Freitag, 14. September 2018

Besorgte Bürger im Dialog

Als der Teufel aus dem Himmel verstoßen wurde und auf die Erde kam, begann er sogleich sein Werk. Er flüsterte den Menschen Angst und Hass, Neid und Missgunst ein. Daran mästete sich der Fürst der Finsternis und so wurde er groß und mächtig. Nachdem er genügend Hass und Angst und all die anderen schönen Sachen gefressen hatte, musste er scheißen. Und seine Scheiße war pures Gold. Damit der Hass niemals aufhört, verteilte er das Gold unter den Menschen, aber nicht zu gleichen Teilen. Deswegen findet der Teufel immer genug Nahrung.
Im Abteil sitzt Hans-Jürgen Demant aus Bad Reichenhall. Er hat zwei kuppelförmige Backen, zwischen denen ein spitzes Näschen und ein kirschroter Mund, der wie zum Pfeifen gespitzt wirkt, eingequetscht sind. Die Wimpern um seine hellen Augen sind fast so weiß wie bei einem Hausschwein. Sein angeschwollener Leib, eingepackt in einen dunkelgrauen Anzug, verleiht ihm den Anschein einer geradezu eunuchenhaften Harmlosigkeit.
Ihm gegenüber sitzt Sandro Schwanitz aus der Senfmetropole Bautzen. Der kleine Mann hat einen zerknitterten, himbeerfarbenen, verschwitzten Kopf und wirkt, als sei er erst vor wenigen Stunden unter großen Mühen in diese Welt gepresst worden. Der faszinierend langweilige Frührentner trägt eine dunkelbraune Kunstlederjacke und hat seinen kleinen Hut auf die Ablage gelegt.
„Ich habe gerade meine Schwester in Berlin besucht. Ein Wahnsinn. Da bekommen Sie unter zehn Euro kalt pro Quadratmeter keine Bude mehr.“ Herr Schwanitz redet sich schnell in Rage. Von der Erhöhung der Ticketpreise durch die Bahn sind sie schnell auf den Wohnungsmarkt gekommen.
„Ich wohne zum Glück auf dem Land“. Herr Demant lächelt milde.
„Bei uns in Sachsen ist es auch nicht so schlimm. Aber jetzt sollen im Erdgeschoss Iraker einziehen. Stellen Sie sich das mal vor! Iraker.“
Herr Demant schüttelt bedauernd den Kopf. „Damit verliert eine Immobilie ja schlagartig an Wert. Wie schnell ist heute ein Straßenzug gekippt, wenn sich zu viele Ausländer dort ansiedeln. Der Markt ist in dieser Hinsicht gnadenlos.“
Für ihn als Villenbesitzer und Immobilienmakler sind die Mieter im Grunde genommen ein eigenes Volk, über dessen aufrührerischen und zänkischen Charakter er sich keinen Illusionen hingibt. Aber er freut sich letztlich über den Zuzug osteuropäischer, arabischer und afrikanischer Menschen, deren Nachfrage nach Wohnraum die Mieten und Immobilienpreise in den Großstädten durch die Decke treiben.
Herr Schwanitz ist Mieter. Er kennt die Immobilienpreise in Bautzen nicht. „Die Asylbewerber bekommen ja beim Einzug drei Elektrogeräte geschenkt. Einen Herd, einen Kühlschrank und eine Waschmaschine. Das weiß ich von einem Nachbarn, der ist Elektriker. Ich habe es also quasi aus erster Hand. Und alles von unserem Steuergeld.“
Herr Demant hebt nur die Augenbrauen. „Hören Sie mir auf mit den Steuern! Es ist sowieso alles weg, egal wie viel wir zahlen. Auf diesen Staat können wir uns nicht mehr verlassen.“
Für ihn ist dieser Sachse mit seinem schrecklichen Akzent nur ein Rätsel aus ferner Vergangenheit, wie alle Ostdeutschen. Ein Rätsel, dessen Entschlüsselung ihn längst nicht mehr interessiert. Ständig geht es um Ausländer. In seinem Viertel in Bad Reichenhall gibt es Fremde nur in Form von Dienstpersonal. Er hat keine Probleme mit türkischen Putzfrauen, polnischen Gärtnern und italienischen Kellnern. Demant hat sich in Berlin eine Mietskaserne aus der Gründerzeit angesehen und ärgert sich immer noch über die Preisvorstellungen des Verkäufers. 5000 Euro pro Quadratmeter für diese Lage. Wedding. Die Heizungsanlage ist zwanzig Jahre alt, die Fassade altersgrau und rissig. Lächerlich. Das Geschäft kommt für ihn nicht in Frage.
„Wir sind nicht mehr zu retten“, murmelt Herr Schwanitz und blickt wehmütig aus dem Fenster.
In Fulda steigen zwei Marokkaner zu.
Die beiden Deutschen schweigen bis Frankfurt.
Endhaltestelle.
Baaba Maal & Mansour Seck: Muudo Hormo. https://www.youtube.com/watch?v=GyAZ9sPX0F4

Die Deutschen sind unzufrieden.

Kommentare:

  1. Korrekte Bildunterschrift: Wir müssen den Gürtel enger Schnallen.

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  2. Und wieder Grammatik lernen

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