Donnerstag, 31. Mai 2018

Warte auf den nächsten Tag

Er hatte eine Penthouse-Wohnung mit Blick über die ganze Stadt. In alle vier Himmelsrichtungen erstreckte sich eine begrünte Terrasse. Durch die Panoramascheiben seines Wohnzimmers konnte er das Regierungsviertel und die Stadtmitte bis zum Fernsehturm sehen. Er wusste nicht einmal, wie hoch die Miete für seine luxuriösen hundertvierzig Quadratmeter war.
Maximilian Birkenklang hatte es geschafft. Staatssekretär im Bundeswirtschaftsministerium mit 35 Jahren. Lupenreine Parteikarriere. Seine Frau wartete in seinem Reihenhaus im Sauerland, wo er seinen Wahlkreis hatte. Er nippte an seinem Gin Tonic und sah schweigend aus dem Fenster.
Das Kanzleramt schien zu brennen. Auf den Straßen waren Schüsse zu hören. Die Beamten vom Sicherheitsdienst hatten ihn in seine Dienstwohnung gebracht und ihm eingeschärft, sie nicht zu verlassen. Dann waren sie in die Nacht verschwunden. Keine Anrufe, keine Mails, nichts. Birkenklang saß in seinem schwarzen Ledersessel und wartete.
Die Nachrichtenlage war unübersichtlich. Die öffentlich-rechtlichen Sender berichteten von einem Putsch der Bundeswehr gegen die Regierung. Er sah die verwackelten Bilder einer Panzerkolonne auf dem Ku’damm. Die Privatsender erzählten eine andere Geschichte: Innenminister Seehofer habe die Bundespolizei, die bayrische Landespolizei und die Geheimdienste zum Sturz der Regierung aufgerufen. Merkel sei bereits von ihren eigenen Personenschützern verhaftet und ins Gefängnis nach Moabit gebracht worden.
Was sollte er glauben? Auf seiner Timeline bei Facebook blühten die Gerüchte. Der Russe würde hinter der ganzen Sache stecken. Von einem kontrollierten Aufstand der Muslime war die Rede. Wütende AfD-Wähler forderten die User auf, jeden Menschen auf der Straße zu erschießen, der wie ein Türke, ein Araber oder ein Nordafrikaner aussah. Linke Gruppen riefen zur Revolution und zur Enteignung der Ausbeuter auf. Jetzt sei endlich die Zeit gekommen, die Paläste der Reichen zu stürmen.
Die Lage war ernst. Selbst der Aktienhandel an der Frankfurter Börse war ausgesetzt worden. Der ARD-Brennpunkt hörte gar nicht mehr auf. Birkenklang schaltete auf CNN um. Vielleicht wussten die Amerikaner mehr? Dort berichtete ein Korrespondent, der die Vorgänge aus seinem Hotelfenster im Adlon beobachtete, dass Polizei und Militär sich im Kampf um die Macht befänden. Die Generäle der Bundeswehr hätten die Verteidigungsministerin von der Leyen abgesetzt. Als man sie verhaften wollte, hätten sie eine Militärdiktatur ausgerufen, die Neuwahlen organisieren wolle. Unterstützung hätten die Generäle von AfD-Anhängern und anderen rechten Kräften in ganz Deutschland. Überall sei das Militär aus den Kasernen ausgerückt und habe Rathäuser und Sender besetzt.
Birkenklang nahm einen tiefen Zug aus der Ginflasche. Für welche Seite sollte er sich entscheiden? Du musst ruhig bleiben, sagte er sich. Warte erstmal ab. Am Ende schlägst du dich auf die Seite der Gewinner. So hatte er es immer gemacht.
Jemand klopfte an seine Wohnungstür.
Wer war es? Würde man ihn befreien oder verhaften? Sollte er aufstehen oder einfach sitzenbleiben?
Sein ganzes Leben hing von diesem Klopfen ab.