Donnerstag, 20. September 2018

Mungolesien – ein literarisches Experiment

Mungolesien, ein weit außerhalb Europas gelegenes Land, dessen Unabhängigkeitserklärung im Windschatten bedeutender historischer Ereignisse nahezu unbemerkt geblieben ist, darf mit Fug und Recht als Terra incognita der Literatur bezeichnet werden. Ich habe mich vor einigen Monaten an diesen pittoresken Ort abseits der touristischen Ameisenpfade begeben, um Mungolesien mit einem gewaltigen publizistischen Schlag in die Weltöffentlichkeit zu katapultieren. Kein Problem für Andy Bonetti, den amtierenden Literaturweltmeister im Schwergewicht.
Tag 1: Ankunft auf dem Flughafen von Buramati, der Hauptstadt des Landes. Anstandslos wird mein dreimonatiges Aufenthaltsvisum abgestempelt und ich besteige den Bus nach Togulanga, einer kleinen Provinzstadt am Rande der Wüste, in der ich meinen großen Mungolesien-Roman schreiben möchte.
Tag 7: Nach einigen Tagen im besten Hotel von Togulanga, das etwa den Standard einer deutschen Jugendherberge der Adenauerzeit hat, finde ich eine kleine Wohnung, die ich für die nächsten Monate miete. In einem Kaufhaus erwerbe ich ein Bett nebst Matratze, einen Schreibtisch, einen Stuhl und einen Kühlschrank. Alles wird mir am nächsten Tag mit einem Pferdefuhrwerk angeliefert.
Tag 18: Die Verständigung mit den Einheimischen fällt schwer. Nur in der Hauptstadt des Landes wird Englisch gesprochen. Die Menschen in Togulanga sprechen ihren eigenen Indianerdialekt. Der nächste Lebensmittelladen ist etwa zehn Minuten zu Fuß entfernt. Das hiesige Brot ist zwar aus Getreide, aber flach und bretthart. Backhefe scheint es in diesem Land nicht zu geben. Frisches Fleisch gibt es hauptsächlich in Form von Gürteltieren und Schlangen.
Tag 34: Inzwischen zermürben mich die Stromausfälle und Unterbrechungen der Wasserversorgung. Jeden Tag gibt es ein anderes Problem. Auch der Nachschub an Wein und Bier ist in Togulanga unregelmäßig. Ich trinke abends und manchmal auch schon am späten Vormittag Babalua, einen starken mungolesischen Schnaps, der aus Brombeeren und Makrelen hergestellt wird.
Tag 47: Was mich bei meiner Arbeit am meisten stört, sind die vielen Tierstimmen. Der Hahn kräht praktisch den ganzen Tag und bisweilen auch bei Nacht. Dazu das nervtötende Hundegebell und die bescheuerten Esel. Wenn es mal leise ist, fängt todsicher irgendwo ein Radio mit seinem Gedudel an. Mungolesische Volksmusik – ich hasse sie. Am Abend gehe ich in ein Restaurant. Es wird nur ein einziges Hauptgericht angeboten: Gürteltier à la chef. Dazu Babalua mit Fanta, Bafa genannt.
Tag 65: Die Menschen, über die ich schreiben möchte, entpuppen sich als extrem langweilig. „Ist doch schön hier“ oder „Morgen ist auch noch ein Tag“ sind ihre Standardsprüche. Sie wissen nichts über ihre Geschichte und über die aktuelle politische Lage, die ich als kritisch bezeichnen würde. Die Umweltprobleme an der Küste des Landes sind ihnen egal. Dauernd erzählen sie von Hochzeiten und der Falumbatschi-Meisterschaft. Falumbatschi ist der Volkssport in diesem Land. Jemand wirft eine Holzkugel in den Wald und zwei Mannschaften müssen sie suchen. Einer Hälfe der beiden Mannschaften sind die Augen verbunden, einer Hälfte sind die Hände gefesselt.
Tag 83: Ich habe etwa zehn Seiten geschrieben. Durchfall und Hautausschläge zermürben mich. Dazu die Hitze und die Mücken. Ich kann kein Gürteltier mehr sehen. Im Prinzip habe ich immer noch keinen Kontakt zur Bevölkerung. Möglicherweise isolieren mich meine regelmäßigen Wutausbrüche. Nur noch wenige Tage und ich kann den vor Monaten gebuchten Rückflug antreten. Ich werde nie wieder über den Hunsrück schimpfen. Das gelobe ich hoch und heilig.
Charlie Barnet – Skyliner. https://www.youtube.com/watch?v=lsDXnYKkdqw

P.S.: Zu diesem Text hat mich das Online-Tagebuch eines treuen Lesers inspiriert, der nach Paraguay ausgewandert ist.
https://heimistagebuch.com/

4 Kommentare:

  1. Wow, was für eine Kombi: Makrele mit Brombeeren.
    Leider steht im Rezept nicht, ob frische Makrele oder geräuchert.

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    1. Die Makrelen werden 24 Stunden in einer Mischung aus Schiffsdiesel und Brennnesselsaft mariniert. Danach presst man sie durch einen grünen Strumpf in die Flasche.

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  2. Bei Mungonesien musste ich sofort an "The Tanzdiele - Folgt den Führern" denken. "Rapdengo Mungo. Hau!" EBM, u.a. mit Piet Klocke, 1981. "Ein Klassiker der Bundesrepublikanischen Musikgeschichte."

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  3. Paraguay oder auch Thailand, oder ...

    Das schlimmste auf der Welt sind die Menschen, sie machen jeden noch so angenehm scheinenden Ort sofort kaputt, entweder durch irgendetwas "machen" oder enfach gar nix machen.

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