Mittwoch, 11. Juli 2018

Das Bücherregal

Montagvormittag. Sommerferien. Baumarkt. Wenn Sie dann noch am Info-Schalter stehen, sind Sie am einsamsten Ort des Universums. Und genau dort habe ich Laura kennengelernt.
In meiner Dachgeschosswohnung stand die Hitze schon um zehn Uhr morgens. Also bin ich gegangen. Vor den Kühlschränken im Supermarkt kann man höchstens eine Viertelstunde herumlungern. Dann bohren sich die misstrauischen Blicke der Verkäuferinnen in deinen Rücken. Wie oft kann man die gläsernen Türen und Truhen öffnen, ohne etwas zu kaufen?
Im Baumarkt war es kühl und still wie in einer Kathedrale. Ich schloss die Augen und genoss die Ruhe.
„Können Sie mir helfen?“ hatte sie mich gefragt.
Ich drehte mich ungläubig nach links und rechts um. „Meinen Sie mich?“
Sie lächelte mich an. Tolle Zähne. „Sind alle Mitarbeiter bei Bauhaus Spaßvögel?“
Ich verstand nicht gleich. Sie deutete auf meine Brust.
Ach ja, dieses Retro-Shirt. Achtziger Jahre. Bauhaus. Auf dem Bild war der Schatten einer riesigen Fledermaus zu sehen. Darunter stand „Bela Lugosi’s Dead“.
Was soll’s, dachte ich. „Mein Name ist Lugosi. Wie kann ich Ihnen helfen?“
„Ich möchte mir ein Bücherregal bauen.“
„Warum gehen Sie nicht einfach zu IKEA und kaufen sich eins?“
Ihr Lächeln verschwand augenblicklich. „Das können Sie besser“, sagte sie leise.
„Tut mir leid.“ Ich blickte schuldbewusst auf den Boden und dann direkt in ihre Augen. „Haben Sie die Maße?“
Sie holte einen Zettel aus ihrer Hosentasche. „Es ist etwas kompliziert. Ich will es um ein Fenster herum bauen. Und es soll nicht aus billigen Spanplatten sein. Ich dachte an Buchenholz.“
„Dann gehen wir zunächst mal in die Holzabteilung“. Ich hatte keinen Schimmer, in welche Richtung wir gehen sollten. Die Gänge waren endlos.
„Waren Sie denn schon einmal hier?“ fragte ich sie.
„Nein, ich war noch nie in einem Baumarkt. Ich bin gerade hierher gezogen und richte meine erste Wohnung ein.“
Wir gingen eine Weile nebeneinander her. Sie hatte kurze dunkle Haare und sehr schöne kleine Ohren. Elegant, schmal, flach. Ich finde, die Ohren einer Frau sind sehr wichtig.
„Waren da nicht eben Bretter?“ fragte sie mich.
„Oh … ja. Vielleicht sollten wir …“
„Ist das Ihr erster Tag?“
„Ja“, log ich tapfer. „Es ist gar nicht so einfach in so einem riesigen Markt.“
Es dauerte eine halbe Stunde, bis wir alles zusammen hatten. Ich begleitete sie zur Kasse und half ihr, die Sachen ins Auto zu laden.
Am Abend kam ich bei ihr vorbei. Wir fingen an, das Regal zusammenzubauen. Ich habe keine Ahnung von diesen Dingen. Laura auch nicht. Wir sind an diesem Tag nicht fertig geworden, aber es war uns egal.
Vielleicht verstehen wir uns deswegen so gut. Wir haben uns am einsamsten Ort des Universums kennengelernt. Ich finde, das ist ein gutes Zeichen.
Bauhaus - Bela Lugosi's Dead. https://www.youtube.com/watch?v=OKRJfIPiJGY

Kommentare:

  1. Wir sind an diesem Tag nicht fertig geworden, aber es war uns regal. ;-)

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  2. Eine tolle Geschichte. Die erste Passage kann ich nur bestätigen, weil bei uns just Sommerferien sind. Und: Es muss ja nicht immer wieder das Internet sein, um sich kennenzulernen!

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