Samstag, 2. Juni 2018

Die Toilettenschüsseln bedeutender Männer


Blogstuff 216
„Das Gedächtnis glaubt, ehe das Wissen sich erinnert.“ (William Faulkner: Licht im August)
Es heißt, Frauen könnten nachts im Tiefschlaf noch das kleinste Kinderwimmern hören. Ich höre, während ich im dritten Stock vor dem Fernseher sitze, wie eine Autotür vor dem Haus zugeschlagen wird. An der hastigen Art des Zuschlagens, an der Lautstärke und am Klang der Autotür, die auf ein billiges Modell hinweist, das in unserem Viertel nicht üblich ist, erkenne ich, dass meine Pizza geliefert wird. Gelassen bewege ich mich zur Wohnungstür, so wie der Lieferant sich zur Haustür bewegt. Als es klingelt, bin ich gerade an der Tür angekommen, um den elektrischen Öffner zu aktivieren. Nach Jahrzehnten der Pizzabestellungen habe ich eine Fähigkeit entwickelt, die vermutlich in die DNA folgender Generationen eingehen wird. Gäste sind immer ganz erstaunt. Hat der Mann seherische Fähigkeiten? Er geht aus dem Wohnzimmer in Richtung Tür, bevor es überhaupt geklingelt hat. Ich salbadere dann gerne, dass den Menschen diese besondere Verbindung zum Universum verloren gegangen sei, das Gespür, der Instinkt oder der Glaube fehle einfach.
Traum: Ich bin in einem Museum, in der Mitte des Saals ist ein Modell aufgebaut. Es heißt „Die Gesellschaft“. Auf der herrlichen Dachterrasse voller Blumen, sorgfältig manikürter Buchsbäume und Palmen ist das Penthouse „Sommer“. Eine schöne Frau mit einer Goldkette und Diamantringen liegt in der Sonne, die lachenden Kinder spielen mit dem Hund. In den Zimmern sieht man Luxusmöbel, teure Gemälde und Hightech-Equipment. Darunter ist der erste Stock „Frühling“. Die Menschen tragen bunte, aber billige Klamotten. Die Möbel sind neu, aber es ist alles Plunder von IKEA oder der Poco-Domäne. Die Kinder liegen vor dem Fernseher. Im Erdgeschoss „Herbst“ sind man vergrämte Menschen in zerschlissenen grauen Hosen und Hemden. Die Möbel sind alt und vergammelt, Tapetenmuster aus den Siebzigern, Röhrenfernseher, nackte Glühbirnen baumeln von der Decke. Durch kleine verstaubte Fenster sieht man ins Kellergeschoss „Winter“. Dort sitzen zitternde Menschen in Lumpen vor einem kalten Ofen. Hier gibt es weder Möbel noch Fernseher.
TV-Tipp: „El Heinz“, saarländisches Kampfkunstepos, 20:15, SWR.
Hätten Sie’s gewusst? Jutta Gelbfisch und Max Jeschke aus der Rübenstraße in Moabit wurden unter dem Namen „Sigrid & Kai“ als Tierbändiger (weiße Pudel) in Las Vegas berühmt.
Ich kenne drei Logos mit einem roten Stern: San Pellegrino, Heineken, Nordkorea.
Schauen Sie nie in einen Spiegel, wenn Sie einen Alptraum haben. Ich habe es getan. Mein Gesicht war leichenblass, ohne Mund und ein Auge war vollkommen rot. Ich trat näher und betrachtete dieses eine Auge. Es war, als würde ich in einen Vulkan hinabschauen. Eine lodernde Hölle. Als routinierter Träumer sprang ich aus dem Fenster. Normalerweise kommt man nicht unten an, sondern wacht vorher auf. Diesmal war es anders. Wieso habe ich schlecht geträumt? Am Tag und am Abend zuvor habe ich einen neuen persönlichen Rekord im Lesen aufgestellt: 375 Seiten! Bisher lag der Rekord bei 320 Seiten an einem Tag. „Onkel Toms Hütte, Berlin“ von Pierre Frei. Ein Kriminalroman um einen Serienmörder im Herbst 1945 mit furchtbaren Rückblenden via Opferbiographien in die unfassbaren Nazi-Jahre mit Gestapo-Terror, KZ und Bombenkrieg. Für Freunde einer gepflegten Nachtruhe nicht zu empfehlen.
Wie empfindlich und mäkelig die Leute sind. Als würde Deutschland aus 80 Millionen Mitgliedern des Hochadels bestehen.
„Mehr! Schneller!“ So bellt der Wirtschaftswissenschaftler. „Mehr! Schneller!“ Auch das Kapital hat seinen Rottweiler.
Im Internet bin ich Datenproduzent. Der fette Konzern ist nur Datenkonsument. Ist das schon die Revolution, Onkel Charlie?
Demo gegen die AfD, Berlin, 27.5.2018. Copyright: Jens Schulze.