Montag, 1. Oktober 2018

Die geheimnisvolle Französin, deren Namen ich nie erfahren habe

„Die Hoffnung ist das Seil, auf dem uns der Teufel tanzen lässt.“ (Johnny Malta)
Du bist vierzehn. Schweppenhausen. Heute ist die erste Party deines Lebens. Vorher warst du nur auf Kindergeburtstagen.
Volker wohnt im Haus schräg gegenüber. Er ist im vergangenen Jahr eingezogen. Seine Mutter hat deinen Vater angesprochen, ob du nicht mal zum Spielen rüberkommen möchtest. Jetzt seid ihr Freunde. Dein erster Kumpel in Schweppenhausen. Du bist vor zwei Jahren hierher gezogen.
Schüleraustausch. Franzosen. Sie stehen auf der einen Seite des Raums. Vor allem die Französinnen. Die Deutschen stehen auf der anderen Seite des Raums. Volker hat Musik aufgelegt und das Licht ausgemacht. Nur die Lichtorgel, drei bunte Glühbirnen, die nach einem rätselhaften Prinzip an- und ausgehen, wirft ein gespenstisches Licht an die Wand. Die Musik, Volker ist Status Quo-Fan, und das Licht lassen den etwa fünfzehn Quadratmeter großen Raum viel größer erscheinen.
Du hast dein coolstes Sweatshirt an. Dunkelblau mit einem weißen Tigerkopf drauf. Cooler geht es nicht mehr. Cooler als heute wirst du nie wieder sein. Seit einem Jahr kannst du rauchen, ohne zu husten. Du trinkst Bier und weißt, dass du zwei oder drei Flaschen vertragen kannst. Du stehst mit ein paar anderen Jungs aus Schweppenhausen in einer Ecke und ihr redet irgendwas. Wichtig ist, dabei optisch einen guten bis sehr guten Eindruck zu machen. Lässiges Lachen, Kippe im Mundwinkel, die niedlichen Französinnen im Auge.
Du hast seit zwei Jahren Französischunterricht, aber du sprichst natürlich kein einziges Wort. Außer vielleicht Bonjour und Baguette. Du bist meilenweit davon entfernt, jemals in deinem Leben ein Mädchen anzusprechen. Aber du hast die erste Flasche Zaubertrank intus. Mut hat einen Namen: Alkohol. Die Mädchen sind mutiger. Die ersten von ihnen tanzen in der Mitte des Zimmers.
Dann kommt der Moment. Jetzt kann sich dein Leben verändern. Du bist an einer Weggabelung des Schicksals angelangt. Hier entscheidet sich alles weitere bis zu deinem Todestag. Volker legt Blues auf. Einige Jungs, hauptsächlich Franzosen, fordern Mädchen zum Tanz auf. Eng umschlungen. Körperkontakt. Alter Finne!
Du gehst auf eine kleine Französin mit schwarzen Haaren zu. Ein süßes Gesicht. Du sagst gar nichts, du lächelst sie einfach an und machst eine linkische Geste in Richtung Zimmermitte. Sie kommt tatsächlich mit. Du tanzt deinen ersten Blues und hast ein Mädchen in den Armen. Du darfst es nicht vermasseln, denkst du dir.
Aber du vermasselst es natürlich. Du bist nervös und drehst dich mit ihr viel zu schnell. Die Feiglinge um dich herum, die erst gar kein Mädchen angesprochen haben, grinsen höhnisch. Vor lauter Schiss drehst du dich immer schneller. Als es vorbei ist, geht die Französin wieder zu ihren Freundinnen. Du gehst zurück zu deinen Kumpels. Du siehst die Mädchen tuscheln und kichern, während sie dich anschauen. Du bist eine Witzblattfigur. Du bringst es einfach nicht.
Du bist vierzehn. Und du weißt jetzt schon, dass es immer so sein wird. Du wirst es nicht bringen, Charlie Brown.
2018. Schweppenhausen. Seither ist nicht mehr viel passiert. Ich hasse Blues.
Dana – Fairy Tale. https://www.youtube.com/watch?v=hdrdUDIrOhU

Kommentare:

  1. Der Blues kann doch nichts dafür, das Du dich immer zu schnell für diese Welt und die Weiber drehst...

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  2. Sei doch froh. Aus niedlichen Mädchen werden Frauen und die haben in den seltensten Fällen dein wohlergehen im Sinn.

    Wenn ich mir so anschaue was aus den ganzen Womanizern so geworden ist kann ich nur dankbar sein das mich dieses Geschlecht abgesehen von schönen Stunden wenig interessiert. Es gibt imo nur wenig was Männer mehr überbewerten und nichts wo sie mehr in einer gnadenlosen Konkurrenz stehen.

    Hinter mir, bevor da jetzt was falsches aufkommt, waren die übrigens fast alle hinterher, keine Ahnung wieso. Das hat meine lieben Kumpels - die in dieser Beziehung alles andere als Kumpels waren - zur Weißglut getrieben. hab mich da immer raus gehalten, ist mir zu primitiv. Hab auch mal! den kürzeren gezogen, aber bei denen kann ich noch heute den Göttern dankbar sein das Sie mich vor diesen "niedlichen" verschont haben und andere geopfert wurden. Die Dramen laufen teilweise bis heute.

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    1. Ich habe Al Bundys Ratschlag immer beherzigt: Heirate nie! Da ist mir viel Leid erspart geblieben. Und einige schöne Erinnerungen habe ich ja durchaus im Portfolio.

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  3. Also ich find die Einführung der Homoehe nur konsequent. Standesbeamte und Hochzeitsindustrie wollen ja auch von was leben. Für Heteros (m) macht Sie keinen Sinn mehr.

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