Sonntag, 9. September 2018

Helmut

Es wird Zeit, an dieser Stelle an den größten Wirt der Geschichte, zumindest meiner Geschichte, zu erinnern: Helmut, Herr über die Zapfhähne und ein Dutzend Tische im Pony Express direkt gegenüber dem Bahnhof.
Downtown Ingelheim. Eine Kleinstadt in der rheinhessischen Pampa, Ende der siebziger Jahre. Das Internet war noch nicht erfunden und niemand kannte die Welt da draußen. Helmut war der erste Gastronom in der Stadt, der uns den gelobten Hamburger nahebrachte. Einen unglaublich guten Hamburger, mit dem er verhinderte, dass wir jungen Menschen von amerikanischen Fastfoodketten abhängig wurden wie viele verlorene Seelen unserer Generation.
Aber er hatte noch andere phantastische Ideen. Wir kannten auch keine Pizza. Helmut hat sie für uns gebacken. Er hatte noch einen anderen total verrückten Einfall. Er hat sie in sechs Teile geschnitten, damit man sie freihändig und ohne Besteck essen konnte. Und jetzt halten sie sich fest. Es ist eine wahre Geschichte – oder der Blitz soll mich treffen. Wenn man eine Pizza bestellte, kam auch eine kleine Flasche mit einem geheimnisvollen Stoff namens „Tabasco“ an den Tisch. Niemand hatte je davon gehört. Auch gebürtige Italiener zuckten ratlos mit den Schultern. Ist das nicht voll crazy? Heute kennt jeder Tabasco zur Pizza. Damals war es eine Weltsensation.
Aber der größte Hammer kommt zum Schluss. Helmut hatte sich für die runde Pizza viereckige Pappkartons besorgt. Auf dem Deckel war ein grinsendes Pony abgebildet, dass den Kopf aus einer Lokomotive reckte. Wissen Sie, was man damals – quasi über Nacht – plötzlich in meinem verschlafenen Drecksnest machen konnte? Da kommen Sie nie drauf. Sie konnten beim Pony Express anrufen und eine Pizza bestellen. Dann kamen Sie einfach vorbei, nahmen die Pizza mit und haben ZUHAUSE Pizza gegessen. Ich fasse mir noch heute ungläubig an den Kopf. Pizza to go – zu einer Zeit, als jeder anständige Mensch noch lange Haare hatte und Zappa hörte, während er mit einem Freak Brothers-Comic auf dem Klo saß.
Wir wurden damals mit einer Rakete in die moderne Welt geschossen. Helmut war ein Visionär, ein Genie. Heute lebt Ingelheims Legende nördlich von Berlin an einem See und genießt den wohlverdienten Ruhestand in seiner friedlichen Idylle. Oder hat er schon wieder eine brandneue Idee, mit der er seine vielen Fans rund um den Globus begeistern wird?
P.S.: Helmut war auch ein Magier im Bereich Human Resources, bevor es diesen Begriff überhaupt gab. Im Pony hatte er die besten Mitarbeiterinnen der Welt versammelt. Sie alle haben bis heute einen Platz in meinem Herzen. Ich war sicher nicht immer der perfekte Gast. Manchmal pleite, oft betrunken, gelegentlich orientierungslos, immer rotzfrech. Danke an Helmut & sein Team für viele Jahre Gastfreundschaft.
Fleetwood Mac – Man Of The World. https://www.youtube.com/watch?v=OJWOtL-PZiE

Der Bahnhofsvorplatz in den siebziger Jahren mit dem legendären Pommespilz - Helmuts Oase ist nicht weit entfernt ...

14 Kommentare:

  1. Vielen Dank für diesen wunderschönen und einfühlsamen Artikel über meinen lieben Freund und sicherlich auch besten Wirt meiner Geschichte.

    Viele Grüße aus den West Kootenays in den Hunsrück!
    Ray (a.k.a. Dieter) Borns
    Glade, British Columbia
    Canada

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    1. Viele Grüße nach B.C. Ein Freund war diesen Sommer mit seiner Familie da, tolle Ecke, die du dir da ausgesucht hast :o)

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  2. Naja. So ganz stimmt das nicht. 1972 gab es schon Pizza to go. 1974 kamen die Hamburger dazu.

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    1. Meinst du in Ingelheim oder im Rhein-Main-Gebiet insgesamt?

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  3. Ja. Genau so war das. Und die Boehringerunterführung war der Weg nach Hause; mitten durchs Werksgelände; damals noch alles zugänglich - mit dem Fahhrad oder zu Fuß und 2-3 Promille im Kopf. Später, dann mit 18, musste man aufpassen denn dort standen gerne die Bullen ... :-) Aber meistens waren wir gut informiert. UND DAS OHNE INTERNET. Grüße von Björn

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    1. Hi Björn, war auch mein Heimweg. 1,5 Kilometer bis zur Unteren Muhl 1. Später mit dem Auto. Heroische Selbstexperimente haben ergeben, dass die vier Henninger Export, die man im Pony für exakt zehn DM tanken konnte, bei der Polizeikontrolle exakt 0,8 Promille ergaben. Fazit: Autoschlüssel abgeben, aber nicht den Führerschein. Nach Hause laufen und am nächsten Tag in die Bahnhofsstraße, um die Autoschlüssel abzuholen (kostenfrei).

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    2. Den Weg nach Ingelheim West hatten wir alle gemeinsam, auch vom Club.
      Grüße Detlef

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    3. Mit einigem der Mitarbeiterinnen habe ich heute noch engen Kontakt, mit einer war ich sogar verheiratet:)

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    4. Ja, das war auch unser Schulweg zum Gymnasium. Auf dem Werksgelände von Boehringer gab es auch einen Kiosk. Wenn man durch das Gelände fuhr, quoll meistens Rauch aus den Gullydeckeln, und es roch nach aufgebackenen Brötchen.
      Gruß
      Dirk

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    5. Ich habe ja in der Unteren Muhl in Sichtweite der "Firma" gewohnt. Da hat's manchmal nach Schwefel oder Fisch gestunken, da konnte ich kein Fenster aufmachen :o)

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  4. Großartiger Artikel! Helmut, die Legende. Beste Kneipe forever: Ponyhof Laurenziberg!

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    1. Das war der sonntagsspaziergang von Ingelheim aus.

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  5. Großartiger Artikel! Bester Wirt aller Zeiten, beste Kneipe aller Zeiten: Ponyhof Laurenziberg!

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    1. Ja, ich bin dankbar für alles was ich erleben durfte. Meine Kneipen waren ein schönes Experimentierfeld des wahren Lebens. Man bedenke, ohne Internet und ohne Handy.
      Finanziell allerdings, war es ein Desaster. FA. Hoch und Tief.
      Aber auch das gehört zum Real live. Mein heutiger Reichtum, ist, das ich noch Lebe und mich ganz gut vor den staatlichen Rentnerkillern schützen kann.
      Ich habe das Gefühl das dieser Staat speziell bei seinen eigenen Bürgern peinlich pinkelisch ist. Bei einer Grundsicherung von 425€.
      Also,ich bin dankbar, aber es schmerzt, wenn man die Milliarden Verschwendung sieht!
      Namaste

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