Samstag, 22. September 2018

Raus mit der Sprache - der große Literatur-Check

„Öffnen Sie das Buch auf Seite 99, und die Qualität des Ganzen wird sich Ihnen offenbaren.“ (Ford Madox Ford)
Gesagt, getan. Ich greife zufällig zwei Werke der Weltliteratur aus dem Regal. Zunächst „Weißer Wedding“ von einem gewissen Matthias Eberling. Es handelt sich um einen Kriminalroman. Auf der ganzen Seite 99 begleiten wir eine Nebenfigur bei einem Spaziergang durch Berlin.
„Am Dokumentationszentrum Berliner Mauer standen schon die Gruppen amerikanischer, japanischer und europäischer Touristen. Bellawitz war aufgefallen, dass immer mehr Inder und Chinesen unter den Besuchern des langen Mauerstücks samt alter Grenzanlage waren. Die Chinesen unterschieden sich von den Japanern durch Kleidung und Schuhe. Er hatte den Eindruck, als lebten die Chinesen noch in den siebziger Jahren. Man fühlte sich als Mensch des 21. Jahrhunderts ja schon allein durch seine Frisur kulturell überlegen, wenn man sich den Stil vergangener Zeiten ansah. Axel Bellawitz trug die Haare extrem kurz, hatte einen schwarzen Kapuzenpullover an und darüber einen langen abgewetzten Ledermantel. Am schlimmsten waren in seinen Augen die Amerikaner: Oberflächliche Menschen, die alles mit der gleichen aufgesetzten Heiterkeit hinnahmen, ob es eine Gedenkstätte oder eine Frittenbude war. Das gruselige Grinsen eines Volkes, das mit dem Schwert in der Hand den globalen Konzern-Imperialismus durchsetzte und sich selbst auch noch für auserwählt hielt.“
Keine Handlung, kein Dialog, die der Erzählung eine Dynamik verleihen könnten. Kein Verbrechen, keine Ermittlung, nichts. Geplauder, wie wir es aus „Blogstuff 1 - 1000“ kennen. Bonmots, Ami-Bashing, ganz gefällig, gewiss, aber nach der Lektüre dieser Seite hätte ich das Buch nicht gekauft. Wo ist die Action? Wo ist die Spannung?
Das zweite Buch heißt „Der Mann ohne Eigenschaften“ und ist von Robert Musil. Auf Seite 99 wird über das Verhältnis von Religion und Ökonomie monologisiert. Kein Absatz, keine wörtliche Rede, keine Handlung. Es geht um die „Erkenntnis, dass sich heute der Geist in vielem der Bevormundung durch die Kirche entzogen habe.“ Langweilig. Würde ich auch nicht kaufen, wenn ich nur diese eine Seite gelesen hätte.
Wer ist eigentlich dieser Ford Madox Ford? Muss man den Typen kennen? Was hat er denn geschrieben? Auf Deutsch gibt es nur noch „Das Ende der Paraden“, vier Bände über den Ersten Weltkrieg. Was steht auf Seite 99?
The Marmalade – Reflections Of My Life. https://www.youtube.com/watch?v=xTeI65yrhGw

Der Wedding - die Seite 99 von Berlin.

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