein Leben fristen auf der Couch, bei RTL und Discount-Ramsch. War das jetzt ein Vorurteil? Ich hoffe nicht. So war es nämlich nicht gemeint.
      Vielleicht wird's Zeit, diesen Betrieb zu ignorieren. Wozu seine Zeit verschwenden, um ihn zu verstehen, wenn nicht allein zur Unterhaltung? Ist nicht Erkenntnis selbst schon ein Gewinn?
      Wahl-Erfolgs-Parole scheint zu sein: Versprecht ihnen, was sie hören wollen, und sie wählen euch. Grundsatz-Diskussionen führen nicht zu Wähler-Stimmen.

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  2. Frage an Bonetti,:
    Gibt es etwas Vergleichbares in Buchform ?
    Einen Autor, der so was mal gebracht hat ?
    Mich hat der Neurotiker immer fasziniert, weil er so einzigartig war mit seiner Schilderung der Büro/Arbeitswelt.

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    1. Nein. Das Problem ist ja, dass die Kabarettisten und Comedians alle nicht im Büro arbeiten. Es gibt deswegen auch keine lustigen Bücher über das Leben auf der Baustelle.

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    2. Mir fiele höchstens (Charles) Bukowski ein. Der schrieb zwar nicht über unsere heutige Bürowelt, nahm aber auch die Arbeitswelt aufs Korn und kein Blatt vor den Mund.

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  3. Na ja....lustig !
    Es ist ein hauen und stechen, wegducken und Granaten schmeißen.
    Es macht die Leute krank und die Gesellschaft irre.
    Schau einfach in die Autos rein, vorzugsweise Audi/BMW/Daimler und in die Gesichter der Typen, die hinter den Lenkrädern sitzen. Oder wie die reagieren, wenn Sie am Wochenende mal auf dem Mountainbike sitzen und durch den Wald stressen. Ich mit Hunden, die mit dem Messer zwischen den Zähnen. Das es da noch keine Schläge gab ist ein Wunder.
    Die Leute sind am Ende ihrer mentalen Leistungsfähigkeit angelangt.
    Ich kann/konnte mich rausnehmen und lasse es auslaufen........
    Kohle ? / "Verantwortung" ? / Gestallten ? Ha Ha Ha

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